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Sexuelle Übergriffe an Musikhochschulen Nicht tuscheln - reden!

Im Zusammenhang mit dem Prozess wegen sexueller Nötigung gegen den ehemaligen Präsidenten der Hochschule für Musik und Theater München, Siegfried Mauser, fand diese Woche eine Vollversammlung an der Hochschule statt. Man will ein "Klima der Verunsicherung" bekämpfen, und gleichzeitig wird klar: Belästigungen und Übergriffe sind ein Thema, mit dem sich die deutschen Musikhochschulen schon lange beschäftigen.

Vertrauensperson mit Studentin im Gespräch | Bildquelle: colourbox.com

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Sexuelle Belästigung und Übergriffe - besonders für Musikhochschulen ein Problem? "Auch bei den Rektorenkonferenzen wird regelmäßig über das Thema gesprochen, und alle Hochschulen sind dabei, ihre Richtlinien zu bearbeiten und sich in diesem Bereich weiterzuentwickeln", bestätigt Bernd Redmann, aktueller Präsident der Hochschule für Musik und Theater in München, gegenüber BR-KLASSIK.

Gegen ein "Klima der Verunsicherung"

Gerade im Zusammenhang mit dem aktuellen Prozess gegen Siegfried Mauser, den ehemaligen Präsidenten der Musikhochschule München, betrachtet es Bernd Redmann als die Aufgabe der Hochschule, ein "Klima der Verunsicherung, das die Basis der Zusammenarbeit angreift", durch klare Verhältnisse zu verhindern - daher auch die Vollversammlung am vergangenen Donnerstag, zu der Studierende, Hochschulmitarbeiter und Pressevertreter eingeladen waren.

Nein heisst Nein

Redmann verweist darauf, dass die Hochschule auch in der Vergangenheit schon Maßnahmen getroffen habe, um Belästigungen zu verhindern oder dabei zu helfen, mögliche Täter zur Rechenschaft zu ziehen. Darunter falle ein 2013 gedruckter Flyer mit dem Aufdruck "Nein heißt Nein", den alle Hochschulmitglieder in ihr Fach gelegt bekommen haben. Darauf standen die Nummern von Vertrauenspersonen der Hochschule, wie etwa der Frauenbeauftragten. Viele haben dieses Angebot offenbar nicht in Anspruch genommen. "Ich habe extra nochmal nachgefragt bei den Frauenbeauftragten, beim Studiendekan, beim Personalrat und der Studierendenvertretung - das sind unsere innerhochschulischen Anlaufstellen. In den letzten Jahren gab es entweder überhaupt keine Gespräche oder sehr wenige Gespräche. Und es ging da immer um verbale Grenzüberschreitungen. Also nicht um Tätlichkeiten oder noch schwerwiegendere Verbrechen wie Vergewaltigung und Nötigung. Da gab es vertrauliche Gespräche mit den Betroffenen, und das war dann auch kein weiterführendes Problem", so Redmann. Der Flyer "Nein heißt Nein" werde nun überarbeitet und mit externen Nummern angereichert, zum Beispiel mit der des Frauennotrufs München.

Ermittlungsverfahren gegen weiteren Hochschulmitarbeiter

Dass es Bedarf gibt, ist offensichtlich: Redmann bestätigte auf Nachfrage von BR-KLASSIK, dass der Hochschulleitung ein weiteres Ermittlungsverfahren gegen einen Hochschul-Mitarbeiter bekannt sei: "Es gibt ein Ermittlungsverfahren gegen einen anderen Dozenten der Hochschule, das noch nicht abgeschlossen ist. Auch davon weiß die Hochschulleitung. Wir unterstützen die Ermittlungsarbeit von Polizei und Staatsanwaltschaft. Wir haben da keinen Einblick, auch nicht als Hochschulleitung, welche Ermittlungsergebnisse erzielt werden." Der Mitarbeiter sei vom Dienst suspendiert.

Externe Ansprechpartner sind wichtig

Wird die Hilfe von Frauen- oder Gleichstellungsbeauftragten an den Musikhochschulen auch deshalb so selten in Anspruch genommen, weil sie als Teil der Institution wahrgenommen werden, als zu nahe am Machtgefüge von Dozenten, Professoren und Hochschulleitung? "Das System der Gleichstellungsbeauftragten an Musikhochschulen muss reformiert und professionalisiert werden", sagt Agnes Krumwiede, studierte Pianistin und ehemalige kulturpolitische Sprecherin der Grünen-Bundestagsfraktion. Wichtig in diesem Zusammenhang sei eine Auslagerung der Gleichstellungsbeauftragten: "Es braucht klare Regeln in Form einer hochschulübergreifenden Vereinbarung mit der Konsequenz, dass jeder Vorwurf sexueller Belästigung und Übergriffe gemeldet und gegebenenfalls zur Anzeige gebracht werden." Für Wolf-Dieter Seiffert, den Vorsitzenden des Hochschulrats, geht es jetzt vor allem darum, "dass man Transparenz schafft und ermutigt, dass Betroffene, bei welchen Vorfällen auch immer, das Gespräch suchen und nichts tabuisiert wird, vertuscht wird. Dass man nicht tuschelt, sondern wirklich redet."

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