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Kommentar: Der Klassikbetrieb überhöht die Dirigenten Schluss mit Maestro

Titel können etwas Schönes sein. Wenn sie allen ein gutes Gefühl geben. Aber Titelhuberei kann auch albern werden. Die penetrante Unterwürfigkeit, mit der Dirigenten im persönlichen Umgang mit "Maestro" tituliert werden, ist längst aus der Zeit gefallen.

Hände eines Dirigenten | Bildquelle: picture-alliance/dpa / Montage BR

Bildquelle: picture-alliance/dpa / Montage BR

Es war mein zweites Interview als junger Journalist. Ich war Anfänger, freute mich drauf, war auch ein bisschen aufgeregt. Sprechen sollte ich mit einem Dirigenten. Seinen Namen kennt man heute nicht mehr. Damals leitete er ein Spitzenorchester. Er war nicht mal so viel älter als ich, die Karriere hatte verheißungsvoll begonnen. Kurz nach unserer Begegnung muss sie irgendwie stecken geblieben sein. Ich stellte also meine erste Frage, kam aber nicht weit: "Herr Soundso", sagte ich – da hob er blitzartig die Hand und rief mit todernster Miene: "Stopp!" Ich schaute ihn verblüfft an. "Maestro!", sagte er. "Ich bin Maestro Soundso!" Ich dachte: ah, ein Scherz. Doch er funkelte böse mit den Augen, und da ich Anfänger war und auf keinen Fall ohne Interview zurückkommen wollte, verbiss ich mir das Grinsen und redete ihn brav mit "Maestro" an. Was er nickend mit einem befriedigten Brummen quittierte.

Maestro, dürfte ich?

Ganz so standesbewusst sind zum Glück dann doch die wenigsten Dirigenten. Wobei – sie haben es meist gar nicht nötig. Bis heute werden Dirigenten von ihrer Umgebung in einer Frequenz und mit einer Unterwürfigkeit mit diesem Ehrentitel angeredet, die sich Außenstehende kaum vorstellen können. Auf mich wirkt das einfach anachronistisch. Manchmal geradezu servil, wenn man miterlebt, welchen Tanz manche dieser Herren von ihrer Entourage um sich aufführen lassen. Das hat was von Scharwenzeln: "Maestro, würden Sie ... Maestro, könnten Sie ... Maestro, dürfte ich ..." Muss das sein?

Vom Kapellmeister zum Pult-Superstar

"Maestro di Capella" ist italienisch und bedeutet schlicht "Kapellmeister". Mitte des 19. Jahrhunderts machte der relativ neue Beruf Dirigent eine steile Karriere. Wo es vorher reichte, dass jemand stampfte oder den Bogen schwang, betraten nun befrackte Superstars das Pult. Und aus der italienischen Berufsbezeichnung wurde eine in aller Welt gebräuchliche ehrende Anrede. Bis in die 80-er Jahre sprach man katholische Pfarrer mit "Hochwürden" an. Kenner vermieden dabei das "Sie": "Haben Hochwürden angenehm geschlafen?" Niemand kann mir im Ernst erzählen, dass irgendjemand dieses Getue vermisst (das titelverliebte Österreich ist hier möglichweise eine Ausnahme, dort gibt es zwar keinen Kaiser mehr, aber immer noch Hofräte). Hochschulrektoren hatten früher den Anspruch auf die Anrede "Eure Magnifizenz", noch cooler die Dekane: "Spektabilität". Wenn heute jemand in der Uni so redet, dann mit breitem ironischen Grinsen. Nur im Klassikbetrieb wird dieser Zirkus bis heute mit vollem Ernst zelebriert.

Lassen wir es einfach!

Damit wir uns nicht falsch verstehen: Es geht mir überhaupt nicht darum, verdiente Künstler zu betrüben. Berühmte ältere Herren, sagen wir ab 70, die ein Leben lang mit "Maestro" tituliert worden sind, sollen sich gern bis an ihr hoffentlich fernes Ende daran erfreuen. Aber kürzlich hörte ich eine übereifrige PR-Agentin allen Ernstes etwas von "Maestro Liebreich" flöten. Alexander Liebreich ist ein toller Dirigent, Anfang 50, angenehm im Umgang und ein normaler netter Mensch wie Sie und ich. Er ist weder Großwesir noch Österreicher. Deshalb, lieber Klassikbetrieb, meine Bitte: Lassen wir die Anrede "Maestro" einfach friedlich einschlafen. Wenn es sogar die katholische Kirche geschafft hat, ohne "Hochwürden" auszukommen, wird's die Klassik auch überleben.

Sendung: "Allegro" am 31. Juli 2020 ab 6.05 Uhr auf BR-KLASSIK

Kommentare (2)

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Montag, 03.August, 16:43 Uhr

Herold

Maestro

Maestro ist doch schon seit einiger Zeit vom Direttore d`orchestra abgelöst worden. Insofern schadet es nicht, wenn der maestro, mit dem man ja auch in Italien den Grundschullehrer anspricht,von der " Bühne " verschwindet. Allerdings ist damit nicht gesagt, dass nunmehr der Dirigent nicht mit dem "Direttore" umschmeichelt wird.

Sonntag, 02.August, 22:32 Uhr

Beate Reichle

Maestro

Da fällt mir ein erfrischendes Statement dazu von weiland Nikolaus Harnoncourt ein, der es hasste, mit "Maestro" angesprochen zu werden: Er war der Meinung, dass in Italien auch die Friseure so angesprochen würden ...

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