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"Peter Grimes" an der Bayerischen Staatsoper Starke Bilder für finstere Zeiten

Eine Premiere mit Hindernissen gab es gestern an der Bayerischen Staatsoper in München: Eigentlich hätte die Neuinszenierung von Benjamin Brittens Erfolgsoper „Peter Grimes“ schon vor knapp einer Woche erstmals über die Bühne gehen sollen – wegen Corona verzögerte sich alles. Regie führte der Norweger Stefan Herheim. Der hat schon in Salzburg und Bayreuth inszeniert – aber noch nie in München.

Szene aus "Peter Grimes" an der Bayerischen Staatsoper (2022), Inszenierung: Stefan Herheim | Bildquelle: Bayerische Staatsoper/W. Hösl

Bildquelle: Bayerische Staatsoper/W. Hösl

Kritik

"Peter Grimes" an der Bayerischen Staatsoper

Was das für Zeiten sind, in denen wir leben, machen die beiden Ansagen klar, mit denen der Abend beginnt. In der ersten geht es um die Pandemie, in der zweiten um den Krieg. Diese Premiere war wegen zahlreicher Corona-Fälle im Ensemble verschoben worden. Als endlich fast alle gesund zu sein schienen, kam am Premierentag der positive Test für den Regisseur. Stefan Herheim und sein Team, allesamt Kontaktpersonen (auch so ein Wort, das wir neu gelernt haben), können die Aufführung nur im Livestream mitverfolgen – und beim Schlussapplaus den Jubel nicht auf der Bühne entgegennehmen. Aber bevor der Abend überhaupt beginnt, tritt, nachdem der Technische Direktor die Corona-Ausfälle verkündet hat, auch noch sein Chef vors Publikum. Intendant Serge Dorny erinnert daran, dass Europa ein riesiges Trümmerfeld war, als am 7. Juli 1945 Benjamin Brittens Oper "Peter Grimes" uraufgeführt wurde. Er widmet diese Premiere den Menschen in der Ukraine, worauf das Staatsorchester einen Ausschnitt aus Beethovens Neunte spielt. Alle stehen dabei auf. Wirklich, wir leben in finsteren Zeiten, wo nicht einmal an einem Opernabend über die Untaten geschwiegen werden kann, die fast alle im Publikum vor und nach der Vorstellung auf ihren Smartphones in Echtzeit mitverfolgen.

Starke Choreographien

Szene aus "Peter Grimes" an der Bayerischen Staatsoper (2022), Inszenierung: Stefan Herheim | Bildquelle: Bayerische Staatsoper/W. Hösl Stuart Skelton als Peter Grimes – eine großartige Darstellung | Bildquelle: Bayerische Staatsoper/W. Hösl Auch diese Inszenierung verschweigt nichts. Und doch tut es gut, wenigstens für drei Stunden absorbiert zu sein von Bildern, Stimmen, Klängen – hineingezogen in eine andere Welt, die doch so viel über unsere Welt erzählt. Regisseur Stefan Herheim braucht dafür keine sogenannte Aktualisierung. Brittens Oper erzählt von der Dynamik einer Gruppe und von einem Ausgestoßenen. Sie erzählt von einem Dorf und einem Fischer, der Einzelgänger ist, Antiheld, gewalttätig und empfindsam, Opfer und Täter zugleich. Ein widersprüchlicher Typ ist dieser Peter Grimes, großartig dargestellt von Stuart Skelton. Der ist ein Berg von einem Mann, tapsig und kraftvoll. Wie ein negativ gepolter Magnet stößt er die Masse der Dorfbewohner von sich ab. Starke Choreographien prägen diese Inszenierung. Und der wandlungsfähige Raum: Ein gewölbtes Bretterdach, das an einen Schiffsrumpf erinnert, kann hoch und runter gefahren werden, erzeugt Weite und Beklemmung. Eine Gemeindehalle in der ostenglischen Provinz ist das, eine Kneipe oder, je nachdem, eine Kirche. Oft mit einer Bühne hinten – und wenn der Vorhang aufgeht, öffnet sich der Blick auf das Meer. "Der Mensch hat die Moral erfunden, aber das Meer mit seinen Gezeiten hat keine," singt einer. In Wirklichkeit sind die Dorfbewohner genauso amoralisch wie das Meer. Und fordern das Opfer, das selbst Täter wurde: Peter Grimes arbeitet wie besessen, um sich endlich Respekt zu verschaffen – und bringt damit zwei seiner Lehrjungen zu Tode.

