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Premierenkritik – "Don Giovanni" bei den Salzburger Festspielen Genie-Schwerstarbeit im psychoanalytischen Varieté

Der neue Salzburger „Don Giovanni“, dirigiert von Teodor Currentzis und inszeniert von Romeo Castellucci, ist ästhetische Schwerstarbeit. Salzburg zeigt, was es alles drauf hat: Auf der Riesenbühne des Großen Festpielhauses tobt eine symbolschwangere Materialschlacht und im Orchestergraben ein Maximum an Tempo- und Langsamkeitsrekorden.

Szene aus "Don Giovanni" bei den Salzburger Festspielen 2021, Inszenierung: Romeo Castellucci | Bildquelle: SF / Ruth Walz

Bildquelle: SF / Ruth Walz

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"Don Giovanni" bei den Salzburger Festspielen 2021

Nein, niemand kann den Machern dieses "Don Giovanni" vorwerfen, sie hätten es sich leicht gemacht. Regisseur Romeo Castellucci erzählt keine Geschichte, sondern reiht Tableaus aneinander: starke Choreographien und nerviges Gewusel, kitschige und berührende Bilder, einleuchtende und rätselhafte Assoziationen.

Los geht's mit einer Abräumaktion

Wir blicken in eine Barockkirche, die noch vor der Ouvertüre von fleißigen Arbeitern leergeräumt wird. Die Heiligen aus Stuck, das goldene Tabernakel und das große Kreuz – alles muss raus. Anders als Mozart und sein Librettist Da Ponte lebt der moderne Mensch nicht mehr selbstverständlich im Sinnrahmen der Religion. Wo kein göttliches Gesetz ist, gibt's auch keine Hölle – übrig bleibt die mit Begehren aufgeladene Konsumwelt und schließlich ihr Müll.

Die Figuren wirken verloren

Die verdinglichte Moderne überfällt uns – buchstäblich: Aus dem Schnürboden krachen alle paar Minuten irgendwelche Riesendinger mit ohrenbetäubendem Knall auf die Bühne, von der ausgewachsenen Mittelklasse-Limousine bis hin zum zerberstenden Flügel. Zwischen all den optisch immer reizvoll präsentierten Dingsymbolen wirken die Figuren meist ziemlich verloren. Um sie tummeln sich nackte Damen, lebende Bilder, bekletterte Gemälde und Allegorien aus der Mythologie – alles vollgestopft mit Bedeutung. Wobei es Castellucci liebt, seine ästhetischen Bildfindungen mit einem vornehmen weißen Gazeschleier zu veredeln.

Humor blitzt auf

Eine Art psychoanalytisches Varieté ist diese erste Hälfte. Zum Glück blitzt immer wieder auch Humor auf, etwa wenn zu Leporellos Registerarie zwei große Scanner rotieren – die Verführung als maschinelle Reproduktion des Immergleichen. Aber irgendwann tun einem die Augen weh. Man kommt nicht rein in die Geschichte, gewinnt keine Beziehung zu den Figuren, man dechiffriert, statt etwas zu erleben.

Starke Wirkung der Kontraste

Das ändert sich nach der Pause. Die Materialschlacht ist beendet, jetzt bestimmt ein großer Bewegungschor das Geschehen: Frauen jeden Alters und jeder Größe in farblich abgestimmten Kleidern. Klar, das sind "Milletre", die 1.003 plus x, die Don Giovanni verführt hat. Menschen statt Dinge – die Wirkung dieses Kontrasts ist stark. Plötzlich bekommen die Figuren einen Resonanzraum. Und Castellucci macht deutlicher, worum es ihm geht: um eine Rückbesinnung auf den Körper als Bedingung und Grenze des Lebens. Eine Meditation über die Sterblichkeit, aber auch über die existenzbestimmende Macht der Lust.

Keine Dekonstruktion des Verführers

Darin unterscheidet sich Castellucci von den meisten seiner Regie-Kollegen: Er ist weit davon entfernt, den Verführer als abgehalfterten Macho zu dekonstruieren. Dieser Don Giovanni im weißen Anzug ist ein überaus attraktiver Mann, großartig dargestellt von Davide Luciano. Nicht die körperliche Lust ist Castellucci suspekt, sondern ihre Ersatzbefriedigung in Statussymbolen.

