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Zum Tod von Joachim Kaiser BR-KLASSIK-Redakteure erinnern sich

Joachim Kaiser war häufiger Gast in den Münchner BR-Studios. Seine berühmten Sendereihen beim Bayerischen Rundfunk wie "Kaiser's Corner", "Der Treffpunkt" und das "Nachtstudio" sind Legende. Für BR-KLASSIK, damals noch Bayern 4 Klassik, hat er den 21-teiligen "Kaisers Konzertführer" produziert. Wie die Zusammenarbeit mit dem großen Kritiker war - und welche liebenswerte Marotten und Eigenarten er hatte: BR-KLASSIK-Redakteure erinnern sich.

Kulturkritiker Joachim Kaiser | Bildquelle: picture-alliance/dpa

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Erst einmal ein Croissant

"Sage und schreibe 150 Folgen der Sendung 'Kaiserʼs Corner' durfte ich mit Joachim Kaiser produzieren - und erlebte eine Persönlichkeit, die irgendwie aus der Zeit gefallen schien: Meist kam er erhitzt durch die Fahrradfahrt im Aufnahmestudio an. Während er aus einem kleinen Reisekoffer seine privaten CDs für die nächste Sendung auspackte und seine Pantoffeln anzog, um entspannt aufnehmen zu können, reichte ihm die Tontechnikerin oft erst einmal ein Croissant. Während er vergnügt kaute, versetzte er uns bereits mit seiner grenzenlosen Kenntnis der Musikliteratur oder Anekdoten von berühmten Künstlern in Erstaunen. Dann setzte er sich vors Mikrofon. Wie er sich in seinen auf der Schreibmaschine getippten, mit unzähligen Anmerkungen versehenen Manuskripten beim Sprechen zurechtfand, bleibt mir ein Rätsel. Aber seinen unnachahmlichen Duktus und sein Timbre habe ich bis heute im Ohr. In der ersten Folge von 'Kaiserʼs Corner' zitierte er das Wort von Franz Grillparzer, dass 'beredete' Musik wie ein erzähltes Mittagessen sei - um sich dann mit größtem Enthusiasmus der Analyse von klassischen Werken in einer mehrgängigen Menüfolge zu widmen."

Doris Sennefelder, Musikredakteurin bei BR-KLASSIK

Musikstücke sind keine Opus-Zahlen, sondern Individuen

"Die Produktion und erfolgreiche Ausstrahlung der 21-teiligen Sendereihe 'Kaisers Konzertführer' Anfang der 1990er habe ich noch in lebhafter und guter Erinnerung. Spannend war schon die redaktionelle Auswahl der 21 Meisterwerke, mit der Joachim Kaiser keinen Kanon der Klassik präsentieren wollte, sondern einen persönlich gefärbten Querschnitt durch das Repertoire. Da wir aber schon eine mögliche spätere CD-Veröffentlichung der Reihe im Auge hatten, galt es auf einen möglichst hohen Anteil von BR-Aufnahmen bei den Musikbeispielen zu achten. Und auch wenn Joachim Kaiser seinen eigenen Vorstellungen und Wünschen bei der Musikauswahl durchaus temperamentvoll Nachdruck verleihen konnte, hatte er dann doch immer Verständnis für die Anforderungen des Mediums, was sich in der Produktion bei den vielen und intensiven Aufnahmesitzungen glücklich auswirkte. Unvergesslich geblieben ist mir schließlich noch das anregende Gespräch mit Joachim Kaiser über ein Motto, das wir für die CD-Vorstellung der Konzertführer-Reihe brauchten und für das dieser große Publizist und Kritiker die folgenden, mich heute noch bewegenden Worte fand: 'Musikstücke - das will ich zeigen - sind keine Opus-Zahlen, sondern Individuen, die von Menschen in bestimmten Lebenssituationen erfunden wurden. Ich will zeigen, warum klassische Musik etwas ist, wofür es sich lohnt, eine gewisse Mühe aufzuwenden und Zeit zu opfern, wofür es sich lohnt zu leben."

Michael Schmidt, Musikredakteur bei BR-KLASSIK

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