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Kritik - "L'italiana in Algeri" in Salzburg Cecilia Bartoli macht keine halben Sachen

Seitdem Cecilia Bartoli im Jahr 2012 die künstlerische Leitung der Salzburger Pfingstfestspiele übernommen hat, besticht das Festival regelmäßig mit klug zusammengestellten Programmen und fein gearbeiteten Inszenierungen. Heuer nimmt die Bartoli den 150. Todestag von Gioachino Rossini zum Anlass, die Festspiele dem "Schwan von Pesaro" zu widmen. Unter anderem mit seiner Oper L‘ italiana in Algeri. Am Freitagabend war Premiere.

Einerseits ist L’italiana in Algeri eine dankbare Oper für die Regie: wunderbare Musik, eine dramaturgisch wirkungsvolle, witzige Handlung und starke Charaktere. Andererseits besteht die große Gefahr, in die heimelige Folklorefalle zu tappen und einen sentimentalen Morgenlandkitsch daraus zu machen. Moshe Leiser und Patrice Caurier wirken dem souverän entgegen, indem sie die Handlung ins Heute verlegen, satirisch vorgehen und nun wirklich überhaupt kein Orient-Klischee auslassen: vom abgeranzten Prollmercedes über eine Häuserfront mit unzähligen SAT-Schüsseln bis zu rufenden Muezzinen und Schischapfeifen.

Ausdruck ist stimmig

L'italiana in Algeri, Salzburger Pfingstfestspiele 2018 | Bildquelle: © Salzburger Festspiele / Monika Rittershaus Bildquelle: © Salzburger Festspiele / Monika Rittershaus Dies alles verweben die beiden schlüssig mit der Handlung. Stellvertretend sei die Ouvertüre genannt, die Leisner und Caurier zu einem wortlosen Feuerwerk der Pointen arrangieren. Der Clou dabei: der Ausdruck ist so stimmig, als wäre die Musik extra für diese Szene geschrieben worden. Was die ganze Zeit über fasziniert, ist der Detaillreichtum: selbst an den Sonnenbrand auf den weißen Schienbeinchen von Alessandro Corbelli, der als Taddeo gewohnt ausgesuchte italienische Buffoqualitäten liefert, wurde gedacht.

Die Bartoli im Zentrum

Cecilia Bartoli ist natürlich das Zentrum der Aufführung. Nach wie vor scheinen ihre stimmlichen Ausdrucksmöglichkeiten unbegrenzt. Sie bezirzt, sie gurrt, sie verführt, sie dominiert natürlich mit ihrem Spiel, aber viel mehr noch mit ihrer Stimme. Und: niemand kann Koloraturen so viel dramatische Bedeutung geben, wie sie.

Und trotz aller persönlichen Klasse ist die vielleicht noch größere künstlerische Leistung, dass sie sich in das Ensemble integriert. Wie die Regisseure sind die meisten alte Bekannte. Bartoli weiß, wem sie vertrauen kann, wer genau wie sie in Sachen Qualität keinerlei Kompromisse eingeht. Und so ist die gesamte Besetzung von einer herausragenden Homogenität, was gerade bei Rossini essentiell ist.

Stimmen zum Aufhorchen

L'italiana in Algeri, Salzburger Pfingstfestspiele 2018 | Bildquelle: © Salzburger Festspiele / Monika Rittershaus Bildquelle: © Salzburger Festspiele / Monika Rittershaus Edgardo Rocha als Lindoro ist ein echter Tenore di grazia. Er verbindet Leichtigkeit mit strahlenden Höhen und geschmackvollen Koloraturen. Der Mustafa ist ein schmerbäuchiger Macho, der gerne im Feinripp rumläuft. Peter Kálmán gelingt es, ihm trotzdem etwas Sympathisches zu verleihen, woran sein gut geführter, sonorer Bass großen Anteil hat. Rebeca Olvera spielt und singt die verzweifelte Elvira hinreißend, und auch die kleineren Partien wie der Haly von Jose Coca Loza lassen aufhorchen.

Jean-Christophe Spinosi, auch er ein langjähriger Begleiter der Bartoli, sorgt mit dem Ensemble Matheus dafür, dass der Esprit zur vollen Geltung kommt. Kernig und agil musiziert das Originalklangensemble, immer die Handlung, das Ganze mitdenkend. Wenn auch die Süße und der Glanz der Partitur etwas zu kurz kommen, wirkt die Musik immer spritzig, belebend, wie ein guter Sekt, „brut“ halt. Den Herren des Philharmonia Chores Wien (Einstudierung: Walter Zeh) wird darstellerisch einiges abverlangt, vom Singen als Haremsdamen bis zu ausgehungerten italienischen Fußballern, die Mustafa als Gefangene hält. Für diese Herren alles kein Problem.

Gattung Oper in Perfektion

Diese "L’italiana" ist deswegen so gut, weil sie die einzigartige Stärke der Gattung Oper einlöst: Sie präsentiert sich als gesamtheitliches Musiktheater. Die Szene, das Spiel, der Text, der Gesang und die Musik sind ebenbürtig, sie bedingen einander und befruchten sich. In dieser Konsequenz gelingt das selten, weswegen man vor der künstlerischen Leiterin Cecilia Bartoli nur tief den Hut ziehen kann.

Sendung: "Piazza" am 19. Mai 2018 ab 08:05 Uhr in BR-KLASSIK.

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