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Zum Tod des Trompeters Jon Hassell Ein flüsternder Revolutionär

Er löste Grenzen auf: Der 1937 in Memphis (Tennessee) geborene Trompeter Jon Hassell machte Musik mit Peter Gabriel und den Talking Heads, komponierte für das Kronos Quartet – und spielte Töne von schier unendlicher Ruhe. Am 26. Juni ist Hassell im Alter von 84 Jahren gestorben.

Jon Hassell | Bildquelle: Roman Koval

Bildquelle: Roman Koval

Viele kannten ihn wohl, ohne dass sie seinen Namen wussten. In Aufnahmen unterschiedlichster Stile konnte man ihn hören: ob mit dem amerikanischen Slide-Gitarrenstar Ry Cooder, dem großen britischen Experimental-Popmusiker Brian Eno oder dem italienischen Song-Energiebündel Alice. Wenn in Aufnahmen von ihnen eine geheimnisvolle, sphärisch klingende Trompete auftauchte, die der Musik in leicht angerauter Ruhe eine weitere Dimension verlieh, dann stammte sie von Jon Hassell. Dieser amerikanische Trompeter und Komponist war ein leiser Kreativer, der es verstand, den musikalischen Raum zu weiten. Einer jener Musiker, die es schafften, dass zart-schwebende Klänge Grenzen sprengten. Seine Musik: ein Flüstern, das Klangwelten veränderte.

Auch als Komponist dem Nie-Gehörten auf der Spur

Besonders nah kommt man seiner Musik beim Hören eines Stücks, das er für das extravagante unter den Streichquartett-Ensembles schrieb, das amerikanische Kronos Quartet. Von 1985 stammt dieses knapp 20-minütige Stück mit dem Titel "Pano da Costa" – und in dem die vier Streichinstrumente manchmal klingen, als sei im Hintergrund noch indische Percussion dabei. Ein Irrtum: Es waren "nur" die Streicher,  aber vom Komponisten so eingesetzt, dass ihre Töne gewohntes Terrain verließen. Auch bei "Houses in motion" von der amerikanischen Intellektuellen-Rockband Talking Heads schien die Trompete aus einer die Kontinente übergreifenden, anderen Welt zu kommen: Unerwartetes, nie so Gehörtes.

Zwischen Jazz, Rock und Avantgarde

Jon Hassell, geboren am 22. März 1937 in Memphis (Tennessee) interessierte sich schon früh für die ruhigen, aber hintergründigen Töne des Cool Jazz, studierte in Köln bei Karlheinz Stockhausen, traf in den späten 1960er Jahren, zurück in den USA, auf den Minimal-Music-Pionier Terry Riley – jenen Großmeister fein verschobener musikalischer Wiederholungen, die eine besonders raffinierte Trance schaffen können – und war sogar an dessen Erst-Aufnahme des Minimal-Music-Klassikers "In C" beteiligt. In den frühen 1970er Jahren nahm er bei dem klassischen indischen Sänger Pran Nath Unterricht, durch den er zu seinem ganz eigenen, die Musikwelten transzendierenden Trompetenstil fand: ein ruhiger Fluss von Tönen, die sich häufig im mikrotonalen Bereich bewegten und denen ein stets mithörbarer Lufthauch eine besondere Intimität verlieh. Musik, die zugleich menschlicher Atem ist.

Kosmopolit mit nachhaltigem Einfluss

Hassell – der übrigens fließend deutsch sprach – war in den letzten Jahrzehnten auf vielen Jazzfestivals zu erleben, unter anderem beim New Jazz Festival im niederrheinischen Moers oder auch beim JazzFest Berlin – aber das Wort "Jazz" oder auch Begriffe wie "Fusion-Musik" oder "Weltmusik" beschreiben seine künstlerische Spannweite nur unzureichend. Die feinen Linien der Jazz-Ikone Miles Davis waren ein Ausgangspunkt für ihn. Er sponn sie weiter zu einem völlig eigenen, sehr introvertierten Stil, der schon durch die Auflösung normaler Tonschritte eine Annäherung an andere Musikkulturen schuf. Das Spiel jüngerer und vielfach gefeierter Trompeter des Jazz und jazzverwandter Musik wie Nils Petter Molvaer oder Arve Hendriksen – zweier avantgardistischer Norweger – würde ohne Jon Hassell vermutlich anders klingen. Die Musikwelt wäre enger ohne diesen Kosmopoliten, der das Neue nicht aufgrund des spannenden Effekts suchte, sondern weil er stets neue Klangwelten durchdringen wollte. Jemand wie er sollte Vorbild für viele Musiker sein.

Sendung: "Leporello" am 28. Juni 2021 ab 16:05 Uhr auf BR-KLASSIK

Kommentare (1)

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Montag, 28.Juni, 18:28 Uhr

Bea.e Schwär.ler

Zum Tod des Trompeters Jon Hassell

Wie wenig wußte ich doch vom Jazz und seinen Ausdrucksmöglichkeiten, viel zu lange.
Jon Hassell - Herr Spiegel, ich werde genau hinhören, wenn Sie ihn spielen lassen.
Und ganz still sein.

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