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Kritik - "Ball im Savoy" in Eggenfelden Held am zerbrochenen Flügel

Paul Abraham landete mit seiner Syphilis im Irrenhaus, aber mit etwas bitterer Ironie ließe sich behaupten: Dort trafen sich die Normalen, die Verrückten liefen damals zumindest in Deutschland frei herum. Als Hitler an die Macht kam, war der gebürtige Ungar Paul Abraham einer der erfolgreichsten Jazz-Operettenschreiber Berlins, ganz auf der Höhe der Zeit.

Operette "Ball im Savoy" von Paul Abraham | Bildquelle: © Theater an der Rott

Bildquelle: © Theater an der Rott

Nach dem Exil, zurück in Hamburg, war Abraham nicht nur schwerkrank, sondern auch verfemt und vergessen. Insofern hat es schon seinen Sinn, dass fast alle Regisseure, die seine Werke heute inszenieren – und das ist erfreulicherweise neuerdings wieder sehr häufig der Fall – die tragische Lebensgeschichte dieses Paul Abraham fast immer mit auf die Bühne bringen, meist rückblickend, aus der Perspektive des alten Künstlers, der ein Unvollendeter blieb.

Großartig und mitreißend

Auch Rainer Holzapfel, der am Eggenfeldener Theater an der Rott Regie und Ausstattung für den "Ball im Savoy" übernommen hatte, lässt Paul Abraham auftreten: Armin Stockerer spielt ihn als freundlichen, aber melancholischen Herrn, der im unscheinbaren grauen Anzug versucht, sich unter all den Nervenärzten und Krankenschwestern um ihn herum irgendwie zurechtzufinden. Versonnen sitzt er an einem zerbrochenen Flügel und spielt für das Personal der Nervenklinik alte Melodien, die einst Schlager waren: ein trauriges, ein ergreifendes Bild. Für den "Ball im Savoy" gibt Abraham die Regie-Anweisungen: Vornehm, zurückhaltend, einfühlsam. Großartig und mitreißend, was Rainer Holzapfel da an Deutschlands einzigem Landkreis-Theater auf die Beine gestellt hat: So unterhaltsam, so zeitgemäß und frech ist Operette auch an viel größeren Häusern selten zu erleben.

Kitschfrei, rasant, nie schlüpfrig

Operette "Ball im Savoy" | Bildquelle: © Theater an der Rott Bildquelle: © Theater an der Rott Daran hat der spanische Choreograph Daniel Morales Pérez erheblichen Anteil: Irrwitzig und schwindelerregend, wie akrobatisch, wie humorvoll und schwungvoll er die Tänzer und Sänger durch die Kulisse bewegt. Viel äußerer Aufwand ist dafür gar nicht nötig: Neben dem zerstörten Flügel und ein paar Holzstühlen reichen ein weißer Vorhang und eine kreisrunde, effektvolle Deckenbeleuchtung, die das Geschehen in allen Farben des Regenbogens begleitet – mal grell bunt, mal in sündigem Rot, mal in gleißendem Gelb. Dieses optische und musikalische Niveau wurde vom Publikum völlig zurecht mit stehenden Ovationen gefeiert. Operette ganz kitschfrei, rasant und voller Anzüglichkeiten, ohne jemals schlüpfrig zu sein.

Der Mann hat nicht die Hosen an

Für die Entstehungszeit (die Uraufführung war 1932) fast schon ein feministisches Werk, geht es doch in erster Linie um eine Frau, die ihrem Ehemann dessen Untreue mit gleicher Münze heimzahlt, und zwar öffentlich und ohne Reue. Frauke Burg spielt diese Madeleine mit Eleganz und Selbstbewusstsein, Harald Wurmsdobler als ihr Gatte Aristide hat in dieser Beziehung streckenweise wirklich nicht mehr die Hosen an. Carolin Waltsgott ist als Daisy Parker das forsche, unabhängige Idealbild einer emanzipierten Frau, die sogar den paschahaften Türken Mustapha Bey, wunderbar lüstern gespielt von Markus Krenek, in Grund und Boden steppt.

Bunte Vögel und schräge Halbschatten-Gewächse

Dirigent Dean Wilmington begleitete das alles mit der Eggenfeldener Combo Sinnfonietta – Sinn wohlgemerkt mit zwei n. Das war jederzeit zu hören. Klar, Operette soll in erster und zweiter Linie amüsieren, aber in dritter eben auch gesellschaftlich relevante Themen satirisch aufs Korn nehmen, die Lebenslügen bloßstellen. Dann kann die Musik entlarvend wirken wie hier, dann ist das Mitklatschen förmlich befreiend. Ein Nazi in Tüllrock, der sich als Hund Gassi führen lässt, halbnackte Fetisch-Liebhaber, ein Exhibitonist auf hohen Absätzen, allerlei bunte Vögel und schräge Halbschattengewachse wie aus "Babylon Berlin" entsprungen, und das ausgerechnet im tiefsten Niederbayern. Und das tollste daran: Die Zuschauer hatten dabei einen Heidenspaß! Eine grandiose Gemeinschaftsleistung und eine angemessene Reverenz an Paul Abraham, der am Ende, ganz allein gelassen, zu Tränen rührt.

Sendung: "Allegro" am 11. März 2019, ab 6.05 auf BR-KLASSIK

"Ball im Savoy" im Theater an der Rott

Operette von Paul Abraham

Weitere Termine: 15., 16. und 17. März

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