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Premierenkritik - "Die Trojaner" in Nürnberg Öl auf nackten Leibern

Wenn Calixto Bieito inszeniert, spritzt Blut - wie auch jetzt am Staatstheater Nürnberg, wo seine Inszenierung der Berlioz-Oper "Die Trojaner" am Sonntag Premiere hatte. Aber auch mit anderen Flüssigkeiten bringt der spanische Regisseur starke Bilder auf die Bühne.

Szenenbild "Trojaner", Staatstheater Nürnberg , Oktober 2017 | Bildquelle: Ludwig Olah

Bildquelle: Ludwig Olah

Die Kritik zum Anhören

Während Dido und Äneas, hier Didon und Enée, sich einander in höchst verzückter Liebe hingeben, träufeln sie einem Untertanen Öl auf den schutzlos nackten Leib. Es sind starke und eindrückliche Bilder wie dieses, die Calixto Bieitos Nürnberger Inszenierung der "Trojaner" von Hector Berlioz ausmachen. Die pure Verschwendungssucht weniger auf Kosten von denen, die sich nicht wehren können - und das sieht auch noch hinreißend ästhetisch aus. Genauso hinreißend, wie Mirko Roschkowski und Katrin Adel ihr großes Duett singen.

Atmosphärische Dichte

Beide überzeugen stimmlich mit großer Präsenz und Ausdrucksstärke, die Katrin Adel als Didon in der großen Sterbeszene nochmals zu höchster atmosphärischer Dichte steigern kann. Der Figur der Didon steht im ersten Teil der "Trojaner" die der Cassendre entgegen. Auch dies eine starke Frau, hier aber, im Kontrast zur späteren Luxuswelt, in einer Schar von Krieg und Entbehrung Gezeichneter, mit klarem Bezug zu den zahlreichen gewalttätigen Krisen der Gegenwart.

Das Thema der Opfer, des Opferns und der Opferung beherrscht die gesamte Inszenierung. Auch Cassendre wählt am Ende den, in ihrem Fall heroischen, Freitod. Dargestellt wird sie sehr eindringlich und überzeugend von Roswitha Christina Müller. An ihrer Seite gewohnt souverän Jochen Kupfer in der Rolle des Chorèbe.

Ausgezeichneter Chor

Die selten gespielte Oper "Les Troyens" ist ein spätes Meisterwerk von Hector Berlioz. Seine Partitur trägt sinfonische Züge, das Orchester übernimmt die Zeichnung der Charaktere und ist voller erlesener Klang- und Instrumentierungsideen. Eine Herausforderung, die der musikalische Leiter Marcus Bosch mit seinen Musikerinnen und Musikern mit Bravour meistert.

Das Orchester ist bestens aufgelegt und transportiert die dramatische Grundstimmung bei klanglich ausgewogener Durchhörbarkeit. Eine besondere Erwähnung verdient auch der ausgezeichnet agierende Chor, einstudiert von Tarmo Vaask.

Hundertprozentig bei der Sache

Die Nürnberger Version der "Trojaner" ist um etwa ein gutes Viertel gekürzt und damit immer noch etwa drei Stunden lang. Das tut der Dramaturgie sehr gut, gerade im ersten Teil kommen so keine Längen auf. Die düstere Weltuntergangstimmung ist aber grundsätzlich viel fesselnder als die vermeintlich heile Welt im zweiten. Vielleicht liegt in diesem Spannungsabfall ein Grund für die zu unrecht nur sehr mäßige Verbreitung des Stücks. Es ist eine der großen Stärken von Calixto Bieito, dass er seine Mitstreiter zu Höchstleistungen motivieren kann. Das gesamte Ensemble ist hundertprozentig bei der Sache ohne Durchhänger.

Am Ende: Starker, teils begeisterter, aber nicht sehr ausdauernder Applaus sowie einige Buhs für Calixto Bieito. Dabei sollten doch ein nackter Mann auf der Bühne, einige harmlose, aber eindeutige Gewaltdarstellungen oder eine Houellebecq-Rezitation längst keine Aufreger mehr sein.

"Die Trojaner - Les Troyens" vom Hector Berlioz am Staatstheater Nürnberg

Premiere: 8. Oktober 2017

Regie: Calixto Bietio
Dirigent: Marcus Bosch
Bühnenbild: Susanne Gschwender
Kostüme: Ingo Krügler
Dramaturgie: Johann Casimir Eule

Weitere Termine und Infos zum Vorverkauf finden Sie auf der Homepage des Nürnberger Staatstheaters.

Sendung: "Allegro" am 9. Oktober 2017, ab 6.05 Uhr auf BR-KLASSIK

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