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Britische Orchester in der Krise Düstere Aussichten

Die britische Kulturszene ächzt unter den Coronabeschränkungen. Während wenigstens Galerien und Museen wieder öffnen dürfen, bleibt das Bild für Theater, Opern und Orchester düster. Der Vorsitzende des Britischen Orchesterverbandes warnt: Für viele Klangkörper könnten die Lockerungen zu spät kommen.

Kammermusik-Open Air: Belinda McFarlane von der English National Opera und Richard Blayden vom London Symphony Orchestra geben ein Konzert vor ihrem Haus. Viel mehr geht gerade nicht für die Orchestermusiker in Großbritannien.  | Bildquelle: picture alliance / Photoshot

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Düstere Aussichten

Die Krise der britischen Orchester

Das London Symphony Orchestra (LSO) darf - wie alle anderen britischen Orchester - coronabedingt zur Zeit nicht auftreten. Stattdessen stellen unterschiedliche Musiker jede Woche im Rahmen ihrer sogenannten "Coffee Sessions" kleine Videos ins Internet. Zehn Folgen sind mittlerweile online. In der jüngsten bietet sich das folgende Bild: Bryn Lewis, der erste Harfenist des LSO, sitzt in seinem Wohnzimmer und spielt den ersten Satz eines Stücks des Komponisten Joe Bates. Es ist von der Pandemie inspiriert, heißt "Street Through A Window", also "Straße durch ein Fenster" und beschreibt den Blick aus dem Fenster einer Wohnung, die man nicht verlassen darf. Eine Situation, in der sich die Musiker des LSO gut wiederfinden können.

Ohne Konzerte kein Geld

In Großbritannien gibt es mittlerweile auch im Kulturbetrieb erste Lockerungen: Museen und Galerien dürfen wieder öffnen. Aber für Theater, Opern und Orchester sieht es weiter schlecht aus. Dabei ist der Leidensdruck enorm. Mark Pemberton ist der Vorsitzende des britischen Orchesterverbands ABO. Seine Mitglieder, erzählt er, hätten die Krise schon deutlich früher zu spüren bekommen als der Rest der Wirtschaft. Bereits im Januar seien erste Konzerttouren nach Asien abgesagt worden. Im März kam der Kartenverkauf der Orchester entgültig zum Erliegen. Seitdem stünden die Einnahmen wirklich bei Null. Den Orchestern und Musikern in Großbritannien fehlen damit nach Berechungen der ABO jeden Monat rund 600 Millionen Pfund.

Fest oder frei? Eine existentielle Frage!

Wie sich das auf einzelne Musiker auswirkt, hängt stark davon ab, wie sie beschäftigt sind. Einige sind festangestellt und profiterien daher aktuell wenigstens noch von der britischen Variante der Kurzarbeit. Für einen Teil der freiberuflichen Musiker stehen außerdem staatliche Hilfen zur Verfügung. Rund 30 Prozent der freiberuflichen Musiker sind, Pemberton zufolge, aber nicht berechtigt diese Untersützung zu erhalten. Ob diese Musiker ihren Beruf weiter ausüben könnten, sei schwer vorherzusagen. Wenn ein Orchester aber erstmal seine Musiker verloren habe, dann sei es zu spät - dann sei es unmöglich den Motor wieder anzuschmeißen.

Man kann nicht den Schlüssel einmal umdrehen und schon geht es wieder los.
Mark Pemberton, Vorsitzender des Britischen Orchesterverbandes

Den Vorsitzenden des Britischen Orchesterverbandes treiben damit ähnliche Sorgen um wie Stardirigent Sir Simon Rattle, der im Interview mit BR-KLASSIK jüngst vor einem Orchestersterben gewarnt hatte. Wenigstens für die Orchester, die es durch den Sommer schaffen, gebe es aber Hoffnung. Davon ist Pemberton überzeugt. Die Regierung arbeite an einer Reihe von Vorgaben, die dann schrittweise eine Rückkehr zu Konzerten vor Publikum ermöglichen sollen. Ab Oktober sollen dann Konzerte auch wieder drinnen stattfinden.

Öffnung in Aussicht - aber lohnt sie sich?

Ob das aber wirklich so kommt, steht aber auf einem ganz anderen Blatt. und selbst wenn die Orchester überleben - die Situation der Konzertsäle ist ebenfalls dramatisch. Angesichts der notwendigen Maßnahmen zur Wahrung von Hygieneabständen, sei mit deutlich weniger Publikum und damit auch mit deutlich niedrigeren Einnahmen zu rechnen. Es sei daher durchaus möglich, dass die Konzertsäale beschließen könnten nicht zu öffnen, da alleine das Öffnen schon Geld koste.

Pemberton warnt: Es sei durchaus möglich, dass man in eine Situation komme, in der die Orchester zwar spielen wollten, aber keine Konzertsäle mehr fänden.

Sendung: "Piazza" am 4. Juli 2020 um 8.05 Uhr auf BR-KLASSIK

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