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Kritik - "Artaserse" am Markgräflichen Opernhaus Bayreuth Wilhelmines markgräfliches Hundeleben

Sie war selbstbewusst, kunstsinnig und unabhängig: Markgräfin Wilhelmine leistete sich ein Opernhaus in der fränkischen Provinz - eines der schönsten und damals größten Theater in Europa. Mit der Aufführung von "Artaserse" knüpft die Theaterakademie August Everding an die Eröffnung des Opernhauses in Bayreuth 1748 an - und holt die ehemalige Geliebte von Wieland Wagner auf die Bühne.

Szenenbild aus der Oper "Artaserse" von Johann Adolph Hasse mit der Theaterakademie August Everding zur Wiedereröffnung im Markgräflichen Opernhaus Bayreuth | Bildquelle: © Jean-Marc Turmes

Bildquelle: © Jean-Marc Turmes

Gut, dass sich jemand fand, der sich um den Hund von Anja Silja kümmerte. Das machte die 77-jährige Sängerin angeblich zur Bedingung dafür, dass sie noch einmal eine (Sprech-)Rolle übernahm, und zwar nicht irgendwo, sondern in Bayreuth - also dort, wo sie eine spektakuläre Liebesaffäre mit dem verheirateten Wieland Wagner hatte, wo sie nach dessen Tod 1966 von dessen Familie verstoßen wurde, wo sie somit sage und schreibe ein halbes Jahrhundert nicht mehr auf der Bühne stehen durfte und auch nicht stehen wollte - zu stark waren ihre Erinnerungen an Wieland.

77-jährige Anja Silja spielt Markgräfin Wilhelmine

Szenenbild aus der Oper "Artaserse" von Johann Adolph Hasse mit der Theaterakademie August Everding zur Wiedereröffnung im Markgräflichen Opernhaus Bayreuth | Bildquelle: © Jean-Marc Turmes Anja Silja, Pauline Rinvet,, Kathrin Zukowski | Bildquelle: © Jean-Marc Turmes

Keine andere Sopranistin hatte so jung die großen Wagner-Partien gesungen, war so umstritten, so ausdrucksstark, von so vielen Gerüchten umwabert wie Anja Silja. Und jetzt, am Ende ihrer Karriere, spielte sie zur Wiedereröffnung des Markgräflichen Opernhauses keine andere als die kunstsinnige Markgräfin Wilhelmine, eine starke, unabhängige und leidgeprüfte Frau, die für das Theater ihren Kleinstaat verschuldete, die selbst komponierte, sich um die Ausstattung kümmerte und - was für eine Ironie, auch Hundeliebhaberin, ja sogar Großmeisterin des freimaurerischen Mops-Ordens war.

So ein Schoßhund findet sich deshalb auch an Wilhelmines Bayreuther Denkmal schräg gegenüber vom Opernhaus. Und damit nicht genug: Regisseur Balázs Kovalik ließ in seiner Inszenierung der Barock-Oper "Artaserse" Anja Silja und andere zeitweise mit Hundemasken auftreten. Warum, das blieb zwar schleierhaft, aber wer wollte, konnte dabei an Wilhelmines verbürgten Ärger mit dem Tierarzt oder Anja Siljas Probleme mit dem Hunde-Sitter denken. Das war überhaupt das Problem dieses glanzvollen Abends: Die Dramaturgie-Studenten der Bayerischen Theaterakademie August Everding hatten anscheinend sehr viele Ideen, hatten sehr gründlich recherchiert und so ziemlich alle diese Einfälle wurden dann auch von der Regie umgesetzt.

Überfrachtet und anstrengend

So wucherten die Assoziationen allzu üppig. Vordergründig ging es um die Geschichte des traditionsreichen Opernhauses, des schönsten und größten Barocktheaters Europas, das 1748 unter anderem mit dem Königsdrama "Artaserse" eröffnet wurde, einem Stoff aus der persischen Antike, geschrieben vom Erfolgstexter Pietro Metastasio und vertont vom Großverdiener und Superstar Johann Adolf Hasse. Das war in diesem Fall allerdings Nebensache: Vor allem wurde die Lebensgeschichte von Markgräfin Wilhelmine gezeigt, ja die ihrer ganzen Familie, also auch ihres Bruders, der schließlich Friedrich der Große wurde. Sie alle litten unter einem tyrannischen und geistlosen Vater. Eine Familienhölle, wie die viel gelesenen Memoiren der Wilhelmine belegen.

Szenenbild aus der Oper "Artaserse" von Johann Adolph Hasse mit der Theaterakademie August Everding zur Wiedereröffnung im Markgräflichen Opernhaus Bayreuth | Bildquelle: © Jean-Marc Turmes Anja Silja, Pauline Rinvet | Bildquelle: © Jean-Marc Turmes

Das alles war schon reichlich kompliziert und eigentlich nur für Zuschauer verständlich, die in der Bayreuther Kulturgeschichte bestens bewandert sind, dazu kam jedoch neben dem Star Anja Silja und deren Bayreuth-Schicksal auch noch der Eröffnungsglanz nach sechsjähriger Renovierung, und so thematisierten Regisseur Balazs Kovalik und sein Ausstatter Csaba Antal das Barocktheater als solches, mit Donner- und Windmaschine, mit Schnellverwandlungen, mit der Pracht von Perücken und Kostümen. Zuviel von allem! Der Abend hinterließ einen gänzlich überfrachteten, anstrengenden, ja trockenen, akademischen Eindruck.

Ein Lob an die Bühnenarbeiter

Theater für Eingeweihte, für ein Festpublikum, das schon in Bayreuth nicht wirklich funktionierte und das es bei den geplanten Aufführungen im Mai im Münchener Cuvilliés-Theater, ebenfalls ein Barockjuwel, sicher nicht leicht haben wird, das Publikum zu überzeugen. Die Studenten der Theaterakademie hatten vor allem mit den Affekten Schwierigkeiten, von denen die Barock-Oper ja lebt, also mit den großen Gefühlen, die sich ständig jäh abwechseln. Auch stimmlich blieben Wünsche offen. Kathrin Zukowski als Friedrich und Natalya Boeva als Mutter meisterten ihre Partien allerdings eindrucksvoll. Dirigent Michael Hofstetter und die Münchener Hofkapelle waren zu bewundern, mussten sie doch ständig mit den Sprechpassagen der Silja zurecht kommen, was gelegentlich etwas mühsam wirkte. Vorbehaltloses Lob verdienen dagegen die Bühnenarbeiter - die wie im Barockzeitalter Schwerstarbeit leisteten. In gewisser Weise ein Hundeleben.

Nächste Aufführungen von "Artaserse"

14. und 15. April 2018 am Markgräflichen Opernhaus Bayreuth
11., 13. und 15. Mai 2018 im Münchner Cuvilliés-Theater

Sendung: "Allegro" am 13. April 2018, 06:05 Uhr auf BR-KLASSIK

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