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Kritik: "La Calisto" in Nürnberg Mit Shame, Schamhaar und Motorrad

In der antiken Mythologie sind die Götter alles andere brav: Da wird intrigiert, getrunken und fremdgegangen, als wäre ihnen nichts heilig. Der Göttervater Zeus, oder Jupiter, war den Geschichten nach einer der schlimmsten. Von einer seiner Episoden erzählt Francesco Cavallis Oper "La Calisto". Am Samstagabend feierte die Neuinszenierung von Jens-Daniel Herzog Premiere am Staatstheater Nürnberg.

Szenenbild Staatstheater Nürnberg, Francesco Cavallis Oper "La Calisto", Regie: Jens-Daniel Herzog Musikalische Leitung: Wolfgang Katschner  | Bildquelle: Ludwig Olah

Bildquelle: Ludwig Olah

"Fridays for Future" ist nun auch in der Götterwelt angekommen: Die Nymphe Calisto sitzt nicht einfach ihre Schulzeit bei Jagdgöttin Diana ab, sondern warnt vor dem Klimawandel, und zwar mit so vielen guten Argumenten, dass ihr dafür eine Schultafel kaum reicht. Eine antike Greta Thunberg, sozusagen. Antike Mythen und moderne gesellschaftliche Debatten schließen sich nicht aus, sondern können hervorragend zusammenpassen – und dabei sogar lustig sein. Das beweist Francesco Cavallis "La Calisto" in der Inszenierung von Jens-Daniel Herzog am Staatstheater Nürnberg.

La Calisto im Mädcheninternat

Die Vorlage für die barocke Oper kommt vom römischen Dichter Ovid: Es geht um den ewig lüsternen Göttervater Jupiter und um die Nymphe Calisto, die von Männern nichts wissen darf und will. Jupiter will sie trotzdem ins Bett kriegen, verwandelt sich in Calistos Meisterin, die Jagdgöttin Diana, und kann die junge Nymphe so verführen. Die echte Diana hat auch einen Liebhaber, den jugendlichen Endymion; dazu treten noch einige größere und kleine Göttergestalten auf – ein guter Unterbau für reichlich Intrigen, Verwandlung und Verwirrung.

"La Calisto" am Staatstheater Nürnberg | Bildquelle: Ludwig Olah Bildquelle: Ludwig Olah Bei Jens-Daniel Herzog spielt diese Handlung in einem elitären Mädcheninternat, in dem die jungen Nymphen adrette Schuluniformen tragen, Kampfsport üben und eben gegen den Klimawandel protestieren. Göttervater Jupiter ist dagegen schnöseliger Politiker im Nadelstreifen-Anzug, dem die Menschen und erst Recht diese Sache mit dem Klima egal ist. Hier herrscht Realismus, keine Zauberei: Echte Schulräume, echte Kleidung, echte Triebe. Die Götter werden menschlich.   

Fallhöhe durch Schmuddelwitze

Und so haben mythischen Figuren eben einen Bierbauch, tragen Vokuhila, schrauben an ihren Motorrädern rum und träumen von Pinup-Girls. Dazu gibt es reichlich Sex, Slapstick und Schamhaare. Das ist ein Balanceakt auf der hauchdünnen Grenze zwischen Humor und Albernheit – der meist aber gut gelingt.

Bilder von der Inszenierung finden Sie hier.

Die Gags sind nämlich nicht nur Selbstzweck. Regisseur Herzog baut mit den Witzen eine Fallhöhe auf, die er dann erbarmungslos ausnutzt: Die Prolls stehen für ein altes Männerbild, das mit den echten Gefühlen des zarten Endymion nicht umgehen kann. Und obwohl Calisto von Jupiter missbraucht wird, wird sie nicht als Opfer, sondern als "Nutte" behandelt, ausgestoßen und gebrochen. "Victim blaming" nennt man das heute. Als so die scheinbar witzige Verführung des mächtigen Mannes zusammenfällt – da merkt man, dass es auch in der Antike schon "MeToo" gab.

"La Calisto" am Staatstheater Nürnberg | Bildquelle: Ludwig Olah Bildquelle: Ludwig Olah So gut dieser Gegenwartsbezug funktioniert, so sehr zeigen die Nebenhandlungen manche Schwäche, besonders die Liebe zwischen dem zarten Endymion und der Göttin Diana ist recht blass gestaltet. Regisseur Herzog fehlte hier offensichtlich eine klare Idee, wie diese Geschichte in die Moderne übersetzt werden kann. Weil Calistos eigene Geschichte vollends überzeugt, ist das aber verkraftbar.

Die Musik bleibt leicht und durchsichtig

Julia Grüter als Calisto gelingt es, sowohl das Lustige wie auch das Tragische dieser Rolle zu zeigen. Dazu singt sie großartig, mit einem reinen Klang, der die Verletzlichkeit der jungen Calisto musikalisch illustriert. Jochen Kupfer ist als Jupiter das passende Gegenstück, kräftig und volumenreich, aber dennoch beweglich – auch die hohe Kopfstimme der Diana gelingt ihm anscheinend mühelos. Mit Wolfgang Katschner am Pult haben die Sänger einen musikalischen Leiter vor sich, der genau weiß, wie er die Alte Musik anfassen muss. Katschner hat Musikstücke ergänzt und die zu Cavallis Zeiten schmale Besetzung in allen Registern erweitert. Trotzdem wird die Musik selten laut, sondern ist leicht und durchsichtig.

Wer den Klimawandel für eine Lüge hält, "MeToo" überflüssig findet und auch der Meinung ist, dass Sex und Nacktheit auf keinen Fall auf eine Bühne gehören, dem wird "La Calisto" nicht gefallen. Alle anderen erwartet eine Inszenierung die lustig, traurig und nachdenklich zugleich ist.

Sendung: "Allegro", am 25. November 2019 ab 6:05 Uhr auf BR-KLASSIK

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