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Corona-Opfer Musikunterricht? Mathe immer, Musik manchmal

Corona hat die musikalische Ausbildung stark eingeschränkt. Auch an den bayerischen Schulen. Weil Musik nicht zu den Kernfächern zählt, fällt der Unterricht mancherorts seit März aus. Andere Schulen setzen ihn fort – allerdings in reduzierter Form. Vor allem die Praxis kommt zu kurz. Der Verband Bayerischer Schulmusiker befürchtet deshalb, dass die musische Bildung an den Schulen nachhaltig Schaden nimmt.

Notenkunde an der Tafel - Musikunterricht | Bildquelle: picture alliance / Monika Skolimowska/dpa-Zentralbild/dpa

Bildquelle: picture alliance / Monika Skolimowska/dpa-Zentralbild/dpa

Mittwochmorgen, 8:15 Uhr: Schulbeginn am Korbinian-Aigner-Gymnasium in Erding. In der Klasse 6e soll der Musikunterricht heute mit Gesang beginnen – zum ersten Mal seit vier Monaten. Nur die Hälfte der Klasse ist da. Zum Singen müssen die Schüler nach draußen, auf den Schulhof. Ihre Stühle müssen sie im Abstand von zwei Metern aufstellen. Regine Hofmann, die Lehrerin, achtet außerdem darauf, dass die Stuhlreihen versetzt stehen. Kein Schüler sitzt direkt hinter einem anderen.

Vier Monate nicht singen - da müssen wir erstmal wieder reinkommen.
Regine Hofmann, Lehrerin am Korbinian-Aigner-Gymnasium Erding

Singen wieder erlaubt – aber nur unter Auflagen

Am 9. Juli hat das Bayerische Kultusministerium einen aktualisierten Hygieneplan herausgegeben. Seitdem darf im Musikunterricht an Schulen wieder gesungen werden, allerdings nur mit viel Abstand, bei guter Durchlüftung oder im Freien. Denn nach wissenschaftlichen Erkenntnissen verteilen sich Viren beim Singen oder Spielen von Blasinstrumenten stärker im Raum und werden leichter übertragen. Regine Hofmann hat deshalb sogar ihr Keyboard mit nach draußen genommen. Mit einem Verlängerungskabel ist es im Klassenraum angeschlossen.

Musikunterricht nur nach Ermessen

Soviel Einsatz ist nicht überall selbstverständlich. An den meisten Schulen in Bayern fällt zumindest der praktische Musikunterricht derzeit aus. Für den Grundschulbereich empfiehlt das Kultusministerium, nach Angaben des Verbandes Bayerischer Schulmusiker (VBS), sogar eine Fokussierung auf Kernfächer wie Deutsch oder Mathematik. Was darüber hinaus unterrichtet wird, liegt im Ermessen der einzelnen Schulen oder Lehrer.

Für die weiterführenden Schulen gilt seit der Wiederaufnahme des Unterrichts, dass grundsätzlich alle Fächer der Stundentafel unterrichtet werden sollen – auch Musik, allerdings mit deutlichen Einschränkungen.
Dr. Gabriele Puffer, Verband Bayerischer Schulmusiker e.V.

Zu diesen Einschränkungen gehört auch, dass das Fachraumprinzip derzeit aufgehoben ist. Die Schüler bleiben dauerhaft in einem Klassenzimmer, die Musiksäle stehen leer. Das habe zur Folge, so Gabriele Puffer, dass wichtiges Equipment, wie Musikinstrumente, im Unterricht nicht zur Verfügung stehe.

Viel Theorie, wenig Praxis

Am Korbinian-Aigner-Gymnasium in Erding wurde der Musikunterricht trotzdem weiter gepflegt. So gut es eben ging, erzählt Hofmann: "Wir haben uns auf die Basics konzertriert: Dreiklänge und Tonleitern. Außerdem habe ich den Schülern vieles nach Hause mitgegeben: kleine Videos oder Hörspiele zum Beispiel, die frei zugänglich sind."

Wie in anderen Fächern musste in den letzten Monaten auch im Musikunterricht improvisiert werden: Viel Theorie, viele Arbeitsblätter, wenig Praxis, finden die Schülerinnen und Schüler. Umso mehr freut sich der Sechstklässler Niklas darüber, dass nun endlich wieder gesungen werden darf: "Das machen wir immer am Anfang. So wird man richtig wach, bekommt Energie und kann sich auf den Tag freuen. Das hat schon gefehlt!"

