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Bratschist klagt gegen Royal Opera House Wenn Wagner krank macht

Ein britischer Bratschist hat seinen früheren Arbeitgeber, das Londoner Royal Opera House, auf umgerechnet rund 850.000 Euro verklagt. Der Musiker hatte bei Proben zu einer Wagner-Oper stundenlang vor einer sehr lauten Bläsergruppe gesessen und kann seither seinen Beruf wegen eines Hörschadens nicht mehr ausüben. Die Anhörung vor dem Londoner High Court hat in der vergangenen Woche begonnen und ist jetzt fortgesetzt worden.

Bildquelle: picture-alliance/dpa

Wenn Tassen aneinander klappern oder Gläser klirren, dann sei das für ihn mittlerweile unerträglich. Christopher Goldscheider, 48 Jahre, ist Bratschist und musste seine Karriere als Berufsmusiker aufgeben. Schuld daran sei das Royal Opera House am Covent Garden in London. Der Musiker hat das Haus verklagt und verlangt eine finanzielle Entschädiung.

Mit vier Jahren hat Goldscheider angefangen, Bratsche zu spielen, mit zehn übte er pro Tag sechs Stunden auf dem Instrument. 2012 endete seine Karriere abrupt bei Proben zu der Wagner-Oper "Die Walküre". Die Streicher saßen vor einer 18-köpfigen Bläsergruppe, die ziemlich laut war. So laut wie eine viel befahrene Straße - und das über drei Stunden. Weil sich auch andere Musiker beschwerten, wurden Messgeräte aufgestellt, um den Schalldruckpegel präzise messen zu können. Das Ergebnis: Durchschnittlich wirkten 91 Dezibel auf die Streichergruppe ein, in der Spitze sogar mehr als 130 Dezibel, so viel wie ein Düsenjet produziert.

Dezibel-Übersicht

30 Dezibel: Flüstern
70 Dezibel: Staubsauger, laufender Wasserhahn
80 Dezibel: Klavierspiel

85 Dezibel: ab hier irreparable Hörschäden möglich - Saxophonspiel
90 Dezibel: Kammerkonzert, Türknallen
95 Dezibel: Musik (Kopfhörer)
110 Dezibel: Disko

120 Dezibel: Schmerzgrenze - Kettensäge, Vuvuzela
140 Dezibel: Flugzeugstart
150 Dezibel: Schmiedehammer

Akustischer Schock

Christopher Goldscheider erwischte es besonders schlimm, obwohl er sogar einen Gehörschutz trug. Er bekam einen "akustischen Schock", sagt sein Anwalt. Der Bratschist könne seither seinen Beruf nicht mehr ausüben, nicht einmal mehr privat Musik hören und auch im Alltag sei er erheblich eingeschränkt, weil ihn viele Alltagsgeräusche jetzt belasteten.

Das Opernhaus weist dagegen eine Mitschuld an der Erkrankung seines ehemaligen Bratschisten zurück und nennt den Vorwurf bizarr. Goldscheider sei mit einem Gehörschutz ausgestattet worden und das Haus sei weit gegangen, wie ein verantwortungsvoller Arbeitgeber nur gehen könne, um die Lautstärke-Belastung zu reduzieren. Christopher Goldscheider hat das Opernhaus nichtsdestoweniger auf 750.000 Pfund, umgerechnet rund 850.000 Euro, Schadensersatz verklagt.