Es ächzt

Ausgerechnet Don Ottavio, also der, der bei den Frauen nie zum Zug kommt, trägt in wechselnden Kostümen die Symbole der Macht: Mal tritt er als Montezuma auf, mal als lächerlicher Militärdiktator. Macht, sagt Castellucci, garantiert weder guten Sex noch kann sie ihn ersetzen. Am Ende hört Don Giovanni den Komtur als Stimme in seinem eigenen Inneren – übrig bleibt der nackte, verletzliche Körper, wie ihn die Gipsabdrücke der Opfer des Vulkanausbruchs in Pompeji konservieren. Eine kluge, effektvolle, aber unter dem eigenen Kunstanspruch immer wieder gehörig ächzende Inszenierung.

Es wird gut gesungen

Davide Luciano hat einen verführerisch schönen Bariton, sein Doppelgänger Leporello ist der solide Vito Priante. Michael Spyres als Don Ottavio vollbringt ein kleines Wunder: Ausgerechnet mit dieser unattraktivsten, weil schwierigsten Rolle bekommt er den meisten Applaus – zurecht: Sein leichter Tenor meistert sie souverän. Die Zerlina von Anna Lucia Richter hat Kraft, bräuchte aber mehr Geschmeidigkeit. Federica Lombardi singt eine emotional berührende Donna Elvira. Und wird noch überragt von Nadezhda Pavlova als Donna Anna: Sie kann überaus verletzlich klingen und flammend intensiv – und so leuchtend und sicher hört man die berüchtigten Koloraturen selten.

Schwerstarbeit im Orchestergraben

Währenddessen wird im Orchestergraben Genie-Schwerstarbeit geleistet. Teodor Currentzis bürstet Mozart gegen den Strich, wo es nur geht und auch, wo es nicht geht. Da gibt es nerviges Stampfen und irres Rasen, plötzliche Zeitlupe und krasse dynamische Kontraste. Sein auf historischen Instrumenten spielendes musicAeterna-Orchester lässt er in Kompaniestärke antreten, was Sinn macht im Großen Festspielhaus. Aber letztlich braucht Currentzis die alten Instrumente vor allem für möglichst aparte Verfremdungseffekte: Originalgenie statt Originalklang.

Nicht dass all das verkehrt wäre – Currentzis hat fast immer einen Punkt, holt ständig irgendetwas wirklich Interessantes raus: Dissonanzen, psychische Extremzustände, harmonische Kühnheiten. Großartig gespielt ist das sowieso. Das Problem ist, dass die Extreme zur Routine werden. Woran auch special effects wie kleine musikalische Collagen und Zitate, vor allem in den Rezitativen, nicht wirklich etwas ändern. Aber dann gibt es auch die Momente, wo Currentzis endlich mal vergisst, dass er ein Genie mit roten Schnürsenkeln ist, und einfach nur Musik macht. Inspiriert und selbstvergessen. Und dann merkt man, was für ein toller Dirigent er eigentlich ist. Am Ende gibt's Jubel.

Sendung: "Allegro" am 27. Juli 2021 ab 6:05 Uhr auf BR-KLASSIK

Kommentare (6)

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Donnerstag, 29.Juli, 17:52 Uhr

Georgina

DonGiovanniPremiere 2021-07-26

vorab: persoenlich, 1.Reihe Parkett, habe ich die Premiere aus naechster Naehe gesehen, gehoert, Currentzis samt Mimik, hat uebrigens (statt Souffleuse) den Text saemtlicher Arien vorartikuliert! Vielleicht muessen nicht 120 andere Produktionen vorab gesehen und gehoert werden ..... seit 1969 Salzburg, Aix, Muenchen und "auf unspektakulaeren Buehnen" oft Erfrischendes......Kenntnis der Prager und Wiener Partitur sind vielleicht ausreichend.
Miserable production ?nicht mainstream gusto, Castelucci, Geschmacksache, zu wenig Personenregie, zuviel Requisite, egal, die Saenger durften singen und fuer exzessive Positionen wurde gedoubelt. Ja, ein 4h life Ablauf ist halt keine Platte, bzw. perfektionistische MehrfachschnittKonserve!
Gestern auf BR klassikradio waren dann alle "vocal problems" nochmals bestens hoerbar, menschliche Stimme muss nicht perfekt sein, auch nicht fuer ein teures SalzburgBillet.