Orchester- und Bigbandproben weiterhin nicht möglich

Nicht nur der Schulchor, sondern auch Orchester und Bigband mussten in Erding ausfallen. Bis heute. Auch damit steht die Schule nicht allein. Wahlkurse sind in Bayern immer noch untersagt. "Hier wird etwas zum Problem, was unter normalen Umständen zu den großen Positiva zählt", erläutert Gabriele Puffer vom VBS. "In Wahlunterrichten treffen sich Schülerinnen und Schüler aus verschiedenen Klassen und Altersgruppen. Jüngere lernen von und mit Älteren. Eine solche Durchmischung gilt derzeit als hohes Infektionsrisiko und ist auf absehbare Zeit nicht erlaubt."

Das gilt auch für musische Gymnasien wie das ETA-Hoffmann-Gymnasium in Bamberg. Gemeinsames Musizieren war in den letzten Monaten nicht möglich. Immerhin wurde der theoretische Unterricht im Homeschooling weitergeführt, betont Schulleiter Markus Knebel. Und dennoch: "Wir müssen damit rechnen, dass wir längere Zeit brauchen, um das, was wir jetzt in diesen vier bis fünf Monaten verpasst haben, nachzuarbeiten – inhaltlich."

Mir bereitet es aber vor allem Sorgen, dass das soziale Miteinander nicht stattfinden kann.
Markus Knebel, Schulleiter am musischen ETA-Hoffmann-Gymnasium in Bamberg

Die soziale Komponente des Musizierens werde oft unterschätzt, so Knebel. In Bamberg sei sie jedoch ein wesentlicher Teil des pädagogischen Konzepts. "Bei uns muss jeder singen oder den anderen am Instrument vorspielen. Die Schülerinnen und Schüler lernen dabei eine gewisse Demut. Sie müssen sich dort hinstellen, auch wenn sie ihr Stück nicht so gut beherrschen. Und das strahlt dann natürlich auch wieder in die Klassengemeinschaft zurück. Es erzeugt eine andere Form von Miteinander."

Wunsch für die Zukunft: Mehr Praxis wagen!

Für das kommende Schuljahr wünscht sich Knebel, wie viele Lehrerinnen und Schüler in Bayern, wieder mehr musikalische Praxis: Musik sei eben doch viel mehr als graue Theorie. Ähnlich sieht es auch Gabriele Puffer. In Gesprächen mit Vertretern des Kultusministeriums im Juli habe man nachdrücklich darum geworben, Wahlkurse wieder zu erlauben, wenn die Einhaltung des aktuellen Hygieneplans möglich ist. Andernfalls befürchtet der VBS, dass die musische Bildung an den bayerischen Schulen dramatisch leiden wird. Es sei zu erwarten, so Puffer, "dass bis zum Ende der Corona-Krise sehr viel engagierte musikalische Aufbauarbeit, die an den Schulen teilweise über Jahrzehnte erbracht wurde, zunichte gemacht ist, und dass sich an etlichen Schulen die Musik und der Musikunterricht ihren Stellenwert wieder komplett neu werden erkämpfen müssen."

Sendung: Allegro am 20. Juli ab 6.05 Uhr auf BR-KLASSIK

Kommentare (1)

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Montag, 27.Juli, 11:01 Uhr

Michael Buttmann

Blasinstrumente ´

Folgender Satz setzt das Singen mit dem Spielen von Blasinstrumenten gleich: "Denn nach wissenschaftlichen Erkenntnissen verteilen sich Viren beim Singen oder Spielen von Blasinstrumenten stärker im Raum und werden leichter übertragen." Im verlinkten Artikel und der zugrundeliegenden Studie geht es jedoch gar nicht um Blasinstrumente. Die Untersuchungen für Blasinstrumente bringen deutliche Unterschiede. Nicht umsonst kann man mit einer Trompete unmöglich eine Kerze auspusten.
Vgl: https://www.br.de/nachrichten/bayern/bamberger-symphoniker-wissenschaftler-messen-aerosolausstoss,Ry6T6OU

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