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Premierenkritik – "Elektra" bei den Salzburger Festspielen Vom Dirigenten auf Händen getragen

Die "Elektra" von Richard Strauss in der Inszenierung von Krzystof Warlikowski hatte letztes Jahr Premiere bei den Salzburger Festspielen. Am Dienstagabend ging die Wiederaufnahme über die Bühne, in weitgehend identischer Besetzung – Ausrine Stundyte in der Titelpartie, Tanja Ariane Baumgartner als Klytämnestra und Franz Welser-Möst am Pult. Zwei Neulige gab's allerdings auch: Vida Miknevičiūtė als Chrysotemis und Christopher Maltman als Orest.

Szene aus der Oper "Elektra" von Richard Strauss, inszeniert von Krzysztof Warlikowski bei den Salzburger Festspiele 2021 | Bildquelle: Bernd Uhlig

Bildquelle: Bernd Uhlig

Premierenkritik zum Anhören

"Elektra" bei den Salzburger Festspielen 2021

Krzystof Warlikowski ist normalerweise der Gigant des Assoziativen. Er bombardiert sein Publikum mit Zitaten, vor allem aus Filmen. Gern bleibt er vage, bewusst unklar, will die Kreativität der Betrachtenden reizen und die Aufschlüsse ihnen selbst überlassen. Und das alles in schmucker Ästhetik. Die schafft Małgorzata Szczęśniak im Bühnenbild und in den Kostümen auch bei dieser "Elektra" in der Felsenreitschule. Warlikowski aber ist ungewohnt konkret – und nah am Stoff.

Verzweifelt nach Frieden suchen

Er stellt der Oper einen Teil von Klytämnestras Monolog aus der Orestie von Aischylos voran. So wird klar: Sie tötete Agamemnon nicht, weil sie ihn loswerden wollte, um mit Ägisth in die Kiste zu springen, sondern weil er ihre gemeinsame Tochter Iphigenie opferte. Tanja Ariane Baumgartner spricht diesen Monolog markerschütternd. Ihre Klytämnestra ist keine Schreckschraube, keine keifende Alte, sondern eine Leidende, eine um Liebe Buhlende, eine verzweifelt nach Frieden Suchende.

Ein stimmlicher Kampf

Elektra indes ist nie erwachsen geworden: Im weißen Kleidchen mit roter Strickjacke möchte sie die Kindheit festhalten, die ihr durch den Mord am Vater genommen wurde. Ausrine Stundyte ist verkörpert diese Elektra mit Haut und Haar – zwischen verspieltem Kind und loderndem Rachengel. Wie sie sich verausgabt – das macht betroffen. Auch weil die Partie für sie stimmlich ein Kampf ist.

Franz Welser-Möst will eine lyrische Elektra

Manchmal mangelt es am Fokus in der Stimme und auch an Volumen. Das lässt sich nicht ganz kaschieren, auch wenn Franz Welser-Möst sie auf Händen trägt. Aber man spürt: Er will diese lyrische Elektra. Und tatsächlich gelingt es Stundyte trotz der Grenzgänge immer wieder, beispielsweise in der Erkennungsszene, wirklich intim, ja anrührend zu singen.

Eine Einheit: Die Wiener Philharmoniker

Hervorzuheben ist die Leistung der Wiener Philharmoniker: Sie agieren noch einheitlicher als letztes Jahr. Noch mehr vertrauen sie auf Welser-Möst, lassen sich abdimmen, entfalten dann wieder volle Wucht, zeigen den Horror und die Zartheit der Musik gleichermaßen. Also: die Vielfalt der Partitur, die so oft auf der Strecke bleibt.

Vida Miknevičiūtė für Asmik Grigorian

Die Partie der großen Sängerdarstellerin Asmik Grigorian nachzusingen, ist denkbar undankbar – und dennoch eine Aufgabe die Vida Miknevičiūtė an diesem Abend spielend löst. Sie verkörpert mit jeder Faser diese Chrysotemis: den pubertierenden Teen, der bauchfrei mit kurzem Rock und Mega-Hacken zwischen allen Stühlen steht, Elektra liebt, aber die Mutter doch auch versteht und mit einer eigenen Familie endlich dem Grauen entkommen und Glück finden will.

Miknevičiūtė hat eine Strauss-Stimme

Und dazu Miknevičiūtės Stimme: ideal für Strauss! Dieser glänzende, leicht metallene, trompetenhafte Strahl in der Höhe – nie kalt, nie scharf, aber immer mühelos sich auf die Orchesterwogen schwingend. So beherrscht sie die ganze Schlussszene. Elektra bringt sich mit Tabletten um, Orest, von Christopher Maltman mit wenig Bassschwärze, dafür sehr nobel gesungen, wird an seinen Morden verrückt. Rache heilt keine Wunden, Hass schürt wieder Hass. Und wenn es der auf sich selbst ist. Das zeigt diese "Elektra" eindrucksvoll.

Sendung: "Allegro" am 28. Juli 2021 ab 6:05 Uhr auf BR-KLASSIK

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