Donnerstag, 29.Juli, 15:46 Uhr

Franz-Anton Frhr. v. Ketteler

Kritik

Kritik hat Wert. diese Kritik ist zu milde und trifft ins Schwarze. Die Inszenierung und die musikalische Darbietung ist eine freche Zumutung!

Dienstag, 27.Juli, 22:33 Uhr

Izolde

Castellucci's production in many ways repeats the earlier Salzburg's version of Martin Kusej, it's absolutely secondary, though Castellucci trys very hard to make a distance with previous productions adding a good portion of pure absurd and cheap provocation which has nothing to do with the libretto or legend of Don Juan. Singers are not the best choice for such grandious premiere, only Michael Spyres demonstrates the best interpretation of Ottavio's role for the last 40 years. And I've listened to more than 120 only historical recordings of Mozart's Don Giovanni and dozens of modern performances, so I can compare. Such level of vocal technique and true Mozartian style of the tenor only emphasizes vocal problems of the rest singers. Pity, that all principal performers were not at the same level, in this case such miserable production wasn't so disgusting and primitive.

Dienstag, 27.Juli, 17:32 Uhr

Moeller

Don Giovanni in Salzburg 2021 Premiere

Sehr geehrter Herr/Frau Bergen
ich hörte die Direktübertragung vom Ö1, leider, es ist mir schon bewußt, dass es daraufhin keine gute objektive Hörkritik geben kann, allein aber hier nur ein Beispiel: Don Ottavios Aria :Dalla sua pace ist vom Stimmansatz so unsicher und somit unbefriedigend von Tenor intoniert worden, dass ich mich nur in diesem Hause wundern kann. Und so geht es leider auch bei den Frauenstimmen weiter, die sehr gern sich schnell im Schreien üben, um überhaupt über die Runden zu kommen, dies mein subjektiver Eindruck, dem Sie sicher widersprechen werden, aber hören Sie sich bitte die Aufnahme von der Premiere an, vielleicht denken Sie dann doch ein wenig anders.
Von diesen Festspielen kann man wirklich mehr gesangliche Qualität von den Solisten erwarten.Dieser "Don Giovanni" erschien mir einfach vom Gesamtklangbild ziemlich mittelmäßig, von den Gestaltuing des Orchesters mit seinem Dirigenten einmal abgesehen.

Dienstag, 27.Juli, 12:44 Uhr

Bergen

Giovanni-Premiere in Salzburg

Liebe/r „Moeller“, Sie haben einen Don Giovanni gesehen, aber sicherlich nichts den in Salzburg. Abgesehen davon dürfte das noch im vorigen Jahrhundert gewesen sein.
Ich habe den Salzburger Don Giovanni gesehen.
Und der war wunderbar.
Die Kritik gibt das gut wider.

Dienstag, 27.Juli, 08:33 Uhr

Moeller

Giovanni-Premiere Salzburg

Leider muß ich dem Kritiker in Bezug auf die gesanglichen Leistungen vehement widersprechen.
Der Sänger des Don Ottavio als auch die Sängerinnen der Donna Anna u. der Donna Elvira wiesen doch gelegntlich starke Mängel in der Stimmführung auf. Das war einfach streckenweise zu schwach bis mangelhaft, sehr enttäuschend. Von dem Regierummel ganz zu schweigen.
Bitte wieder mehr dem Hause und Anlass würdige gesangliche Leistungen. Schon gar bei diesen Eintrittspreisen. oberflächlich geführte Gesangseinlagen sollten hier nichts zu suchen haben.

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