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Kritik - Aribert Reimanns "Lear" in Paris Sich auflösendes Königreich

Am Ende verliert er alles, weil zwei seiner Töchter sich um die Macht reißen: König Lear. Für Aribert Reimann wurde die Opernversion des Shakespeare-Stoffes zu einem großen Erfolg. Auch in Paris war der 80-jährige Komponist jetzt dabei, bei der Aufführung seines Werkes in deutscher Sprache, inszeniert von Calixto Bieito.

Eine feine Gesellschaft ist das. In Kamelhaarmänteln, Anzügen und Businesskostümen sind Lears Familie und sein Gefolge auf der Guckkasten-Bühne von Rebecca Ringst versammelt. Allerdings besteht die aus ziemlich düsteren Holzbrettern, durch die fahles Licht schimmert. Bo Skovhus als kraftvoller, gar nicht altersschwacher König Lear bricht symbolisch für sein Land ein Brot in Stücke, die er vor seinen Töchtern auf den Boden wirft. Goneril und Regan, großartig gesungen von Ricarda Merbeth und Erika Sunnegard, huldigen dem Vater in virtuosen Tonkaskaden und stürzen sich auf die Stücke. Cordelia, die schreckensstarre Annette Dasch kann ihre Liebe nicht in Worte fassen und wird deshalb von Lear verstoßen. Die unaufhaltsame Gewaltspirale setzt sich in Gang. Die Destruktion des Königs und seiner Familie beginnt.

Lear als Obdachloser

"Lear" von Aribert Reimann an der Pariser Oper | Bildquelle:  © Elisa Haberer Bildquelle: © Elisa Haberer Bei Calixto Bieito laufen Verfluchungen, Verstümmelung, Mord und Selbstmord erstaunlich zivil auf der Pariser Bühne ab. Die beiden machthungrigen Töchter zerren einfach an ihrem Vater, bis Bo Skovhus nur noch in fleckiger Unterhose auf der Bühne steht. Der vertriebene König wird zum Obdachlosen im sich immer weiter auflösenden Bretterwald  seines ehemaligen Königreichs. Zu seinen Begleitern in den Wahnsinn gehören Ernst Alisch als eindrucksvoller Narr in Sprechrolle und der großartig gestaltende Countertenor Andrew Watts als Edgar. Immer präsent ist auch die packende, aufreibende Musik Reimanns im Surround-Sound, denn einige Musiker sind auch in den Proszeniumslogen der prunkvollen Garnier-Oper verteilt.

Donnernde Abgründe

Fabio Luisi lässt die auskomponierten menschlichen Abgründe donnern, kreischen, stottern und flirren. Er baut mächtige Cluster auf, lässt den Sturm toben, um ihn wieder in fahle Stille zusammenfallen zu lassen, wenn Lear an sich und der Menschheit verzweifelt. Zärtlich gestaltet Annette Dasch nach vielen Spitzentönen ihre letzte Szene mit dem irr gewordenen Vater, von Bieito wie Michelangelos Pieta zwischen die nun am Boden liegenden Bretter positioniert. 

Gelungene Produktion

Der neue "Lear" in Paris ist eine wirklich gelungene Einheit von Werk und Präsentation mit grandioser Sängerbesetzung und packender, ausdrucksstarker Szene. Aribert Reimann konnte sich im herzlichen Applaus der Pariser ausnahmslos bei allen Beteiligten für diese Premiere bedanken.

Weitere Aufführungen

Aribert Reimanns "Lear" ist im Palais Garnier in Paris noch am 26. und 29. Mai sowie am 01., 06., 09. und 12. Juni zu sehen.

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