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Kritik – "Opera und ihr Double" bei der Münchener Biennale Uraufführung mit zweijähriger Verspätung

Alle zwei Jahre findet die Münchener Biennale statt, das Festival für Neues Musiktheater. 2020 stand es unter dem Motto "Point of NEW Return", das coronabedingt nicht stattfinden konnte. Die Produktionen waren aber größtenteils fertiggestellt. Also entschieden sich die beiden Künstlerischen Leiter Manos Tsangaris und Daniel Ott, einige der Werke über die Dauer von zwei Jahren an verschiedenen Orten und teilweise in adaptierten Fassungen zur Aufführung zu bringen. Darunter "Opera und ihr Double" von Ole Hübner und Thomas Köck. Am 16. März 2022 fand die Premiere im Utopia in München statt.

Szene aus "Opera und ihr Double" bei der Münchener Biennale | Bildquelle: Martin Miotk

Bildquelle: Martin Miotk

Eins ist klar: Dieses Stück will viel. Das verrät der Blick ins Programmbuch, wo einem Querverweise und Zitate zwischen Odysseus, Dante, Heidegger, Foucault und existentiell-transzendentale Gedankenspiele rund um Geister ans Herz gelegt werden.

Eine "operative Installation" von Regisseur Michael v. zur Mühlen

Szene aus "Opera und ihr Double" bei der Münchener Biennale | Bildquelle: Martin Miotk Szene aus "Opera und ihr Double" bei der Münchener Biennale | Bildquelle: Martin Miotk Es soll um eine Zukunft nach einer Katastrophe gehen, in der ein Chor und ein Cyborg, halb Mensch, halb Maschine, darüber rätseln, was Erinnerung leisten kann das Ganze vor dem Hintergrund der Gattung Oper. So weit, so schwammig. Ursprünglich war ein abendfüllendes Stück für die Theaterbühne geplant. Die Oper Halle hat dann Auszüge daraus produziert. Die wiederum bilden die akustische Grundlage für die Münchner Aufführung, die Regisseur Michael v. zur Mühlen als "operative Installation" angelegt hat. Man wandelt also durch Räume, die mit Bildschirmen, Plakaten, Pappfiguren und Spruchbändern angereichert sind. An die Hand bzw. ans Ohr genommen wird man von Lautsprechern, die an der Decke hängen.

Inspiriert von der französischen Grand Opéra?

Da kommt allerlei zusammen, gemäß dem Programmbuch: Viel hilft viel. Mal ist groß auf den Boden geschrieben, man solle den Job wechseln, dann in naziverdächtiger Runenschrift "Deutschland im Herbst" gepinselt. Hier prangern Kalendersprüche wie "Truth or Consequences", dort wabern computeranimierte Filmschnipsel von Cyborgs, die in einer Art Opernraum Antworten auf die oben gestellte Frage suchen. Im Hauptraum findet auf drei großen Leinwänden die eigentliche "Handlung" statt, die in einer Chorszene gipfelt, die offenbar inspiriert ist von einer französischen Grand Opéra. Es geht, natürlich, um Freiheit und Revolution.

Kunst, die in einem Schwarzen Loch verschwindet

Szene aus "Opera und ihr Double" bei der Münchener Biennale | Bildquelle: Martin Miotk Szene aus "Opera und ihr Double" bei der Münchener Biennale | Bildquelle: Martin Miotk Ist es bis hier eher philosophisch mühsam und musikalisch redundant, so zeigt sich der Epilog von einer komödiantischen Seite. Der Hauptdarsteller, eine Dragqueen-Parze, singt, was manche im Saal wohl denken: Wozu das alles? Warum Kunst, wenn alles verschwindet in einem Schwarzen Loch, hier dargestellt als überdimensionales Schwarzbrot. Geschichte, heißt es in einer Textzeile sinngemäß, hinterlässt eben doch Spuren. Soso…

Ist das wirklich eine Oper?

Komponist Ole Hübner versteht sehr wohl sein Handwerk, schreibt stellenweise starke, effektreiche Theatermusik, atonal-harsch, in anregenden Klangkombinationen von klassischem Instrumentarium und Elektronik. Aber ein Stück, eine Oper gar, ist daraus nicht geworden – vielmehr ein Aneinanderreihen von experimentellen Gedanken, l’art pour l’art in Reinstform, großspurig verpackt als lebenssinnsuchendes Gesamtkunstwerk. Wenn sich die KünstlerInnen doch nicht so ernst nehmen würden – als Buffa oder Farce hätte der Abend besser funktioniert.

Sendung: "Allegro" am 17. März 2022 ab 6:05 Uhr auf BR-KLASSIK

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