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Kritik – "Peter Grimes" am Staatstheater Nürnberg Britten goes True Crime

Die Gesellschaft ist mitschuldig, wenn Kinder getötet werden, so lautet die Botschaft von Regisseur Tilman Knabe. Der ließ sich in seiner Inszenierung des "Grimes" vom Fall Jürgen Bartsch inspirieren. Bartsch war ein pädosexueller Serienmörder, der in den 1960ern vier Jungen zwischen acht und 13 Jahren ermordete. Vor dem Hintergrund dieses Falls ist am Staatstheater Nürnberg eine in jeder Hinsicht spektakuläre, düstere Deutung der Oper von Benjamin Britten entstanden. Am Sonntagabend war Premiere.

Szene aus der Oper "Peter Grimes", die am 19. Juni 2022 am Staatstheater Nürnberg Premiere hatte | Bildquelle: Ludwig Olah

Bildquelle: Ludwig Olah

Nicht jeder, der strandet, macht bekanntlich Urlaub. Manche werden vom Leben an ziemlich öde Küsten gespült und wieder andere erleiden mal mit großen, mal mit kleinen Erwartungen Schiffbruch. Die Badehose bringt es garantiert nicht an den Tag. Die kommt auch dorthin, wo andere nicht mal mit Gummistiefeln aufkreuzen würden. Entsprechend trist und heruntergekommen ist das englische Hafendorf, im dem Regisseur Tilman Knabe seinen fulminanten "Peter Grimes" spielen lässt.

Außer Puff und Kneipe wenig Abwechslung

Den Blick aufs Meer versperrt eine meterhohe graue Betonmole, schließlich stürmt es hier regelmäßig. Sieht auch nicht so aus, als ob irgendeiner der hier Versammelten in den letzten Jahren mal im Wasser war, die meisten gehen lieber im Alkohol schwimmen. Und Tabletten finden auch ihre Abnehmer. Außer dem Puff und der Kneipe gibt's wenig Abwechslung, wobei das in diesem Fall ein und dasselbe ist. Zerstreuung gibt's wenig, außer Gerüchten natürlich, die wahlweise aus dem Boulevardblatt "Sun" entnommen werden oder aus dem Treibgut und Dreck, an dem es nicht mangelt.

"Peter Grimes" als beklemmende Milieustudie

Den Ausstattern Annika Haller, Wilfried Buchholz und Eva-Mareike Uhlig ist eine beklemmende Milieustudie der englischen Unterschicht gelungen. Wie in Angst erstarrt steht die britische Flagge über dem Elend, in dem der Hass gärt und die Wut lodert, vorzugsweise auf Außenseiter. Nun ist der Seemann Peter Grimes in dieser Inszenierung wirklich kein Sympathieträger. Wo andere Regisseure den zwielichtigen Mann mit allen Mitteln zum unverstandenen Märtyrer machen, lässt Tilman Knabe keinen Zweifel: Der Kerl ist ein Doppelmörder, bringt zwei Buben um, hat auf dem Computer auch wohl Kinderpornos und ist ein Psychopath.

Warum sass die Gesellschaft nicht auf der Anklagebank?

Eingeblendete Texte legten nahe, dass der berüchtigte Jürgen Bartsch gemeint war, der in den sechziger Jahren vier Knaben umbrachte und nach einer freiwilligen Kastration 1976 starb. Die Botschaft von Tilman Knabe und seinem Team: Nicht nur Bartsch hätte auf der Anklagebank sitzen sollen, sondern auch die Gesellschaft, in der er lebte. Darüber lässt sich füglich streiten, auch Empörung ist erlaubt, aber die Bilder, die im Staatstheater Nürnberg zu sehen waren, fesselten dermaßen, waren so ungemein aufwühlend und beklemmend, dass der begeisterte Beifall des Publikums am Ende völlig berechtigt war.

Peter Marsh als Peter Grimes

Dazu trug in erster Linie Peter Marsh in der Titelrolle bei. Er war ein Peter Grimes, der niemals das Einverständnis mit dem Zuschauer suchte, sondern konsequent und mit enormer Präsenz den abschüssigen Weg eines vermeintlichen Monsters nachzeichnete. Unvergesslich und von erschütterndem Zerstörungswillen, wie er sich mit gezücktem Messer über einer Kinderleiche beugt und das Opfer schließlich im Müll entsorgt.

Heilen lässt sich der Triebtäter nicht

Das Bettgestell, es schmeckt noch nach Blut, stellt Kapitän Balstrode fest, der einzige im Dorf, der sich bemüht, diesem Peter Grimes gerecht zu werden und der ihm die Selbsttötung nahelegt. Verstehen will den Mörder auch die Lehrerin Ellen Orford, doch die handelt aus blinder Liebe und wird daran nach und nach irre, denn "heilen" lässt sich der Triebtäter nicht, auch nicht mit selbstloser Zuneigung. Herausragende Rollenporträts, die Emily Newton und Sangmin Lee als Kapitän ablieferten, Musiktheater von aller höchster Glaubwürdigkeit. Daran hatte auch der viel beschäftigte Chor seinen Anteil: So lebensecht, so bedingungslos, so abgründig, ist selten eine Gesellschaftsstudie zu erleben.

Der beste "Peter Grimes" seit langem

Sicherlich der beste "Peter Grimes" seit langem, und das will was heißen: Die Oper kam gerade auch in München und Augsburg neu heraus, in keineswegs schlechten Inszenierungen. Dirigent Lutz de Veer feuerte die Staatsphilharmonie immer wieder bis zur ohrenbetäubenden Lautstärke an: Im Sturm, der hier tobt, verhallen alle Schreie, sollte das wohl bedeuten. Und weil sich Komponist Benjamin Britten ja maßgeblich von der Nordsee seine Eingebungen holte, ging das absolut in Ordnung, denn das Gewässer gehört ja zu den wildesten und ungemütlichsten Ecken der Ozeane.

Die Gesellschaften sind ertaubt

Wenn die Nutten sich eingestehen, dass sie soweit runtergekommen sind, dass sie rein gar nichts mehr erschüttern kann, dann wird womöglich deutlich, was das Problem vieler Gesellschaften ist: Sie sind längst ertaubt für jede Art von Notrufen. Und so kreischen die Möwen über der Leiche von Peter Grimes, die See wogt unverdrossen weiter, wie die traurigen Partys im windschiefen Strandpavillon.

Sendung: "Allegro" am 20. Juni 2022, ab 6:05 Uhr, auf BR-KLASSIK

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