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Prokofjew-Marathon mit Valery Gergiev Klangzauber und Schockwirkung

Herkulesaufgabe für Valery Gergiev: Der russische Dirigent präsentierte beim MPHIL 360°-Festival am Wochenende in der Münchner Philharmonie alle sieben Symphonien von Sergej Prokofjew. Neben den Münchner Philharmonikern war das Mariinsky Orchester St. Petersburg im Einsatz.

360° Festival der MPHIL 2016 | Bildquelle: Münchner Philharmoniker

Bildquelle: Münchner Philharmoniker

Schon Gergievs Dramaturgie der drei Konzerte war sehr geschickt: Er ging nicht chronologisch vor, sondern spannte je eine "leichtere“ mit einer drastischen Prokofjew-Symphonie zusammen. Auf diese Weise ergab sich für die Zuhörer ein spannendes Wechselbad zwischen Klangzauber und Schockwirkung. Gergiev kombinierte die orgiastische Dritte Symphonie nach Motiven aus der Grusel-Oper "Der feurige Engel“ mit der großformatigen Fünften, die wegen ihrer lyrischen Qualitäten zur meistgespielten wurde.

Valery Gergiev genau der richtige Kandidat

360° Festival der MPHIL 2016 | Bildquelle: Münchner Philharmoniker Valery Gergiev | Bildquelle: Münchner Philharmoniker Auf die krasse Zweite, ein Monstrum "aus Eisen und Stahl“, folgte die versöhnliche, aufgesetzt heitere Siebte. Mit der einen wollte sich Prokofjew in Paris als Avantgardist positionieren, mit der anderen das sowjetische Regime besänftigen. Die kühl-elegante Vierte Symphonie, eine Zweitverwertung des Balletts "Der verlorene Sohn“, traf auf die atemberaubend tiefgründige Sechste, Prokofjews persönlichste Aussage.

Gergiev ist mit seiner kaum zu toppenden Erfahrung genau der richtige Kandidat für Prokofjews symphonischen Kosmos. Meist ohne Taktstock formte er den Klang ausdrucksstark mit seinen Händen, wippte federnd im Takt der Musik. Bewundernswert, wie er den reichen Verästelungen dieser Musik mit permanenten Temporückungen organisch folgte. Dass Gergiev keineswegs nur der Mann fürs Grobe ist, für machtvolle Steigerungen und gleißende Höhepunkte, zeigte er eindrucksvoll mit zarten Nuancen und fein ausbalanciertem Klang. Dabei halfen ihm seine Experimente mit der geschmähten Gasteig-Akustik - so positionierte er die Musiker weit an die Hinterseite der Philharmonie, so dass die vordere Hälfte der Bühne leer war.

Motivationsschub und Quantensprung für die Münchner Philharmoniker

360° Festival der MPHIL 2016 | Bildquelle: Münchner Philharmoniker Philharmonie im Gasteig München | Bildquelle: Münchner Philharmoniker Zwei der Konzerte bestritt Gergiev mit seinem Mariinsky-Orchester, hörbar einem der besten der Welt. Der Klang ist dunkler, das Blech schwerer als bei den Münchner Philharmonikern, die ihren Petersburger Kollegen an orchestraler Brillanz kaum nachstehen. Die Instrumentations-Finessen und die grellen Kontraste von Prokofjews Musik arbeiteten beide Orchester unter Gergievs Leitung prägnant heraus. Für die Münchner Philharmoniker, die zuletzt in der zweiten Liga spielten, ist die neue Ära Motivationsschub und Quantensprung zugleich. Es ist ein Ansporn auch für die anderen Münchner Orchester: Konkurrenz belebt schließlich das Geschäft.

Keine Sekunde langweilig

Eine grandiose Werkschau war’s, keine Sekunde langweilig - und eine Aufforderung an Gergievs Kollegen, doch unbedingt mal die unbekannten Prokofjew-Symphonien aufs Programm zu setzen, vor allem die packende Sechste. Man konnte auf eine faszinierende Entdeckungsreise gehen. Und das Publikum ging mit in der gut besuchten Münchner Philharmonie. Ja, der Gasteig brummte bei MPHIL 360°. Bitte mehr davon!

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