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Kritik - "Die lustige Witwe" in Eggenfelden Zu clever für Cancan

Diesmal haben die Grisetten die Hosen an: Am Theater an der Rott ist Franz Lehárs Erfolgsoperette von 1905 mit starken, selbstbewussten Frauen und eher farblosen Männern zu sehen. Das begehrte Geld wird geteilt.

Szenenbild "Die lustige Witwe", Theater an der Rott, Eggenfelden | Bildquelle: ©Sebastian Hoffmann

Bildquelle: ©Sebastian Hoffmann

Als das rosarote Schummerlicht eingeschaltet wurde, freute sich wahrscheinlich schon der eine oder andere Zuschauer auf Cancan, Rüschenröcke und einen Hauch von Pariser Revuekitsch, doch dann kam alles ganz anders. Die Grisetten im niederbayerischen Eggenfelden erwiesen sich als überraschend selbstbewusste, gut gelaunte und vor allem coole Frauen im Einheitslook: Schwarzer Bubikopf, rote Robe, Netzstrümpfe, Pumps.

Frauen auf Augenhöhe

Keine Figuren aus dem Operetten-Museum, sondern modern, fröhlich, total entspannt - und gewiss viel zu clever, um langweiligen Männern hinterher zu seufzen. Regisseurin Manuela Kloibmüller entstaubte die "Lustige Witwe" optisch wie inhaltlich - behutsam, aber doch deutlich.

Meine erste Ansage war: Ich möchte Frauen haben, die sich trauen, etwas auszudrücken.
Mauela Kloibmüller, Regisseurin

Aus diesem Anspruch haben sich sechs Grisetten herauskristallisiert. "Speziell war es mir nicht wichtig, nur die dünnsten und schönsten herauszunehmen - es sind wunderschöne Frauen, aber sie bedienen nicht nur das Klischee."

Das Geld wird geteilt

Szenenbild "Die lustige Witwe", Theater an der Rott, Eggenfelden | Bildquelle: ©Sebastian Hoffmann Bildquelle: ©Sebastian Hoffmann Beim eher konservativen Publikum von Deutschlands einzigem Landkreistheater sind Experimente gerade mit bekannten Operetten nicht gefragt. Deshalb ist jede Aktualisierung ein Risiko. Aber auch in Eggenfelden ist die Welt längst eine andere als zu Franz Lehárs Zeiten. Deshalb bekommt die 20 Millionen der titelgebenden reiche Witwe Hanna Glawari, nicht, wie im Originaltext, am Ende ihr neuer Ehemann Graf Danilowitsch - sondern das Geld wird ausdrücklich von beiden gemeinsam verwaltet. Sämtliche Frauen sind hier eigenständig und unabhängig, spielen gern mit den Kerlen und lassen nichts anbrennen.

Kassengestell ohne Gläser

Da diese "Lustige Witwe" im Juni auch open air im österreichischen Pramtal in der Nähe von Schärding zu sehen sein wird, war der technische Aufwand von vorneherein beschränkt. Ausstatterin Nina Ball hatte eine repräsentative Fassade mit kleiner Showtreppe entworfen. Auf dem unvermeidlichen großen Ball wird nicht Kaviar gereicht, sondern der Grill angeworfen, ein Verweis auf die kommende Freiluftsaison. Der pontevedrinische Staatschef ist als Pappfigur anwesend und sieht aus wie ein typischer Schmiergeld-Oligarch aus Osteuropa. Der trottelige Kanzlist der korrupten Botschaft, Njegus (erfrischend authentisch: Josef Forstner), trägt auf der Nase ein Kassengestell - ohne Gläser, aber "besser als nichts". Jedenfalls poliert er sie trotzdem.

Graf Danilo zu brav und bieder

Im Zentrum der "Lustigen Witwe" stehen natürlich die beiden Hauptfiguren: Julia Grüter ist eine ungewohnte, aber überzeugende Hanna Glawari - keine mondäne Dame, sondern burschikos, auch mal barfuß unterwegs, keck, offenherzig, wenig sentimental und stimmlich bezaubernd präsent. Harald Wurmsdobler als Graf Danilowitsch dagegen, im Nebenberuf Intendant der Pramtaler Sommeroperette, ließ das nötige filouhafte Charisma vermissen, das für diese Rolle unabdingbar ist. Er wirkte einfach viel zu brav und bieder, was ihn liebenswert machte - aber Alkoholexzesse im Pariser Revue-Leben waren ihm ebenso wenig zuzutrauen wie das Kokettieren mit einer Millionen-Erbschaft.

Mitgeklatscht wurde trotzdem

Glaubwürdiger waren Armin Stockerer als souveräner, keineswegs "beschränkter" Botschafter und Anna Magdalena Auzinger als dessen platinblonde, liebestolle Gattin. Martin Mairinger war ein herrlich tollpatschiger und ungelenker Liebhaber als Camille de Rossillon. Generell waren die Männer in diesem Fall jedoch etwas farblos und schlapp inszeniert, womöglich mit Absicht. Das Kammerorchester aus dem Innviertel unter Leitung von Gerald Karl spielte sehr gut geprobt auf, hier und da fast zu streng und kühl, was aber gut zum entschlackten Regiekonzept passte. Mitgeklatscht wurde natürlich trotzdem!

Nächste Aufführung von "Die lustige Witwe"
8., 13., 14. und 15. Apri. Weitere Termine finden Sie hier.

Sendung: "Allegro" am 9. April 2018, 06:05 Uhr auf BR-KLASSIK

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