BR-KLASSIK

Inhalt

Neue Therapieformen mit Musik Die Playlist gegen Schmerzen

Chronische Schmerzen können das Leben erheblich belasten, vor allem weil es oft keine wirksamen Medikamente dagegen gibt - oder aber solche, die schnell in die Abhängigkeit führen. Das neue Programm "Sync" kommt ganz ohne Medizin aus: Es nutzt die Kraft der Musik.

Bildquelle: © BR/Nadja Pfeiffer

Musik - egal, ob sie gefällt oder nicht, löst im Gehirn ein Gefühl aus: Freude, Verwunderung, Ablehnung. Manchmal macht sie auch einfach nur gute Laune. In jedem Fall aber reagiert jeder Mensch auf Musik. Beim Musikhören werden Areale im Gehirn angeregt - dieselben, die auch aktiv werden, wenn etwa das Rückenmark Schmerzen ans Gehirn meldet.

Studien haben belegt: Musik kann akute Schmerzen lindern, etwa nach Operationen. "Für mich zumindest war das eine große Überraschung", sagt der Unternehmer und Musiker Marko Ahtisaari zu diesen Studien. "Sie zeigten: Wenn man Patienten eine Stunde lang nach einer Operation Musik vorspielte, dann konnten starke Schmerzmittel wie Morphine um ein Drittel reduziert werden."

Eine Playlist wie Medizin

Ahtisaari gründete zusammen mit Musikern und Wissenschaftlern das "Project Sync", eine für jeden zugängliche Internet-Plattform. Die Idee: Menschen sollen auf der Basis ihrer persönlichen Vorlieben, ihres körperlichen Befindens und ihrer Vitalparameter wie Blutdruck, Gewicht oder Größe eine ganz eigene, auf sie zugeschnittene Musikliste bekommen.

Bildquelle: colourbox.com Bei Menschen mit Schmerzen sollte dann eine solche Playlist wie Medizin wirken. "Wenn das Muster der Hirnverarbeitung bei Musik ähnlich funktioniert wie bei Medikamenten, dann könnten wir doch die Hypothese aufstellen, dass wir Schmerzmittel zumindest teilweise durch Musik ersetzen können", so Marko Ahtisaari. In der Tat haben Untersuchungen der letzten Jahre vielversprechende Ergebnisse geliefert. So konnte zum Beispiel gezeigt werden, dass eine individuell auf den Patienten zugeschnittene Musiktherapie bei chronischen Rückenschmerzen wirkt. Der Patient stellt dabei eine Musikliste zusammen und hört diese in therapeutisch festgelegten Zeitabständen.

Auch negative Effekte möglich

Welche neuronalen Abläufe Musik aber tatsächlich in Gang setzt, sei bisher unbekannt, sagt Dominik Irnich, Leiter der interdisziplinären Schmerzambulanz an der Münchner Ludwig-Maximilians-Universität. Musik lenke ab - dies sei eine "gute Schmerztherapie", so Irnich. "Wir wissen, dass der Schmerz über emotionale Hirnareale bis zur Wahrnehmung weitergeleitet wird. Entsprechend kann sich eine Emotion durch ein spezielles Stück ausdrücken." Man kann also einen Effekt annehmen, weiß aber eigentlich wenig darüber. Denn ein Zuviel von Musik, auch wenn sie grundsätzlich gefällt, könne durchaus einen negativen Effekt auslösen, genauso wie Musik, die mit negativen Erlebnissen in Verbindung gebracht werde, erläutert Schmerzmediziner Irnich. "Ich kann mir vorstellen, dass es dann schmerzverstärkend wirken kann."

Ersatz für Schmerzmittel?

Kritiker warnen deshalb, eine digitale Plattform wie "Project Sync" könne das Gespräch zwischen Arzt und Patient nicht ersetzen - nur eine individuell erarbeitete Musiktherapie sei wirklich zu empfehlen. Zusätzliche therapeutische Möglichkeiten zur Auswahl zu haben, wäre aber wünschenswert. Denn gerade bei chronischen Schmerzen helfen Medikamente oft nicht. Oder sie müssen so hoch dosiert werden, dass sie irgendwann abhängig machen.

Schon seit langem machen sich Schmerzmediziner die Kraft der Musik bei der Therapie von chronischen Schmerzen zunutze. Bewegungen zur Musik, Trommeln oder Singen in einem Chor können dabei erstaunliche Wirkung auf das Schmerzempfinden haben, sagt Dominik Irnich. Wann das reine Hören von Musik Eingang in die Therapie finde, sei nur eine Frage der Zeit.