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Choreograf Peter Breuer am Deutschen Theater Coco und der Blues

Viele Jahre war Peter Breuer selbst ein gefeierter Tänzer. Nach der aktiven Tänzerlaufbahn entdeckte er seine Lust am Choreographieren. Am Salzburger Landestheater formt er seine eigene Compagnie, und mit einem Dramaturgen entwickelt er immer wieder eigene Ballette. Gleich zwei seiner Handlungsballette sind nun im Deutschen Theater in München zu erleben: "Mythos Coco" und "Ballet'n'Blues".

Szenenbild Mythos Coco | Bildquelle: Christina Canaval

Bildquelle: Christina Canaval

BR-KLASSIK: Peter Breuer, in Ihren Choreographien erzählen Sie Geschichten und Geschichte. Da kommen zum Beispiel Camille Claudel, die Geschichte des Blues oder Coco Chanel darin vor. Sie erzählen mit Tanz, was Ihnen gefällt und was Sie interessiert. Welche Attribute braucht man, um das Ganze tänzerisch darzustellen. Denn der Tanz schiebt den Plot zur Seite und stellt die Emotionen und die Bewegung in den Vordergrund.

Peter Breuer: Er schiebt den Plot nicht zur Seite, das würde ich nicht sagen. Ich erzähle schon mit meinen Bewegungen die Geschichte. Ich versuche immer, eine Choreografie zu machen, bei der die Leute auch verstehen, was man mit der Bewegung macht. Ich versuche leere Bewegungen zu vermeiden. Ich halte mich da sehr an den Faden, den ich vorher entwerfe. Und wenn man alle Register ziehen kann von Modern Dance, von Ausdruckstanz bis zu hoher Klassik hin und das miteinander verwebt, dann ist das natürlich eine spannende Sprache. Und meine Tänze sind wirklich sehr vielseitig. Die können ganz modern sein, sind sehr gut auf Spitze - die Mädchen, die Jungs sprunggewaltig, und da kann man natürlich wahnsinnige Farben finden - gerade bei Blues, das ist ja ungewöhnlich, den Blues mit Ballett zu vertanzen. Aber das funktioniert ganz toll. Ich selber bin ein großer Bluesfan, mein Vater war ein Bluespianist, und das hat mich schon sehr gereizt, diese Geschichte umzusetzen.

BR-KLASSIK: Eines der wichtigsten Elemente beim Tanz ist natürlich die Musik. Wenn sie jetzt neue Themen aufmachen wie Chanel, oder Blues, da liegt ja die Musik schon auf der Hand. Allerdings haben Sie einen so großen Pool zur Verfügung, dass Sie eine Auswahl treffen müssen. Nach welchen Kriterien suchen Sie denn die Musik? Haben Sie erst die Bewegung im Kopf, die Geschichte und dann fällt Ihnen die Musik ein, die dazu passt?

Szenenbild Ballet'n'Blues | Bildquelle: Veronika Canaval Ballet'n'Blues | Bildquelle: Veronika Canaval Peter Breuer: Ich entwerfe zuerst immer mit dem Dramaturgen die Geschichte, und dann versuche ich, eine Verbindung von der Geschichte zu den Musiken herzustellen. Bei Coco Chanel sind es fast alles Komponisten der Groupe de Six, also aus der Zeit. Und dann auch Zeitkolorit. Da kommt eine Greco vor, da kommt eine Josephine Baker vor, und für die Nazis in Paris habe ich Artur Honegger genommen, der auch in der Groupe de Six war. Er hat eine Symphonie gegen die Macht der Obrigkeit geschrieben. Da findet man ganz tolle Sachen, die aber auch den Duft Frankreichs haben. Und dann ist das immer wichtig für mich, dass es die Verbindung zu dem Stück hat, das ich darstellen will. Beim Blues ist es klar. Auch er macht eine Reise durch die Welt mit. Ich habe ja diese Liveband aus Wien, den Al Cook, der eine Legende ist. Das ist für mich der richtige Mississippi-Blues. Er macht eine Reise durch die Welt, wodurch es sehr vielschichtig ist.

BR-KLASSIK: Sie selbst haben 500 Mal den Prinzen Siegfried aus dem Ballett Schwanensee getanzt - in 25 verschiedenen Choreographien. Ist das auch ein Pool, aus dem Sie schöpfen?

