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Kurzkritik: Plácido Domingo an der Bayerischen Staatsoper Er kann es immer noch!

Die Frage, ob ein über 80-jähriger ehemaliger Tenor in Vaterrollen im Baritonfach noch überzeugen kann, liefert bereits Diskussionsstoff. Da dieser weltbekannte Opernsänger sich wegen sexueller Übergriffe in widersprüchlichen Aussagen verstrickt hat, tun sich noch weitere Diskussionseben auf. Man sollte meinen, es wäre besser für ihn, sich aus der Öffentlichkeit zurückzuziehen. Plácido Domingo singt jedoch weiter. Warum – das konnte man am Mittwochabend in der Bayerischen Staatsoper hören. Dort war Domingo als Vater Germont in "La Traviata" zu erleben.

Plácido Domingo in "La Traviata" an der Bayerischen Staatsoper | Bildquelle: W. Hösl

Bildquelle: W. Hösl

Er kann es einfach! Immer noch, mit einzigartiger Kraft und künstlerischem Ausdruck, mit einer kernigen, nach wie vor tenoralen Stimme, die ohne Wackler oder Intonationsschwäche die Staatsoper füllt. Ja, es kostet ihn viel Energie, Verdis mächtige Bögen zu spannen und die von allen Interpreten gefürchteten hohen Spitzentöne in der Arie zu halten, aber Domingo liefert und wechselt im passenden Moment in den emotionalen Gestaltungs-Modus, sobald Atem und Stütze es fordern.

Souveräne Gestaltung, glaubhafte Darstellung

Glaubhaft als verzweifelter, alter Vater mit großer Autorität ist Domingos Darstellung allemal. Mit der ebenfalls fulminant gestaltenden Ailyn Pérez als Violetta wird der emotionale Dialog im zweiten Akt zur spannenden Auseinandersetzung. Und das, obwohl die fade Inszenierung von Günter Krämer optisch nicht viel zu bieten hat. Keri-Lynn Wilson am Pult des Staatsorchesters nimmt den von Domingo geforderten Zug in der Arie gerne auf. Und so gelingt "Di Provenza il mar, il sol" liedhaft, schlicht und ergreifend, und der große Applaus des Münchner Publikums gilt dem Sänger einhellig und ungetrübt.

Nicht nur Domingo überzeugt

Liparit Avetisyan als Alfredo gibt sich vor Papa Domingo keine Blöße, präsentiert souverän seine edel-mattierte Tonpalette, die wunderbar mit Ailyn Pérez' Violetta harmoniert. Der Mut zum Extremen zeichnet diese außergewöhnliche "Traviata"- Vorstellung aus: Mit wuchtigen Akzenten, sehr flotten Tempi in den Chorszenen und ausgereizten Ritardandi in den innigen Passagen belebt Keri-Lynn Wilson Verdis Komposition und lässt die Solisten sowohl innigste Piani als auch große Ausbrüche zelebrieren. Von großer Emphase bis zum zartesten Klageton ist alles geboten.

Beigeisterung im Publikum

Bereits nach dem zweiten Akt gibt es in der Umbaupause vergebliches Getrampel und rhythmisches Klatschen im Publikum, um Plácido und Co vor den Vorhang zu locken. Als sie dann nach dem dritten Akt und am Schluss alle erscheinen, gibt es minutenlange Ovationen und großen Jubel, wie ihn nur ein unsterblicher Opern Hit und ein darin auftretender legendärer Sänger-Star hervorrufen können. Man muss es mal erlebt haben, um es glauben zu können.

Sendung: "Allegro" am 17. Juni 2021 ab 6.05 Uhr auf BR-KLASSIK

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