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Musical-Premiere in Füssen Ralph Siegels "Zeppelin": Gelungenes Wagnis

Ralph Siegel hatte einen Traum: Ein Musical zu komponieren über den Pionier der Luftschifffahrt, Graf Zeppelin, zum einen und zum anderen über den letzten Flug der Hindenburg und sein dramatisches Ende. Ein Musical mit Parallel-Handlung. Und ein gelungenes Wagnis, wie die gestrige Premiere in Füssen zeigte: Der prominente Schlagerkönig wuchtete eine beeindruckende XXL-Show auf die Riesenbühne des Festspielhauses am Forggensee. Das Publikum war über viereinhalb Stunden gebannt – und Zeuge eines Gefühlssturms, auch in eigener Sache.

Ralph Siegels "Zeppelin" | Bildquelle: © Goran Nitschke/BrauerPhotos

Bildquelle: © Goran Nitschke/BrauerPhotos

Ralph Siegels "Zeppelin"

Gelungenes Wagnis

Wer macht sich hier eigentlich auf die ganz große Reise, wer wagt das Abenteuer, wer geht voll ins Risiko? Ralph Siegel oder der Zeppelin? Das kann an diesem in jeder Hinsicht denkwürdigen, fulminanten Abend schon mal durcheinander geraten. "Ich muss ehrlich sagen, ich bin verrückt, es ist eigentlich viel zu riskant", so Siegel im Vorfeld seufzend gegenüber dem BR, und dass er eine Hypothek auf seine Villa aufgenommen hat, um dieses Projekt zu stemmen, daraus machte er auch kein Geheimnis.

Viereinhalb-Stunden-Abend wurde unerwarteter Erfolg

Riskant war es wirklich in jeder Hinsicht: Zeppeline wurden vor hundert Jahren noch mit dem hochexplosiven Wasserstoff befüllt, ein Funken genügte, und die Riesen-Luftschiffe standen in Sekunden in Vollbrand. Das führte am 6. Mai 1937 ja zur Katastrophe von Lakehurst, wo LZ 129 bei der Landung in Flammen aufging. Und natürlich war es auch ein Wagnis, ausgerechnet über Zeppeline ein Musical zu machen. Wen interessieren denn heute noch diese altertümlichen Flug-Zigarren?

Ralph SIegels "Zeppelin" | Bildquelle: © Goran Nitschke/BrauerPhotos Magier Ben Dova im Gestänge | Bildquelle: © Goran Nitschke/BrauerPhotos Und doch landete Ralph Siegel genau damit einen unerwarteten Erfolg: Unerwartet deshalb, weil er in den vergangenen Jahren nicht gerade mit vorderen Plätzen beim Eurovision Song Contest verwöhnt war und unerwartet auch, weil dieser Abend geschlagene viereinhalb Stunden in Anspruch nahm. Das konnte doch eigentlich nicht gutgehen, in der Zeit schaffte die Concorde eine Transatlantik-Überquerung und welcher Musicalfan will schon bis Mitternacht warten, bis die berühmte "Hindenburg" endlich abstürzt und die Überlebenden tapfer ihr Schicksal bewältigen?

Doch das war das Wunder an dieser Uraufführung im Füssener Festspielhaus: Es war keine Minute langweilig. Ralph Siegel und sein Autor Hans Dieter Schreeb erzählten so viele Geschichten durch- und übereinander, dass Aufmerksamkeit gefragt war – die dann allerdings auch immer wieder belohnt wurde. Wer kennt sich schon so genau aus mit dem Leben des Grafen Zeppelin, der sein Vermögen einsetzte für den Bau von Luftschiffen und dabei immer wieder Rückschläge einstecken musste? Und wer schaute nicht gebannt der fiktiven Reisegesellschaft zu, die auf der letzten Fahrt der "Hindenburg" ihre Ehekrisen, ihre Lebenslügen, ihre Träume, ihre Ängste, ihre Hoffnungen vorführt?

Sarkastisches "Hakenkreuz-Ballett" und "Panzer-Marsch"

Ralph SIegels "Zeppelin" | Bildquelle: © Goran Nitschke/BrauerPhotos Reisegesellschaft mit Problemen | Bildquelle: © Goran Nitschke/BrauerPhotos Das war bis zum abschließenden Gefühlssturm über New Jersey berührend, fesselnd und keineswegs seicht, wenn manche Reime auch arg vorhersehbar waren. Vermutlich mit voller Absicht: Siegel legte es erklärtermaßen darauf an, sein Publikum zum Mitsummen anzuspornen, und ein paar sentimentale bunte Schmetterlinge flatterten denn tatsächlich aus dem Orchestergraben ins Ohr. Regisseur Benjamin Sahler und Choreographin Stefanie Görning scheuten sich aber auch nicht vor einem wuchtig-anklagenden "Hakenkreuz"-Ballett mit Stechschritt und gereckten Armen, Siegel hatte dazu einen sarkastischen "Panzer-Marsch" komponiert.

