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Kritik – Münchner Philharmoniker Soeng-Jin Cho und Lahav Shani - Feingeist trifft Energiebündel

Was Lang Lang für China, ist Seong-Jin Cho für Südkorea. Seit Cho 2015 als erster Koreaner den Chopin-Wettbewerb gewann, ist er in seiner Heimat ein Superstar. Nicht nur dort. Bei den Münchner Philharmonikern war er am Mittwoch Solist im G-Dur-Klavierkonzert von Ravel. Dirigiert hat ein anderer Jungstar: Lahav Shani, der auch die "Symphonie fantastique" von Berlioz im Gepäck hatte.

KONZERT MIT LAHAV SHANI UND SEONG-JIN CHO mit den Münchner Philharmonikern am 21. September 2022 | Bildquelle: Tobias Hase

Bildquelle: Tobias Hase

Die beiden sind Wahlberliner und etwa gleich jung – aber völlig unterschiedliche Typen. Trotzdem oder deswegen harmonieren sie erstaunlich gut: Feingeist trifft Energiebündel. Seong-Jin Cho (28) ist ein schmaler Typ mit mittellangen Haaren, die er bei virtuosen Stellen fliegen lässt. Beim Spielen bewegt er sich organisch und lässig, als würde er die schwierigsten Passagen mal eben aus dem Handgelenk schütteln. Lahav Shani (33) ist kräftiger Typ, der keinen Stab braucht, um rhythmisch zuzupacken. Beim Dirigieren gibt er die Impulse gern mit den Ellenbogen und dem ganzen Oberkörper. Kraftvoll, aber nicht hart oder bevormundend. Und mit großer Einfühlungskraft – die Tempofreiheiten, die Cho sich am Klavier nimmt, übersetzt Shani souverän für das Orchester.

Faszinierender Stilmix: Maurice Ravels Klavierkonzert

KONZERT MIT LAHAV SHANI UND SEONG-JIN CHO mit den Münchner Philharmonikern am 21. September 2022 | Bildquelle: Tobias Hase Der Pianist Soeng-Jin Cho bei seinem Konzert mit den Münchner Philharmonikern am 21. September 2022 | Bildquelle: Tobias Hase Das Ravel-Konzert, eines der ganz großen und trotz seiner Popularität unterschätzten Meisterwerke des 20. Jahrhunderts, lebt aus einem faszinierenden Stilmix. Die ganze Klangmagie des Impressionismus steckt darin, aber auch die damals aufregend neue Welt des Jazz. Den jüngeren Kollegen wie Igor Strawinsky, die Ravel mit ihrer Radikalität in den 20er Jahren scheinbar längst überholt hatten, bietet der späte Ravel souverän Paroli. Die vielen Dissonanzen in den schnellen Sätzen bereiten sinnliche Freude, machen süchtig, erzeugen Glückshormone beim Hören. Und der nostalgische Wohllaut im langsamen Mittelsatz ist gebrochen und voller Melancholie – jedenfalls alles andere als harmlos. Hinter seiner unwiderstehlich glitzernden Oberfläche ist dieses Stück verstörend doppelbödig und so abgründig tief wie ein Spiegelkabinett.

Spielt raffiniert, differenziert und witzig: Pianist Seong-Jin Cho

Lahav Shani setzt nicht auf impressionistischen Wohllaut, sondern holt die klanglichen Schärfen und Modernismen hervor. Manchmal wünscht man sich etwas mehr Klangsinn, dafür klingt das Stück in Shanis Lesart erfrischend kraftvoll. Kein Leisetreter-Ravel. Den bietet auch Seong-Jin Cho keineswegs, aber sein Zugriff ist raffinierter und differenzierter. Witziger auch. Akzente, rhythmische Finessen, Klangfarben – die Wachheit, mit der Cho gestaltet, bereitet ein in jedem Takt elektrisierendes Vergnügen. Nur die ganz schlichte, zu Herzen gehende Melodie, mit der der langsame Satz beginnt, wünscht man sich schlichter. Umso mehr entschädigt die Zugabe: Debussys "Claire de lune" entfaltet seinen Mondlichtzauber mit atemberaubendem Klangsinn – und doch ganz natürlich, frei atmend.

Lahav Shani dirigiert die Symphonie Fantastique von Hector Berlioz

Lahav Shani dirigiert die Münchner Philharmoniker am 21. September 2022 | Bildquelle: Tobias Hase Lahav Shani am Pult der Münchner Philharmoniker | Bildquelle: Tobias Hase Dieser für die französische Musik so wichtige Klangsinn ist es, den Lahav Shani schuldig bleibt. In der Carneval-Ouvertüre von Antonin Dvorak ist das kein Probelm – da lässt es sich zupackend musizieren, wie es Shani liegt. Auch in der monumentalen Symphonie Fantastique von Hector Berlioz entfesselt er enorme Energieströme. Bei der Enthauptung (der vierte Satz trägt die Überschrift "Gang zum Richtplatz") und dem abschließenden "Hexensabbat" öffnet er die Tore zur Hölle, wie sich das für dieses maßlose Werk gehört – ohne je die Kontrolle zu verlieren. Weniger überzeugend gelingt ihm die empfindliche "Szene auf dem Lande". Shani motiviert die Philharmoniker zwar zu feinstem pianissmimo, entlockt ihnen aber wenig Farbenzauber. Trotzdem – ein im besten Sinn energiegeladener Abend.

Sendung: "Allegro" am 22. September 2022, um 6:05 Uhr auf BR-KLASSIK

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