BR-KLASSIK

Inhalt

Premierenkritik – "Die Walküre" bei den Bayreuther Festspielen Der Klang der Farbe

Für Skandale ist "Blutkünstler" Hermann Nitsch längst nicht mehr zuständig. Das war damals, in den 70er Jahren, als er mit seinem "Orgien-Mysterien-Theater" für Aufsehen sorgte. Opern hat der Altmeister der Wiener Aktionskunst schon öfter ausgestattet. Nun durfte er in Bayreuth eine Malaktion zu Wagners "Walküre" gestalten. Musikalisch bot der Abend einen Vorgeschmack auf den kompletten "Ring", den Pietari Inkinen nächstes Jahr dirigieren wird.

DISKURS Bayreuth – Ring 20.21 /Die Walküre | Bildquelle: Bayreuther Festspiele/Enrico Nawrath

Bildquelle: Bayreuther Festspiele/Enrico Nawrath

Wagner hat zwar sehr lange Opern geschrieben, wollte aber von seinen Dirigenten, dass sie möglichst kurz sind. Langsame Tempi hasste er. Bei den Proben zum ersten Ring 1876 in Bayreuth sprang er regelmäßig wütend vom Regietisch auf und schrie: "Nu macht doch vorwärts, elende Bummelei!"

STOISCH STATT EKSTATISCH

Nach allem, was wir wissen, wäre Wagner gestern Abend zappelig geworden. Dirigent Pietari Inkinen zelebriert die Musik, statt sie zu entfesseln. Dem "Wonnemond", der großen Liebesarie, will Klaus Florian Vogt als Siegmund dezent ein bisschen mehr erotischen Elan geben. Man wäre ihm dankbar. Aber der Dirigent geht mit seinem Sänger nicht mit, stur beharrt Inkinen auf seinem ausführlichen Ausbuchstabieren.

ZU WENIG DRIVE

Natürlich ist die Stoppuhr kein Maßstab für musikalische Qualität. Erfüllte langsame Tempi können viel kurzweiliger sein als hektische Betriebsamkeit. Doch dafür braucht es Ideen. Die Melodien brauchen ein Ziel, die musikalischen Linien ein Relief. Inkinen aber reiht allzu oft gleichmäßig aneinander, er addiert. Vor allem im ersten Akt und im Feuerzauber am Schluss fehlt das innere Gefälle. Am stimmigsten gelingt der Beginn des zweiten Akts.

Immer dann, wenn es episch wird, wenn nicht unmittelbar was passiert, sondern die Figuren erzählen, funktioniert sein Konzept deutlich besser. Und er hat am Klang des Festspielorchesters sehr schön gearbeitet. Mit der Balance und der schwierigen Akustik in Bayreuth kommt Inkinen gut zurecht. Aber das reicht noch nicht. In Bayreuth ist das Publikum zwar relativ streng, aber so viele Buhs für den Dirigenten sind doch eher selten. Bis zum kompletten Ring im nächsten Jahr ist ja zum Glück noch etwas Zeit.

"RING 20.21"

Vielleicht hilft dann ja auch eine spannende Regie. Die gab es hier nicht – und sie war auch nicht beabsichtigt. Diese "Walküre" hätte es so ohne Corona nicht gegeben. Weil der "Ring" dieses Jahr noch nicht realisierbar war, gibt es ihn in vier Annäherungen. Jede setzt sich mit einem Teil des "Rings" auseinander. Morgens um 11 geht es los. Um Loge, eine Hauptfigur des "Rheingolds", dreht sich eine uraufgeführte Kurzoper von Gordon Kampe.

Unter freiem Himmel planschen die Sängerinnen und Sänger, gedoubelt von großen Puppen, im Weiher des Festspielparks. Das ist ganz witzig gemacht und stark komponiert. "Sei Siegfried" heißt ein digitaler Drachenkampf, den man in den Pausen der Walküre erleben kann. Man setzt sich eine Virtual-Reality-Brille auf und darf eigenhändig im Festspiel den Drachen erlegen. Ausgedacht hat sich das Jay Scheib, der demnächst in Bayreuth den "Parsifal" inszenieren wird. Und es gibt eine Installation zur "Götterdämmerung", ein eindrucksvolles, riesiges Gespinst aus roten Fäden von der japanischen Künstlerin Chiharu Shiota.

ES SCHWAPPT UND SPRITZT

Ein inspirierendes Umfeld also für die Malaktion, die sich Hermann Nitsch für die "Walküre" erdacht hat. Der 82-jährige Altmeister der Wiener Aktionskunst verzichtet diesmal auf Blut, Innereien und nackte Jünglinge an Kreuzen. Für seine Performance konzentriert er sich auf die Farbe. Riesige weiße Leinwände begrenzen die Bühne. Oben schütten weiß gekleidete Malassistenten Farbe aus, die schön langsam in Schlieren nach unten läuft. Auch auf dem Bühnenboden schwappt und spritzt es giftgrün und zinnoberrot. Dann und wann steigt eine Malassistentin im weißen Kleid auf ein Kreuz und wird mit roter Farbe begossen.