Mehr theaterwirksame Bilder, weniger messerscharfe Analyse

Stefan Herheim setzt auf eindringliche Bilder: farbiges Licht, Szenen wie im Traum, scharf gezeichnete Typen. Manchmal greift er tief in die Psychokiste, etwa wenn er Figuren zu Doppelgängern macht. Oder den toten Lehrjungen im gleichen weißen Anzug auftreten lässt wie Grimes. Oder wenn er die Szene, in der der Junge zu Tode kommt, auf einer surrealen Traumbühne vor den Augen der Dorfgemeinschaft spielen lässt. Hier geht es weniger um gedanklich messerscharfe Analyse als um theaterwirksame Bilder, was völlig in Ordnung geht. Denn die sind nicht nur kurzweilig, sondern bleiben auch immer mehrdeutig: Grimes ist eben kein bloßes Opfer. Er ist manisch, brutal, ein Getriebener, der die latente Gewalt der Dorfgemeinschaft physisch ausagiert. Mit ihrer sinnlichen Bilderlust reagiert Herheims Inszenierung hellhörig auf Brittens Musik: Auch die ist vor allem auf Wirkung aus und reißt sich dafür ohne allzu große Bedenken so ziemlich alles unter den Nagel, was im Jahr 1945 fürs Musiktheater zur Verfügung stand. Brittens Erfolgsoper ist eine Promenadenmischung im besten Sinn. Da klingt es mal nach Puccini, mal nach Impressionismus, mal nach der Avantgarde eines Alban Berg und mal nach Broadway-Musical. Hauptsache, die Klänge erzeugen starke Bilder. Und darin ist sich der Regisseur nicht nur mit dem Komponisten einig, sondern auch mit dem Dirigenten.

Den kompletten Opernabend können Sie hier sehen.

Dirigent Edward Gardner setzt auf Ausdruck

Edward Gardner am Pult des Staatsorchesters setzt auf Ausdruck. Grelle Farben und extreme Lautstärkekontraste reizen alle Möglichkeiten dieser wirkungsstarken Partitur aus. Gardner ist ein echter Theatermusiker, dabei präzise und auch in den symphonischen Zwischenspielen stark. Das Bayerische Staatsorchester ist in Bestform, was leider für die gelegentlich etwas inhomogenen Herren des Chores nicht ebenso gilt. Stark besetzt sind die Solisten, unter den kleineren Rollen ragen Iain Paterson als Capatin Balstrode und Brindley Sherratt als Richter Swallow heraus. Die weibliche Hauptrolle der Ellen Orford gestaltet Rachel Willis-Sørensen mit großer emotionaler Intensität, was stimmliche Schwächen mehr als wettmacht. Fantastisch singt Stuart Skelton den Grimes: Diese heftig schwierige Partie, die Substanz und Power und fieserweise trotzdem eine ganz leichte Höhe verlangt, meistert er beeindruckend. Ein starker Abend.

Sendung: Allegro am 7. März 2022 ab 6:05 Uhr auf BR-KLASSIK

Kommentare (2)

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Dienstag, 08.März, 09:01 Uhr

anne weba

keine untertitel

ich brauchte durchhaltevermögen , um nicht frühzeitig auszusteigen! in anbetracht dessen, was herheim bereits geliefert hat, eine langweilige inszenierung! was mich sehr ärgerte: vor dem intendantenwechsel konnte man beim streamen die untertitel dazuschalten. trotz relativ guter englischkenntnisse verstand ich viele textpassagen nicht, die wortdeutlichkeit ließ zu wünschen übrig, besonders in den chorszenen!

Montag, 07.März, 11:45 Uhr

Ellen S.

“Wenn Sie nicht gehorsam unserer Moral gegenüber sind, schließen wir Sie aus unserer Gesellschaft aus!” Wer sagt das heute? Westeuropa, München vor allem. Wer ist hier Peter? Russische KünstlerInnen. Was für eine Ironie.

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