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Missbrauch am Budapester Operettentheater Vorwürfe gegen künstlerischen Leiter

Schwere Vorwürfe gegen den künstlerischen Leiter des Budapester Operettentheaters: Miklós Gábor Kerényi soll Schauspieler und Tänzer missbraucht haben. Das Haus will die Vorgänge untersuchen und rief zu diesem Zweck die Opfer auf, sich zu melden. Ein ehemaliger Mitarbeiter äußerte gegenüber BR-KLASSIK, Probleme und Sorgen bestünden noch weiter.

Flussansicht der Kettenbrücke Budapest | Bildquelle: picture alliance

Bildquelle: picture alliance

Nachdem erste Vorwürfe gegen Kerényi bekannt geworden waren, meldeten sich in den vergangenen Tagen noch weitere Schauspieler und Tänzer. Sie hatten in jeweils sehr jugendlichem Alter unter Kerényi gearbeitet. Ihren Aussagen zufolge habe er sie geschlagen und misshandelt. Wenn sie beispielsweise zu spät zur Probe erschienen, soll Kerényi die jungen Künstler ins Direktionszimmer bestellt und auf das entblößte Gesäß geschlagen haben.

Zeugen melden sich zu Wort

Eines der mutmaßlichen Opfer ist der heute auf Teneriffa lebende Schauspieler Ákos Maros. Er hatte am Montagabend im privaten TV-Sender ATV die Vorwürfe gegen Kerényi öffentlich bekräftigt und erzählt, was er selbst in den 90er Jahren als Tänzer während der Probenphase des Musicals "Miss Saigon" ertragen musste. Auch der Regisseur Péter Kalmár, der jahrelang mit Kerényi zusammenarbeitete, schreibt in seinem Internetblog: "Seit fast 18 Jahren funktioniert der Betrieb unter ihm - zweifellos erfolgreich. An dieser glitzernden Operettenwelt und der unter Trockeneis und Laserlicht vibrierenden Musicalbühne aber kleben Unmengen von Tränen, psychische und sexuelle Belästigung sind damit verbunden, es gab verbalen und physischen Missbrauch."

Der 66-jährige Kerényi hingegen bestreitet die Vorwürfe. Er war nach öffentlichem Bekanntwerden der Vorwürfe mit sofortiger Wirkung entlassen worden.

Probleme auch nach Kerényis Entlassung

Ein Mitarbeiter, der bereits wegen der Vorfälle kündigte und dennoch anonym bleiben möchte, äußert gegenüber BR-KLASSIK, dass es Sanktionen gebe, wenn er sich äußere. "Mit der Entfernung von Kerényi wurden die Probleme noch nicht gelöst. Ich bin davon fest überzeugt, dass die Theaterleitung von den Missbräuchen wusste. Es macht mich sehr traurig, dass es eine Institution gibt, wo alle Angst haben und es nicht wagen, ihre Meinung zu äußern. Und es geht hier nicht um die Frage, wie man Tschechow inszeniert, sondern darum, dass man seine Menschenwürde in der Arbeit behalten kann. Man muss zwar jetzt nicht mehr daran denken, dass Miklós Gábor Kerényi nachts heimlich ins Theater schleicht und einen mit einem Kleiderbügel (wie er das gerne machte) versohlt, sondern dass jemand keine Rolle in der nächsten Spielzeit bekommt. Das ist schlimm genug für die Schauspieler."

Bereits der zweite Fall in Ungarn

Seitdem angesichts der Enthüllungen um Hollywood-Produzent Harvey Weinstein Missbrauchsopfer weltweit unter dem Motto "#MeToo" ihr Schweigen brechen, ist Kerényi bereits der zweite prominente Fall in Ungarn. Im Vormonat hatte László Marton, Regisseur und Oberspielleiter des Budapester Lustspieltheaters, alle Funktionen niedergelegt, nachdem ihm mehrere Schauspielerinnen sexuelle Übergriffe vorgeworfen hatten.

Das Budapester Operettentheater ist regelmäßig auf Tournee in ganz Europa unterwegs. Seine Produktionen sind unter anderem auch am Deutschen Theater in München zu erleben.

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