Mit Wagner haben die Kreuze wenig zu tun, dafür viel mit der nietzscheanischen Privatmythologie von Hermann Nitsch. Geschenkt. Richtiges Augenfutter aber sind die Farbverläufe, die leicht nachvollziehbar die Handlung illustrieren. Für die Liebesnacht kombiniert Nitsch aparte Blau- und Grüntöne, die von leuchtendem Rot überschwemmt werden. Wotans Verzweiflung wird immer schwärzer. Und beim Walkürenritt kämpfen die Farben in heftigen Kontrasten. Das ständige Plitsch-Platsch mag empfindliche Wagnerianer stören, aber eigentlich ist das alles recht hübsch anzusehen, wenn auch letztlich eher dekorativ.

NOCH EINIGES ZU TUN

Die Sänger stehen oder sitzen auf der Vorderbühne, tragen schwarze Kutten und spielen nur ganz sparsam. Das Niveau ist gemischt. Iréne Theorin als Walküre hat ein etwas übertouriges Vibrato, Dmitry Belosselskiy als Hunding singt wuchtig, aber unfokussiert. Nicht ganz ausgewogen ist auch das Walküren-Ensemble. Christa Mayer ist eine eindrucksvolle, durchaus furchteinflößende Fricka.

Und Tomasz Konieczny rettet als Wotan stimmgewaltig den Abend, indem er für Günther Groissböck einspringt. Konieczny hat umwerfende Kraft und gestaltet sehr eindringlich, aber er muss aufpassen, dass er nicht zuviel powert. In bester Form ist Klaus Florian Vogt als Siegmund. Sein helles Timbre lässt ihn mühelos durchdringen, dabei hat sein Tenor weiter an Körperlichkeit gewonnen. Phantastisch singt Lise Davidsen als Sieglinde. Sie triumphiert in der Höhe und berührt im piano. Die Werkstatt Bayreuth brummt, das ist gut so. Es gibt noch einiges zu tun bis zum kompletten "Ring" im nächsten Jahr.

Sendung: "Allegro" am 30. Juli ab 6:05 Uhr auf BR-KLASSIK

Kommentare (4)

Kommentieren ist nicht mehr möglich.

Montag, 02.August, 06:53 Uhr

Renate Düerkop

Kritik

Ich kann der Kritik nicht zustimmen.
Szenisch muss ich schweigen, da ich es am Radio hören durfte.
Bin aber überzeugt, dass es m I r sehr gut gefallen würde.
Ich fand es musikalisch einen Höhepunkt.
Selten habe ich so wundervolle Stimmen gehört.
Und das Orchester... Ein Traum.
Es war stimmig, einfühlsam und Seelenvoll.
Einfach zauberschön.
Und sehr ergreifend.
Vielleicht sollte man sich einfach der Musik hingeben und nicht immer nach Fehlerquellen suchen.
Ich war begeistert und die Tränen rannen mir herunter.
Ich bin ein großer Thieleman Fan, aber ich bin zuversichtlich, dass es brillant in Bayreuth weiter gehen wird.
Manchmal tun Wechsel einfach gut.
Und die neue Generation ist hervorragend.

Freitag, 30.Juli, 18:27 Uhr

Stefanie Gemählich

Den Umständen entsprechend gut

Davidsen, Vogt und Konieczny sangen sehr gut bis herausragend, das ist schon mal bei den drei Hauptfiguren mehr als man leider oft sonst bei anderen Walküren bzw. Ringen zu hören bekommt. Die Farbkunst war Hintergrund bzw. Untermalung und dafür recht gefällig, die Buhs für den 82 jährigen Künstler zeugen von schlechter Kinderstube und waren im Rahmen des Konzepts dieser Aufführung komplett unangebracht. Ebenso die harsche Reaktion aufs Dirigat: Im Rahmen einer letztlich konzertanten Aufführung ist etwas Transparenz, das manchmal in leichtes Sezieren der Tempi bzw. Zelebrieren einzelner Lyrismen ging, durchaus angebracht. Grade der zweiten Erzählebene - den Leitmotiven - kam dies zugute, besonders bei Wotans Erzählung im zweiten Akt. Bei einer szenischen Aufführung würde auch ich nichtsdestotrotz Petrenko bevorzugen ;-). Und eine andere Brünnhilde sowie manch andere Walküre wäre sicher auch fein, wenn wir schon mal bei der Idealbesetzung sind... Insgesamt aber eine gute Aufführung.

Freitag, 30.Juli, 11:28 Uhr

Florian Suter

„Der Klang der Farbe“ (Walküre in Bayreuth)

Wahrscheinlich bin ich einfach ein bisschen naiv (oder sogar sehr) - aber ich kann mir nicht helfen: Wer nach einer Aufführung eines musikalischen oder musiktheatralischen Werks bloss imstande ist, lauthals „Buh“ zu rufen, hat sich meines Erachtens schon längst als unverbesserlich reaktionär geoutet: Keinerlei Bereitschaft, sich auf etwas einzulassen, das nicht ganz dem (vermeintlichen) Mainstream entspricht. Das ist einfach nur armselig!

Freitag, 30.Juli, 09:30 Uhr

Wahnfried

"übertouriges Vibrato"?

Iréne Theorien, eine sehr sympathsiche Frau! Aber: kann man bitte einmal schreiben, dass das gestern die schlechteste Brünnhilde der letzten Jahrzehnte in Bayreuth war?

    AV-Player