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Kritik - "Karl V." an der Bayerischen Staatsoper Wasserfall und Feuersturm

1934 sollte "Karl V." von Ernst Krenek an der Wiener Staatsoper uraufgeführt werden, doch dann knickte der Hofoperndirektor Clemens Krauss vor den Nazis ein und setzte die Premiere ab. Regisseur Carlus Padrissa hat seine Inszenierung mit Hilfe der Theatergruppe "La Fura dels Baus" gehörig aufgepeppt.

Karl V. | Bildquelle: © W. Hösl

Bildquelle: © W. Hösl

"Wir aber wollen Deutsche sein, nicht Weltbürger!" So brüllen die Landsknechte in Ernst Kreneks Geschichtspanorama "Karl V.". Könnte eine Oper aktueller sein? Wie Karls Weltreich zerbröselt die Europäische Union, überall erstarkt der totgeglaubte Nationalismus. Kreneks Parabel kommt also zur rechten Zeit. Und gottlob hat die Bayerische Staatsoper in ihrer Fassung die endlosen gesprochenen Passagen Kreneks auf ein Mindestmaß gekürzt.

Zu wenig Klangbalance

Leider hat das Haus die Klangbalance zwischen Singen und mikrofonverstärktem Sprechen nicht in den Griff bekommen. Vor allem, wenn zur Musik gesprochen wird, melodramatisch, rhythmisch fixiert, ist das viel zu laut. Kreneks hochexpressive Musik, mit Saxophon oder Mandoline raffiniert instrumentiert, ist voll rhythmischer Verve und kantabler Lyrik. So schön, so glutvoll und Mahler-nah kann Zwölftonmusik klingen!

Flucht nach vorn mit La Fura dels Baus

Karl V. | Bildquelle: © W. Hösl Bildquelle: © W. Hösl Vieles erinnert an die Musiksprache von Alban Berg und Arnold Schönberg – nur vertonten die Kollegen in ihren Opern ungleich packendere, dringlichere Stoffe. So tritt denn auch Regisseur Carlus Padrissa die Flucht nach vorn an, um Kreneks dröge Geschichtsstunde nach allen Regeln von La Fura dels Baus aufzupeppen. Die Katalanen haben ihre bekannte Theatermaschinerie technisch virtuos hochgerüstet. Die Bühne ist knöcheltief mit Wasser geflutet, vielfach verschiebbare Spiegelflächen erlauben zusammen mit den kosmischen Video-Projektionen magische Raumeffekte. Dazu kommen die artistisch an variablen Seilen hängenden Menschen-Skulpturen. Und Luther predigt vom Zuschauerraum aus.

Hören Sie hier den Mitschnitt der kompletten Opern-Premiere von "Karl V."

Zwischen Wasserfall und Feuersturm

Das gesamte Dekor hat die spanische Malerin Lita Cabellut entworfen, das Ensemble in symbolträchtige Fantasie-Kostüme gesteckt. Wie Krenek verzichten auch die Katalanen auf jedes Renaissance-Kolorit. Aber das ganze Setting bleibt an der gefälligen Oberfläche, viel zu harmlos, im Gegensatz zum Stück ohne jeglichen Bezug zum Heute. Dass da ein Staatsmann sein Leben resümiert, militärische, politische und religiöse Konflikte ausficht, in der Todesstunde sein Scheitern eingesteht – das bleibt doch alles recht beliebig zwischen Wasserfall und Feuersturm.

Exzellent besetzt

Karl V. | Bildquelle: © W. Hösl Bildquelle: © W. Hösl Die Bayerische Staatsoper hat keinen Aufwand gescheut, das riesige Personal bis in die kleinsten Rollen hinein exzellent zu besetzen. Mit Strahlkraft verkörpert Gun-Brit Barkmin Karls Schwester Eleonore, der Krenek viel Arioses in die Stimme komponiert hat. Okka von der Damerau und Anne Schwanewilms sorgen in ihren kurzen Auftritten für verführerischen Wohlklang. Und Wolfgang Ablinger-Sperrhacke gibt dem französischen Widersacher Franz dem Ersten markantes Profil. Lautstark verteidigt Scott MacAllister als Jesuit Borgia die Dogmen der Kirche. Angenehm, wie der junge Schauspieler Janus Torp das Pathos des Beichtvaters herunterdimmt. Stellario Fagone hat den stimmgewaltigen Staatsopernchor wieder hervorragend einstudiert. Enormes leistet der Dirigent Erik Nielsen – imponierend, wie umsichtig, klar und differenziert er das Bayerische Staatsorchester durch Kreneks hochanspruchsvolle Partitur steuert. Auch wenn die Kräfte des Schmerzensmannes Bo Skovhus im Lauf des Abends nachlassen – wie Skovhus sich diese Monsterpartie angeeignet hat, wie er sich mit diesem Karl identifiziert, grenzt an Selbstentäußerung. Am Ende ermutigender, ungetrübter Applaus. Wer seinen Horizont erweitern möchte: Nichts wie hin!

Sendung: "Allegro" am 11.02.2019 ab 6:05 Uhr auf BR-KLASSIK

Kommentare (1)

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Montag, 11.Februar, 16:26 Uhr

Opernzeisig

Hochspannung

Kreneks "dröge Geschichtsstunde"?? Ich fand ganz im Gegenteil viel Hochaktuelles in den Texten und das Kaleidoskop der Geschehnisse atemberaubend - was freilich auch der Inszenierung zu danken ist, die diesmal "die Oper auf Händen trug", würde ich sagen [aber eine Inszenierung 8inszeniert ja ein Etwas!]. Beliebig? Ich weiß nicht, ich könnte nicht erklären, warum dieses und jenes nun genau so war, wie es war - aber ich war selten in einer Opernaufführung, die derart spannend war!!! Zwei höchst anstrengende, aber absolut packende Stunden.

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