Der Mann kann alles: New York feiern, Wien zu Füßen liegen, Berlin in Schwung bringen, Männer in den Untergang treiben, Frauen freikämpfen. Er lässt Arbeiter rote Fahnen schwenken, Kinder herzerwärmend das Fliegen preisen und Staubsaugervertreter Werbebotschaften tanzen. Und dabei kam nur selten Schlagerseligkeit auf, vielmehr führte Siegel vor, was er in fünfzig Jahren Komponistenleben gelernt hat: Souverän eine Musiksprache finden für jedwede Situation. In diesem Fall setzte er immer wieder auf Oden und Hymnen, auf Bekenntnissongs, sogar auf politische, und pathetische Beichten. Viel hilft viel, das bestätigte sich aufs Erfreulichste. Ministerpräsident Markus Söder scherzte bei seiner Begrüßung zur Gaudi der Zuschauer, in der Politik stehe er eigentlich immer zwischen "Dschingis Khan" und "Ein bisschen Frieden", zwei Erfolgshits von Siegel mit durchaus widersprüchlicher Botschaft, mal martialisch, mal pazifistisch.

Zeppelin schwebte im Zuschauerraum

"Zeppelin" von Ralph Siegel | Bildquelle: Goran Nitschke / Festspielhaus Neuschwanstein Blicke nach oben: Zeppelin-Modell | Bildquelle: Goran Nitschke / Festspielhaus Neuschwanstein Die passend opulente Bildsprache fand Ausstatterin Barbara Fumian, die ein Riesen-Gestänge entworfen hatte und sogar einen Zeppelin im Zuschauerraum schweben ließ. Und die Showtreppe fehlte genauso wenig wie die Gangway und das Cockpit. Die Drehbühne war permanent im Einsatz, das Wasser des Bodensees plätscherte, die Straußenfedern wedelten, der Nebel waberte, die Flugmaschinen hatten gut zu tun. Raphaela Dürr hatte offenbar einen sehr auskömmlichen Kostüm-Etat, jedenfalls war der Aufwand an Pailletten, Uniformen und Trikots enorm. Und doch wirkte die Bühne nie überladen, nicht mal, als auch noch eine Burlesque-Tänzerin im Martini-Glas planschen musste und sich Akrobatinnen am Reif räkelten.

Ja, es ist auch Ralph Siegels Geschichte, die hier vorgeführt wird: Seine Wut über Neider und Bremser, sein Glaube an sich selbst, sein Rückblick aufs Leben mit all seinen Höhen und Tiefen, seine Neugier auf das, was noch kommen könnte. Selig stellte er sich am Ende den stehenden Ovationen, gesundheitlich geschwächt, aber dankbar für ein in der Tat hoch engagiertes Ensemble. Er hat es allen gezeigt – wollte er ja auch, sonst hätte er nicht fünf Jahre an dem Projekt festgehalten, trotz mehrfacher Verschiebungen durch die Lockdowns und diverser Zerwürfnisse mit Partnern. Möglicherweise ein Grund dafür: Schon einmal war Siegel an einer Musical-Großproduktion beteiligt, 1982 bei "Winnetou" in der Westfalenhalle Dortmund. Doch damals wurde seiner Meinung nach mehr Wert auf die Pferde als auf Lichtdesign gelegt, so dass es bei wenigen Aufführungen blieb.

Unglaublich großer Cast

"Zeppelin" von Ralph Siegel | Bildquelle: Goran Nitschke / Festspielhaus Neuschwanstein Visionäre unter sich (Uwe Kröger, Sigmar Solbach) | Bildquelle: Goran Nitschke / Festspielhaus Neuschwanstein Es wäre müßig, alle Handlungsstränge nachzuerzählen, sie liegen ohnehin recht lose nebeneinander, und doch haben es Siegel und sein Team geschafft, all diesen Charakteren Persönlichkeit zu geben, Menschen aus ihnen zu machen, denen der Zuschauer gern auf ihren Wegen folgt. Unglaublich, wie groß der Cast ist: Rund zwanzig Solisten stehen auf der Bühne, darunter Stars wie Uwe Kröger und Sigmar Solbach, der großartige Patrick Stanke als alter Graf Zeppelin und Holly Hylton als Zeitungsreporterin und Kevin Tarte als stinkreicher US-Unternehmer. Auch Mathias Edenborn und Josefien Kleverlaan als Liebespaar und Stefanie Kock als Wiener Kabarett-Star waren in jeder Hinsicht überzeugend.

Insgesamt eine Produktion von den Ausmaßen eines "Cargolifters", wie mal überdimensionale Lasten-Zeppeline heißen sollten, die dann allerdings doch nie abhoben. Mit dieser Überlänge wäre am Broadway oder in London nichts zu gewinnen, aber in Füssen hat ja schon "Märchenkönig" Ludwig II. alle Maßstäbe gesprengt – warum soll Ralph Siegel da nachstehen?

Bis 7. November im Festspielhaus Füssen, abermals vom 21. Mai bis 10. Juli 2022. Karten ab 35,94 Euro.

Sendung: "Allegro" am 18. Oktober 2021 ab 6:05 Uhr auf BR-KLASSIK

Kommentare (1)

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Montag, 18.Oktober, 13:28 Uhr

Andy

3 Stunden, nicht 4,5!

Sorry aber in Eurem Bericht der toll geschrieben ist (ich war dabei und kann fast allem beipflichten) habt Ihr eine, in meinen Augen ziemliche Übertreibung aufgeführt. Das Musical dauerte mit Pause ein wenig über 3 Stunden und keine 4,5! Ich bin der Meinung Ihr solltet das berichtigen, mitunter schreckt das vom Besuch ab und das wäre schade bzw. nicht im Sinne des wie schon erwähnt sehr guten Berichts!

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