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Entscheidung zur Kulturhauptstadt 2025 Kommentar: Nürnberg hat nicht umsonst gekämpft

Nach der Juryentscheidung am Mittwoch steht fest: Nürnberg hat das Rennen um den Titel als Europäische Kulturhauptstadt 2025 verloren. Der große Gewinner des Tages heißt stattdessen Chemnitz. Die Enttäuschung ist groß, auch wenn Nürnbergs Oberbürgermeister aufmunternde Worte findet. Ursula Adamski-Störmer kommentiert.

Julia Lehner (l-r, CSU), Zweite Bürgermeisterin von Nürnberg, Marcus König (CSU), Oberbürgermeister von Nürnberg, und Hans-Joachim Wagner, Leiter des Bewerbungsbüros zur Kulturhauptstadt 2025, reagieren während einer Online-Pressekonferenz der Europäischen Jury zur Bekanntgabe der Kulturhauptstadt 2025 für Deutschland auf die Bekanntgabe der Empfehlung. Die Entscheidung fiel auf Chemnitz. Mit im Rennen waren neben Nürnberg noch Hannover, Hildesheim und Magdeburg. | Bildquelle: picture-alliance/dpa

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Was in den vergangenen knapp drei Jahren an intensiver Arbeit für diesen heiß begehrten Titel geleistet wurde, das wird Nürnberg und die Region auch ohne Kulturhauptstadtkrönchen in seiner kulturellen Kompetenz und Strahlkraft weiter voranbringen. "Wir hätten ohne diesen Prozess nicht so zukunftsorientiert gearbeitet und gedacht", gesteht Nürnbergs Kulturbürgermeisterin Julia Lehner nach der Juryentscheidung am Mittwochmittag. Ein Statement, das ihr sichtbar nicht leichtgefallen ist. Und ja, hier ist Zukunft gedacht worden, wenn auch nicht mit dem Siegertreppchen belohnt. Und diese Gedanken werden auch ohne den Titel die Entwicklung der Metropole und ihrer Region weiter prägen.

Wir hätten ohne diesen Prozess nicht so zukunftsorientiert gehandelt.
Nürnbergs Kulturreferentin Julia Lehner

Die Pegnitz mit dem Henkersteg (r) und Henkerhaus (M) und dem Weinstadel (l) in der Altstadt. Nürnberg will Kulturhauptstadt 2025 werden. Am 28.10.2020 gibt eine Jury bekannt, wer die deutsche Kulturhauptstadt Europas 2025 wird. | Bildquelle: picture-alliance/dpa Die Pegnitz mit dem Henkersteg, Henkerhaus und dem Weinstadel in der Nürnberger Altstadt | Bildquelle: picture-alliance/dpa Nichts also war umsonst in diesem wahrlich nicht leichten Wettkampf. Ausgerechnet das Jahr der Entscheidung im Dauer-Coronakrisenmodus. Keine öffentlichkeitswirksamen Leuchtturmprojekte in der Metropole und in den 42 Landkreisen und Städten, die im Ringen um den Titel mitgemacht haben. Nichts, was die Bevölkerung hautnah elektrisieren konnte, sie auf "Wir wollen Kulturhauptstadt werden" hätte einschwören können.

Stattdessen virtuelle Kommunikation auf allen Ebenen, in alle kulturellen Szenen, Vernetzung in die Metropolregion hinein. Und am Schluss keine europäische Jury vor Ort, die sich von dem Flair Nürnbergs, seiner kulturellen Kompetenz, seiner geschichtsbewussten Strategie vor Ort hätte beeindrucken lassen können: "Past Forward" – so lautete das Motto. Das große, finale Schaulaufen der zehnköpfigen Nürnberg-Delegation fand virtuell statt, in drei je siebzigminütigen digitalen Präsentationen. 

"Wir können und wir wollen Kulturhauptstadt"

Nürnberg: Julia Lehner (CSU), Zweite Bürgermeisterin von Nürnberg, reagiert während einer Online-Pressekonferenz der Europäischen Jury zur Bekanntgabe der Kulturhauptstadt 2025 für Deutschland auf die Bekanntgabe der Empfehlung. Die Entscheidung fiel auf Chemnitz. Mit im Rennen waren neben Nürnberg noch Hannover, Hildesheim und Magdeburg. | Bildquelle: picture-alliance/dpa Nürnbergs Kulturreferentin Julia Lehner bei der Verkündung der Juryentscheidung am Mittwoch | Bildquelle: picture-alliance/dpa Noch am Vortag der Entscheidung die letzte Runde, ein letztes Mal: "Wir können und wir wollen Kulturhauptstadt". Da mussten die Macher um den Leiter des Bewerbungsbüros Hans-Joachim Wagner und die Kulturbürgermeisterin Julia Lehner kurzerhand auch noch zu Fernsehprofis mutieren, um auf dem virtuellen Parkett bella figura zu machen. Obwohl hier eine stringent durchdachte und zugleich begeisternde "Past Forward"- Strategie präsentiert wurde, die die Stadt- und Landgesellschaft mit Lichtgeschwindigkeit in eine neue kulturelle Galaxie katapultiert, hat sich die zwölfköpfige europäische Jury gegen Nürnberg entschieden.

