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Kritik - Serebrennikov inszeniert "Nabucco" in Hamburg Gefangenenchor im Sitzungssaal

Weil der Regisseur Kirill Serebrennikov in Moskau unter Hausarrest steht, setzte der Choreograph Evgeny Kulagin dessen Anweisungen zur Inszenierung von Verdis "Nabucco" an der Hamburger Staatsoper um. Sowohl die Proben als auch Serebrennikovs Anmerkungen dazu wurden jeweils gefilmt und per USB-Stick übermittelt. Serebrennikov, der auch Bühne und Kostüme entworfen hat, hat die altbiblische Geschichte in einen heutigen Kontext gestellt.

"Nabucco" in Hamburg | Bildquelle: © Brinkhoff/Mögenburg

Bildquelle: © Brinkhoff/Mögenburg

Mit dem berühmten Gefangenenchor denken die Israeliten in der babylonischen Gefangenschaft sehnsüchtig an ihre Heimat. Kirill Serebrennikov zeigt dazu aktuelle Bilder, auf denen man in traurige Gesichter von Flüchtlingen blickt, darunter viele Kinder. Geht es heute um die Flüchtlingskrise, stehen meist der Separatismus vieler Staaten oder die Abschiebungen im Zentrum. Serebrennikov lenkt mit seiner "Nabucco"-Inszenierung den Blick darauf, wie sich die Menschen fühlen, die ihre kriegszerstörte Heimat verlassen mussten. Der Opernchor tritt beim Gefangenenchor in den Hintergrund. Flüchtlinge, die in Hamburg leben, stellen sich davor.

Flüchtlinge als Projekt-Chor

Später singen diese Flüchtlinge als Projekt-Chor in einer Umbaupause noch einmal Verdis Gefangenenchor. Das war zwar eindrücklich, aber es wirkte doch als ein bisschen zu viel. Denn schon zuvor hatte in jeder Umbaupause der Oud-Spieler Abed Harsony allein und mit der Sängerin Hana Alkourbah zu Herzen gehende Lieder aus Syrien gesungen, zu denen erschütternde Kriegsfotos des russischen Journalisten Sergey Ponomarev gezeigt wurden.

Breaking News kommentieren die Handlung

"Nabucco" in Hamburg | Bildquelle: © Brinkhoff/Mögenburg Bildquelle: © Brinkhoff/Mögenburg Kirill Serebrennikovs "Nabucco" spielt im Sitzungssaal des Sicherheitsrates der Vereinten Nationen. Da stehen sich die Integrationsbefürworter um ihren Führer Zaccaria und die assyrischen Nationalisten unter Nabucco gegenüber. Am Rednerpult singen sie ihre flammenden"Arien-Statements". Die biblische Geschichte funktioniert in diesem heutigen Kontext erstaunlich gut. Handlungsorte sind auch Büros um den Sitzungssaal. Auf Bildschirmen und Schriftbändern flackern ständig Nachrichten und Erklärungen zu Serebrennikovs Sicht der "Nabucco"-Handlung. Diese Informationsflut lässt sich kaum erfassen. Nicht immer ist klar, welche der widerstreitenden Parteien agiert. Hier war das Geschehen besonders in den vielen Chorpassagen zu statisch.

Machtehrgeiz und erotische Obessionen

Dafür sind vor allem Nabucco und seine Stieftochter Abigail psychologisch eindrücklich profiliert. Der größenwahnsinnige Nabucco erklärt sich zum Gott und wird vom Blitz getroffen. Serebrennikov deutet dies als Schlaganfall, der durch die Abwendung seiner leiblichen Tochter Fenena ausgelöst wurde. Abigail muss erfahren, dass sie das Kind eines Sklaven ist. Ihre Verletzungen sublimiert sie bei Serebrennikov mit Machtehrgeiz und erotischen Obsessionen.

Exzellenter Chor, ausgewogener Orchesterklang

"Nabucco" in Hamburg | Bildquelle: © Brinkhoff/Mögenburg Bildquelle: © Brinkhoff/Mögenburg Exzellent von Eberhard Friedrich vorbereitet zeigte sich der Chor, das Philharmonische Staatsorchester war mit einem wunderbar ausgewogenen Klang zu hören. Dirigent Paolo Carignani setzte den Drive von Verdis Musik spannend um, ohne ins Reißerische abzudriften. Sängerisch überzeugten besonders der Bariton Dimitri Platanias als Nabucco sowie der Tenor Dovlet Nurgeldiyev als Ismaele. Während der Aufführung gab es bei den Zwischenspielen mit der syrischen Musik und den Kriegsfotos einige Unmutsäußerungen aus dem Publikum. Doch der Schlussapplaus für das Regieteam, das T-Shirts mit der Aufschrift "Free Kirill" für den noch immer unter Hausarrest stehenden Serebrennikov trug, war einhellig.

Video der ARD-Tagesthemen: "Opernpremiere aus dem Moskauer Hausarrest"

Sendung: "Leporello" am 11. März 2019 ab 16.05 auf BR-KLASSIK

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