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Kritik – "Macbeth" an der Wiener Staatsoper Anna Netrebko und Luca Salsi – das ideale Verdi-Ehepaar

Bogdan Roščić hatte es in seinem ersten Jahr als Intendant der Wiener Staatsoper nicht gerade leicht – fast alle Premieren fanden per Livestream statt. Dennoch begann sein Jahr vielversprechend: Nach Inszenierungen von Simon Stone ("La Traviata"), Calixto Bieito ("Carmen") und Kirill Serebrennikow ("Parsifal") nun die Premiere von Giuseppe Verdis "Macbeth" durch Barrie Kosky mit Anna Netrebko als Lady Macbeth.

Szene aus der Oper "Macbeth" an der Wiener Staatsoper, die am 10. Juni 2021 Premiere hatte | Bildquelle: Michael Pöhn

Bildquelle: Michael Pöhn

Zwar konnten die Premieren meist nur als Livestream gezeigt werden, aber das erste Jahr der Intendanz von Bogdan Roščić hat dennoch vielversprechend begonnen. 

Barrie Kosky zurück in Wien

Für Kosky ist es eine Rückkehr nach Wien. Er ist dort nicht unbekannt, von 2001 bis 2005 war er Co-Direktor der Wiener Schauspielhauses, einer Experimentierbühne, in der er – übrigens ausschließlich mit Frauen besetzt – Shakespears "Macbeth" inszenierte: Nun soll er in der Wiener Staatsoper künftig auch weiterhin eine wichtige Rolle spielen, ab 2022 wird er Mozarts da-Ponte Opern inszenieren.

Übernahme aus Zürich

Szene aus der Oper "Macbeth" an der Wiener Staatsoper, die am 10. Juni 2021 Premiere hatte | Bildquelle: Michael Pöhn Anna Netrebko an der Wiener Staatsoper als Lady Macbeth | Bildquelle: Michael Pöhn "Macbeth" ist im Bühnenbild und im Lichtdesign von Klaus Grünberg allerdings eine Übernahme und Weiterführung einer Produktion des Züricher Opernhauses von 2016. Die völlig kahle Bühne besteht aus einer nach oben ansteigende Fläche in tiefer Dunkelheit, begrenzt nur von vier Lichterketten, die punktuelles Licht geben, ähnlich wie bei einer Fluglandebahn in der Nacht. Mitten aus dem Dunkel, man weiß nicht woher, tauchen schwarzgewandete Figuren auf. Farben gibt es keine, höchstens die nackten Körper, die sich immer wieder zu Gruppen formieren – ob Männer oder Frauen ist gar nicht deutlich auszumachen. Die Leiber strecken einmal ihre Finger wie zuckende Würmer in die Höhe und umkreisen Macbeths Körper. Es sind die Hexen, die inneren Stimmen des Ehepaars Macbeth, von denen sie ständig bedrängt werden: ihre Angstfantasien, ihr Ehrgeiz, ihre Mordlust, ihr Wahnsinn, aber auch ihr Selbstmitleid und ihr gegenseitiges Verfallensein.

Philippe Jordan am Pult

Dass der Abend in der Staatsoper so abgründig finster und gleichzeitig so effektvoll mitreißend ist, lag aber insbesondere auch an dem Dirigenten Philippe Jordan und dem Orchester der Wiener Staatsoper. Gewaltigen, nicht enden wollenden Donnerschlägen folgt abrupt Geflüster und sentimentale Wehklage – das reißt mit. Und das an Operette und Can-Can erinnernde Getuschel der Hexen unterstreicht höhnisch die gespenstische dunkle Szene.

Ein ideales Verdi-Ehepaar: Anna Netrebko & Luca Salsi

Szene aus der Oper "Macbeth" an der Wiener Staatsoper, die am 10. Juni 2021 Premiere hatte | Bildquelle: Michael Pöhn Luca Salsi als Macbeth und Anna Netrebko als Lady Macbeth | Bildquelle: Michael Pöhn Luca Salsi singt kräftig und dann fast lyrisch schwermütig. Anna Netrebko meistert mühelos und schnell den Wechsel von gurrenden Tiefen zu höchsten Tonlagen. Verdi ging es in dieser noch frühen Oper bereits schon weniger um Schöngesang, sondern um abgründige, oft expressive Effekte. Auch Freddie de Tommaso als Macduff überzeugte. Vor allem aber stimmte das Premierenpublikum zufrieden, dass Oper nun wieder so lebendig sein kann – fast schon wie vor der Pandemie. Bei Einhaltung der Hygienevorschriften war eine bemerkenswert große Zahl von Zuschauern, auch auf den berühmten Wiener Staatsopernstehplätzen, zugelassen worden.

Barrie Koskys Wiener "Macbeth"

Mehr Informationen zu der Vorstellung und den Tickets finden Sie auf der Homepage der Staatsoper Wien.

Sendung: "Allegro" am 11. Juni 2021 ab 6:05 Uhr auf BR-KLASSIK

Kommentare (1)

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Samstag, 12.Juni, 22:41 Uhr

Larry L. Lash

Barrie Kosky „nicht unbekannt“ an der Wiener Staat

Herr Doppler vergisst, dass Barrie Kosky auch an der Wiener Staatsoper „nicht unbekannt“ ist, wo er im Dezember 2005 eine der schlimmsten Inszenierungen der jüngeren Vergangenheit ablieferte: Sein skurriler, allseits verachteter „Lohengrin“ dauerte 30 Vorstellungen, bevor er geworfen wurde im Müllkorb im 2010.

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