"Es ist bitter, aber die Arbeit war nicht umsonst", sagt Nürnbergs Oberbürgermeister Marcus König nach Bekanntgabe der Juryentscheidung am Mittwochmittag. Die Arbeit werde nicht in den Archiven verschwinden. Auch Bayerns Kunstminister Bernd Sibler würdigt den Einsatz aller Beteiligten. Der Bewerbungsprozess habe in der Stadt eine ungeheure Kreativität mobilisiert und neue Brücken in Europa geschlagen. "Der Wettbewerb hat langfristig nicht nur einen, sondern viele Gewinner", betont Bayerns Kunstminister Bernd Sibler, der selbst als Vorsitzender der Kulturministerkonferenz an der Bekanntgabe der Jury-Entscheidung in Berlin teilnahm.

Europa braucht Nürnberg, und auch das werden wir zeigen.
Nürnbergs Oberbürgermeister Marcus König

50.000 Besucher im Luitpoldhain am Samstagabend zum Klassik Open Air | Bildquelle: BR/Florian Deglmann Das größte Klassik Open Air Europas im Nürnberger Luitpoldhain | Bildquelle: BR/Florian Deglmann Dass Nürnberg Zukunft kann, hat die Stadt in den letzten Jahren bereits mehr als bewiesen. Auch wenn sie nun nicht den "offiziellen" Auftrag erhalten hat, im Scheinwerferlicht einer großen Internationalität die Blaupause einer humanen, agilen Stadt- und Landgesellschaft zu entwickeln. Nürnberg hat nun alle Instrumente in der Hand, den Prozess weiter umzusetzen. Einen Prozess, der ein so überaus vielfältiges kulturelles Angebot optimal vernetzt, nach Synergien sucht und somit einer ganzen Region ganz neu gedachte, kulturelle Power verleihen kann.

Ob Kunstklang Feuchtwangen oder Bayreuth Baroque, ob das Landestheater Coburg oder das Staatstheater Nürnberg, ob Neumarkter Konzertfreunde, Musikfest ION, Bachwoche Ansbach, Bayreuther Festspiele, das Bardentreffen, die unterschiedlichen Ensembles, Klassik Open Airs oder all die vielen musikalischen Kleinodien, die sich wie an einer Perlenkette aufgereiht durch die ganze Region ziehen – sie alle können aus den entworfenen Ideen dennoch schöpfen. Statt wie bisher nebeneinander, können die Künstlerinnen und Künstler sich im kreativen Miteinander noch stärker profilieren und vielleicht sogar auch neu erfinden.

Nürnberg – Kulturhauptstadt der Herzen

Allein im Bereich der Musik ist so unglaublich vieles da, auch vieles, was vor der Bewerbung eher im Verborgenen blühte. Und so vieles, was schon jetzt weit über die Region hinaus strahlt.  Mit diesen Pfunden hat die Metropolregion trotz der Niederlage im Ringen um den Titel Kulturhauptstadt Europa 2025 die besten Voraussetzungen geschaffen, eine Renaissance der Kultur zu entwickeln. Die Welt, die gerne in Nürnberg und in der Region zu Gast ist, wird es trotzdem sehen, erleben und hören. Denn, so Oberbürgermeister Marcus König: "Wir sind die Kulturhauptstadt der Herzen. Wir sind eine europäische Stadt und eine Stadt der Friedens- und Menschenrechte."

Kultur in Pandemiezeiten

Bayreuther Festspiele - Festspielhaus | Bildquelle: picture-alliance/dpa Der berühmte Grüne Hügel: Das Festspielhaus der Bayreuther Festspiele | Bildquelle: picture-alliance/dpa Gerade jetzt, gerade in einer Zeit der Pandemie, in der das kulturelle Leben, ja, auch das Musikleben, in seinen Grundfesten erschüttert wird. Gerade jetzt, wo Demokratien zu zerbrechen drohen, neuer Despotismus weltweit salonfähig zu werden scheint, gerade jetzt steht die Metropolregion Nürnberg im weltweiten Fokus. Aus dieser Region und ihrer schwierigen jüngeren Geschichte heraus wird ein neuer gesellschaftlicher Impuls hervorgehen. Kultur muss einladend, barrierefrei sein, sich der Geschichte stellen, diese in einem kreativen Prozess verwandeln – eben das, was sie von Natur aus ist: Grundnahrungsmittel einer humanen Gesellschaft.  

Kulturhauptstadt Europa 2025

Die Entscheidung zur Kulturhauptstadt Europas fiel am 28. Oktober unter den Bewerberstädten Chemnitz, Hannover, Hildesheim, Magdeburg und Nürnberg. Die Empfehlung der Jury muss noch von Bund und Ländern in eine formelle Ernennung umgewandelt werden. Die zweite Kulturhauptstadt 2025 stellt Slowenien.

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