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Kritik – Ballett "Ghost Light" in Hamburg Das Virus führt Regie

Von Abstandsgeboten und Hygienekonzepten ließ sich Hamburgs Ballettchef nicht ausbremsen, er machte sie einfach zum Thema seiner neuen Arbeit. Alle Ensemble-Mitglieder sind dabei – und tanzen um das "ewige Licht" der verzweifelten Theaterbranche.

Szene aus dem Ballett "Ghost Light" von John Neumeier am Staatsballett Hamburg | Bildquelle: Kiran West

Bildquelle: Kiran West

Die Kritik zum Anhören

Eigentlich ist es ja nur eine Art Notbeleuchtung, eine ganz gewöhnliche Sicherheitslampe, die nachts auf der Bühne steht, damit sich da keiner im Dunkeln die Beine bricht. In englischsprachigen Ländern ist dieses "Ghost Light" ein Begriff, ein Metallständer mit einer einzigen Glühbirne, die heutzutage natürlich meist durch eine energiesparende LED-Leuchte ersetzt ist. Geisterlicht bleibt es trotzdem, einerseits wegen der schemenhaften Minimalbeleuchtung, andererseits, so sagen die Theaterleute, weil im Halbschatten dieses "Ghost Light" die Seelen der verstorbenen Künstler Nacht für Nacht auftreten.

Sehnsucht und Angst beim Geisterlicht

Jetzt, in der Pandemie, wurde aus der lapidaren Bühnen-Funzel fast eine Art "ewiges Licht", ein Zeichen der Hoffnung, brennt doch auf vielen der 41 Broadway-Bühnen in New York, aber auch in London und Sydney seit Monaten nur noch dieses "Ghost Light" – und bis ins nächste Jahr hinein wird sich daran auch wohl nichts ändern. Auch in Hamburg steht es mitten auf der Bühne, die ganzen rund 100 Minuten, die John Neumeiers gleichnamiges Werk in Anspruch nimmt. Sehnsuchtsvoll schauen die Tänzer am Ende in dieses Licht, sehnsuchtsvoll, ängstlich und verunsichert.

"Ghost Light' ist ein Ensemble-Ballett, das ich in Fragmenten entwickle", sagte Neumeier im Vorfeld der Uraufführung: "Es ist vergleichbar mit einzelnen Instrumental-Stimmen einer Symphonie – oder einem traditionellen japanischen Essen: eine Folge sorgsam arrangierter, hoffentlich 'köstlicher' Miniaturen. Wie die einzelnen Teile sich letztlich zu einem Werk verbinden, wird von dem Moment abhängen, an dem wir uns auf der Bühne wieder nahe kommen und anfassen dürfen."

Manche Rolle ist für immer weg

Szene aus dem Ballett "Ghost Light" von John Neumeier am Staatsballett Hamburg | Bildquelle: Kiran West Wurde am 6. September 2020 in Hamburg uraufgeführt: "Ghost Light" von John Neumeier | Bildquelle: Kiran West Bei seiner kurzen Begrüßung der notgedrungen wenigen Zuschauer bricht Neumeier fast die Stimme, als er sich bei seinem Ensemble für die Arbeit in den letzten Monaten bedankt. Seit Februar gab es keine Auftritte mehr – sieben lange Monate –, und wer weiß, wie kurz die Karriere von Spitzentänzern ist, der kann diesen Zeitraum aus deren Sicht gewiss richtig einschätzen, zumal es ja weiterhin erhebliche Einschränkungen geben wird und manches Projekt, manche Rolle schon jetzt für immer entschwunden ist.

Seit Ende April setzte Neumeier tägliche Proben durch, seit Mitte Mai war er fest entschlossen, über die Erfahrungen des Ensembles in der Pandemie ein neues Stück zu choreographieren. Fast entschuldigend wiederholte der Meister des neoklassischen Handlungsballetts, nein, eine Geschichte könne er diesmal nicht bieten, nur Fragmente, mehr oder weniger flüchtige Eindrücke aus dem Alltag der Tänzerinnen und Tänzer.

Griffe ins Leere, Gesten der Wut

Und die sind teilweise am Boden zerstört, jedenfalls knallen sie in "Ghost Light" immer wieder der Länge nach auf die Bühne, verrenken verzweifelt ihre Glieder, greifen ins Leere, laufen gegen eine Wand, verlieren sich immer wieder beim Pas de Deux, denn Berührungen, die sind ja heutzutage nicht nur im Ballett potentiell lebensgefährlich. Der eine oder andere Solist beugt sich hinunter zum Tanzboden, hebt von dort scheinbar vorsichtig etwas auf, sucht Halt. Plastikstühle werden mal ausgelassen geworfen, mal geschoben, dienen auch mal als Parkplatz für Langeweile: Probenalltag eben, wenn bis auf Weiteres keine Vorstellung in Sichtweite ist. Die einen drehen durch, andere flüchten sich in Kindereien, wieder andere motivieren, helfen, ringen um Stabilität, verbarrikadieren sich hinter ihrer stoischen Fassade.

Überraschend, dass Neumeier nicht nur alle seine Ensemble-Mitglieder aufbietet, sondern auch zehn, fünfzehn von ihnen jeweils gleichzeitig auftreten lässt – wie zum Trotz. Und als Zeichen seiner Trauer und auch wohl Wut zitiert Neumeier mit zwei Kostümen seine "Kameliendame" von 1978 und mit einem Nussknacker-Requisit seinen gleichnamigen berühmten Klassiker, mit dem er seit 1971 Furore macht. Erinnerungen also an eine scheinbar ferne Zeit, von der derzeit niemand sagen kann, ob und wann künstlerisch wieder an sie angeknüpft werden kann.

Das Virus führt Regie - im Saal und auf der Bühne

Szene aus dem Ballett "Ghost Light" von John Neumeier am Staatsballett Hamburg | Bildquelle: Kiran West Untertitel der neuen Choreographie von John Neumeier: "Ein Ballett in Corona-Zeiten" | Bildquelle: Kiran West Ein berührender Abend, ohne Zweifel, vielleicht etwas allzu schwermütig durch das Solo-Klavier, auf dem der polnische Pianist Michał Białk mit wehmütiger, ja heiliger Intensität Schubert spielt. Klar: Wenn nur wenige Zuschauer sehr locker verteilt im Saal sitzen, wenn das Virus so unübersehbar Regie führt vor und auf der Bühne, wenn eine Ballett-Legende wie John Neumeier beinah aus der Fassung gerät, dann kommt das "Geisterlicht" mit seinem dünnen Strahl dagegen schwer an. Und doch ist es ein unübersehbares Zeichen gegen die totale Düsternis – und deshalb vielleicht die wichtigste Uraufführung seit langem.

Sendung: "Allegro" am 07. September 2020 ab 6.05 Uhr auf BR-KLASSIK

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