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Musiktrekking in den Dolomiten Konzert in 2.600 Metern Höhe

Seit 24 Jahren startet der italienische Musiker Mario Brunello einmal im Jahr mit seinem Cello zu einer Wanderung durch die Berge des Trentino. Das Musiktrekking gehört zu den Höhepunkten der "Suoni delle Dolomiti" - der Klänge der Dolomiten.

Bleiche Bergspitzen kratzen in die Nebelstreifen am Himmel, Geröll breitet sich aus. Steinige Wege führen in unabsehbare Weite, in der Ferne tauchen wie eine Luftspiegelung die Civetta und die Drei Zinnen auf. In 2.600 Metern Höhe, mitten auf dem Altopiano der Pala, erklingt "Havun Havun", eine getragene Melodie des armenischen Göttervogels, der alle Tiere versammelt und ins Paradies führt. Der italienische Cellist Mario Brunello hält 50 Zuhörer in gebannter Stille, die den Klängen nachlauschen, die in dieser Atmosphäre so pur klingen wie der nackte Fels der Pala.

Auf der Suche nach dem puren Klang

Musiktrekking in der Pala  | Bildquelle: BR; Georg Bayerle Bildquelle: BR; Georg Bayerle Es ist wie ein Begehren, in Kontakt mit dem Fels zu treten, erklärt Maurizio Zanolla seinen Antrieb für die legendären Klettereien, die er an den über 1.000 Meter hohen Felswänden der Pala vollbracht hat. Zanolla, der auch Manolo gennant wird, ist einer der Pioniere des Freikletterns in den 70er und 80er Jahren. "Diese Umgebung hier, die nimmt mich vollkommen gefangen. Sie ist nicht domestiziert, nicht einzuordnen, sie ist vollkommen frei", sagt der Meister des 10. Grades am Fels. Und Mario Brunello, der Maestro des Cello, schleppt sein Instrument in die Berge auf der Suche nach dem puren Klang: "Nur hier nehme ich wirklich meinen Klang wahr, ohne die Hilfe der Ausstattung eines Konzertsaals. Genau wie die Freikletterei von Manolo: ohne Haken."

Nur hier nehme ich wirklich meinen Klang wahr.
Cellist Mario Brunello

Versicherte Finger

Und so bewegt sich eine sehr spezielle Prozession drei Tage lang durch die Pala-Dolomiten: 45 Wanderer und Zuhörer sowie die beiden Maestri. Und ja, einmal ist sogar eine leichte, aber ausgesetzte Klettersteigpassage direkt unter den in den Himmel ragenden Wänden der Cima Pradidali zu bewältigen. Mario Brunello, mit dem roten Cellokoffer auf dem Rücken am Drahtseil: "Ich arbeite mit den Saiten, also bin ich das Seil gewohnt“. Ob seine Finger versichert sind? "Klar, das ist Pflicht, aber keiner weiß, dass wir solche Sachen in den Bergen machen".

Bach am Berg

Musiktrekking in der Pala  | Bildquelle: BR; Georg Bayerle Bildquelle: BR; Georg Bayerle Der Lohn des Nervenkitzels: Bach am Berg. "Ein Wunder: die Natur, die Klänge, ich sauge das ein, ich atme dieses wunderbare Universum", sagt Lucia, die morgens vor der Hütte Yoga macht und schon mehrmals an den drei Wandertagen mit zwei Hüttenübernachtungen teilgenommen hat. Am zweiten Tag stellt sich unter den Mitwanderern aus verschiedenen Ländern ein besonderes Gemeinschaftsgefühl ein. Wir steigen weit verstreut auf Schneeresten ein an steiniger Wildheit kaum zu übertreffendes, felsturmgesäumtes Hochtal hinauf. "Auch die Zuhörer gewöhnen sich ein", stellt Mario Brunello fest, "wir haben vor lauter Anspannung dichte Ohren im Tal, aber jetzt gewöhnen wir uns um - an diesen reinen Klang ohne Nachhall". Denn oben in den Bergen ist der gewaltige Raum schalltot und jeder Klang steht rein nur für sich.

Jetzt gewöhnen wir uns um - an diesen reinen Klang ohne Nachhall.
Mario Brunello

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