Peter Breuer: Ich schöpfe aus jedem Pool. Ich habe auch fünf Romeos getanzt, ich habe mit Maurice Béjart gearbeitet, mit Hans van Manen, mit Glen Tetley. Natürlich hat mich das alles auch beeinflusst. Aber ich denke, ich habe meinen eigenen Duktus gefunden und ich sehe immer Schritte vor mir, wenn ich den Plot baue, wenn ich die Musik dann zueigne und höre. Aber eigentlich entsteht dann im Ballettsaal mit den Tänzern der kreative Prozess, dass man die Schritte, die ich mir vorstelle, dann umsetzt oder man sogar in eine andere Richtung geht. Das ist sehr spannend, weil es sehr lebendig ist, wenn man es zu Hause nicht vorfertigt.

BR-KLASSIK: Schade, ich hätte mir Sie so gerne vorgestellt, wie Sie zuhause im Wohnzimmer Musik hören.

Porträt Peter Breuer | Bildquelle: Joachim Klenk Peter Breuer | Bildquelle: Joachim Klenk Peter Breuer: Ein bisschen, aber ich vollziehe es dort nicht nach. Da brauche ich den Ballettsaal. Man braucht einfach den Raum, man braucht die Luft dazu. Man kann sich mit den Kopfhörern nur was vorstellen. Ich gehe das schon durch und setze mir Punkte. Ich zeige alles vor und versuche den Tänzern - nicht mehr so gut wie früher - das vorzumachen. Sie verstehen das auch und dann entwickelt sich etwas sehr Schönes daraus, denke ich.

BR-KLASSIK: Und dann kommt der spannende Punkt: Wie vergesse ich das nicht mehr. Notieren Sie das dann sofort? Haben Sie da jemanden?

Peter Breuer: Es gibt Notatoren, aber wir haben das nicht, weil das ist sehr aufwändig. Wir arbeiten sehr viel mit Video - wir zeichnen das gleich auf. Aber die Tänzer sind eigentlich sehr gut. Wenn man das einstudiert, dann haben die das. Und wenn man das einmal in der Woche wiederholt, dann bleibt das auch. Und am Ende ist es sowieso da, wenn man es jeden Tag komplett macht. Aber Tänzer haben ein gutes Gedächtnis.

BR-KLASSIK: Die Auffassungsgabe ist einer der Elemente, die man braucht, um zu tanzen. Man muss aber auch athletisch sein, man muss musikalisch sein. Wenn Sie jetzt mal beobachten, sie arbeiten seit gut 25 Jahren in Salzburg mit Ihrer Compagnie: Was hat sich denn geändert in den Jahren, wo Sie noch Solotänzer waren, und wie ist das heutzutage?

Peter Breuer: Ich denke, heutzutage ist das Gesamtniveau einfach höher geworden, das technische Niveau. Es lebte damals mehr von einzelnen großen Persönlichkeiten. Ich versuche natürlich, meine Tänzer alle dahin zu kriegen. Und das macht mir auch Freude dann. Ich habe 17 Tänzer, und ich denke, jeder ist ein Individuum, was ich sehr gerne habe. Ich wollte es nicht so glatt geleckt haben. Jeder hat etwas eigenes zu sagen, was ich dann rauskitzele vom Ausdruck her. Ich habe eine Tänzerin, die die Chanel tanzt, die war mit 17 bei mir, etwas steif, und jetzt ist sie eine wunderbare Ballerina und kann alles umsetzen, auch geistig. Sie denkt sehr mit, sie liest viel darüber, beschäftigt sich mit den Themen, die ich ihr gebe. Das ist spannend, wenn man in dieser Richtung arbeiten kann.

Das Interview führte Sylvia Schreiber für BR-KLASSIK.

Infos und Termine

Ballette von Peter Breuer sind vom 9. bis 12. August 2017 am Deutschen Theater in München zu erleben.
Am 9. und 10. August Mythos Coco
und am 11. und 12. August Ballet'n'Blues.
Beginn ist jeweils um 20.00 Uhr.

Sendung: Leporello am 8. August 2017, 16.05 Uhr auf BR-KLASSIK

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