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Kritik - Missa Solemnis in München Petrenko überwältigt mit Präzision

Er liebt die Spätromantik: Dass Kiril Petrenko die Mammutpartituren von Wagner, Strauss und Mahler phänomenal dirigiert, ist bekannt. Nun leitete der Bayerische Generalmusikdirektor im Akademiekonzert Beethovens Missa solemnis mit Chor und Orchester der Bayerischen Staatsoper. Und erweist sich auch im klassischen Repertoire als Spezialist für Ausnahmewerke.

Kirill Petrenko | Bildquelle: Wilfried Hösl

Bildquelle: Wilfried Hösl

"Haben wir schon immer so gemacht", "Haben wir noch nie so gemacht", "Da könnte ja jeder kommen": Verwaltungsjuristen mit Hang zur Selbstironie bezeichnen diese drei heiligen Prinzipien gern als Dreisatz der Bürokratie. In diesem Sinn ist Kiril Petrenko der unbürokratischste Dirigent, der sich denken lässt. Mit jeder Aufführung, mit jeder Probe hinterfragt er eingeschliffene Aufführungstraditionen und die Beharrungskraft des Betriebs. Gedankenloses Weiterwursteln ist ihm verhasst. Die unerbittliche Genauigkeit, die nimmermüde Aufmerksamkeit auf den Text, mit der er vorgeht, können dabei manchmal durchaus pingelig erscheinen. Doch die Korrektheit ist für ihn niemals Zweck, immer nur Mittel: Ziel ist bei Petrenko die Ausnahme, nicht die Regel. Die Präzision dient einzig und allein der mitreißenden Wirkung, dem ekstatischen Moment, letztlich der Überwältigung des Hörers.

Unkomfortables Meisterwerk

In dieser Grundhaltung passt Petrenko ausgezeichnet zu  Beethovens späten Werken – etwa der Missa solemnis. In diesem Stück wird die Ausnahme zur Regel, das Unvergleichliche zum Maßstab. Und so steht die Missa Solemnis ziemlich quer in der Musikgeschichte. Ein unkomfortables Meisterwerk, das buchstäblich nicht zu gebrauchen ist: Für den Gottesdienst ist es sowieso viel zu lang. Den Frommen war es zu zweiflerisch, den Atheisten zu fromm.  Auch der Kunstgenuss ist keineswegs ungetrübt: Befremdliche Brüche durchziehen das Stück, dazu kommt Beethovens durchaus strapaziöse Art, für die Stimme zu komponieren.

Mit der historischen Aufführungspraxis hat Kirill Petrenko wenig am Hut. Das signalisiert schon die fette Streicherbesetzung auf der Bühne des Nationaltheaters. Sein Zugang zum Notentext läuft eben nicht über die Aufführungskonventionen der Entstehungszeit. Petrenko betont nicht den Kontext, das, was Beethoven mit der Sprache seiner Zeitgenossen verbindet, sondern das Neuartige, den Ausnahmecharakter, die Modernität von Beethovens Spätstil.

Überlegte Gestaltung der symphonischen Großform

Wenig überraschend also, dass er die Brüche in dieser Musik ganz besonders wirkungsvoll herausarbeitet: die auskomponierten Schockmomente, die pianissimo-Löcher, die dramatischen Ausbrüche, die befremdlichen Stilzitate – und schließlich den verstörenden Naturalismus, wenn Beethoven im abschließenden "Dona nobis pacem" die Schrecken des Krieges durch bedrohliche Militärmusik beschwört.

Doch das allein könnte in einer effekthascherischen Aneinanderreihung von Einzelheiten stecken bleiben. Wirklich herausragend wird Petrenkos Deutung erst durch das, was er auf die andere Seite der Waagschale legt: Die überlegte Gestaltung der symphonischen Großform. Sei es in der schlüssigen Dramaturgie der Steigerungen im Gloria oder, im Benedictus, im ruhig pulsierenden Strömen der Musik – emotional für mich der Höhepunkt, auch dank des exzellenten Violinsolos von Konzertmeister David Schultheiß.

Staatsorchester in Topform

Überhaupt ist das Staatsorchester in Topform, was sich vom Staatsopernchor nicht uneingeschränkt sagen lässt. Vor allem im Sopran fehlt es an Homogenität und Leuchtkraft. Zugegeben, Beethovens Anforderungen an die Singstimme sind manchmal monströs. Angesichts dessen schlägt sich das Solistenquartett ausgezeichnet: Vier starke Individuen, die sich stimmlich wenig mischen, was Vor- und Nachteile hat: Marlis Petersen mit beeindruckend höhensicherem, etwas unruhigem Sopran, Okka von der Damerau mit hochexpressiver Altstimme, Benjamin Bruns mit leicht metallischem Tenor und Tareq Nazmi mit voluminösem Bass. Ein Ausnahmewerk, ausnehmend gut interpretiert.

Sendung: "Allegro" am 18.02.2019 ab 6:05 Uhr auf BR-KLASSIK

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