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Kritik - Jelineks "Kein Licht" bei der Ruhrtriennale Die Welt explodiert

Kein Singspiel und auch kein Denkspiel. Nein, der Untertitel der Oper "Kein Licht" nach Texten von Elfriede Jelinek lautet "Thinkspiel". Ein herrlich verquerer Begriff, anspielungsreich und rätselhaft. Erfunden hat ihn der französische Komponist Philippe Manoury. Und ja, er will sein Publikum zum Denken anstiften, zum Denken mit Musik - und das ist mit "Kein Licht" auf überraschend unterhaltsame Weise gelungen.

Szenenbild aus "Kein Licht" bei der Ruhrtriennale 2017 | Bildquelle: Caroline Seidel/Ruhrtriennale 2017

Bildquelle: Caroline Seidel/Ruhrtriennale 2017

Das Thema Atomkraft ist ja nun nicht gerade witzig, und sowohl beim Gedanken an die furchtbare Tsunami-Katastrophe von Fukushima, als auch bei der Energiewende von Donald Trump wird kaum jemandem zum Lachen zumute sein. Und doch war dieses musikalische "Thinkspiel" nach Texten von Elfriede Jelinek voller rabenschwarzem Humor: Wie glaubwürdig sind zum Beispiel Atomkraft-Kritiker, die händeringend nach den Ladekabeln für ihre Smartphones suchen? Wie schizophren ist eine Gesellschaft, die sich dem Strom ausliefert, aber mit dessen Herstellung hadert? Wie verrückt sind Manager, die sich keiner Schuld bewusst sind und alles auf die Natur schieben?

Die Inszenierung in Bildern

Komponist Philippe Manoury kommt aus dem Forschungsinstitut für Akustik im Pariser Centre Pompidou, dem berühmten IRCAM, und er arbeitet mit Elektronik, auch mit solcher, die rein maschinell erzeugt wurde, mit einer Art Zufallsgenerator also, der sich an mathematisch errechnete Wahrscheinlichkeits-Ketten hält. Hört sich etwas unheimlich an, dieses Gewaber, das sich tatsächlich der Computer ausgedacht hat, und ist natürlich Sinnbild für den verhängnisvollen Glauben der Menschheit an die Technik, die sich längst selbstständig gemacht hat. Manoury selbst griff während der gut zweistündigen Aufführung mehrmals zum Mikrofon, um dem Publikum seine Arbeit zu erläutern.

Elfriede Jelinek schreibt über Donald Trump

Szenenbild aus "Kein Licht" bei der Ruhrtriennale 2017 | Bildquelle: Caroline Seidel/Ruhrtriennale 2017 Olivia Vermeulen (Mezzosopran), Szene aus "Kein Licht" bei der Ruhrtriennale | Bildquelle: Caroline Seidel/Ruhrtriennale 2017 Regisseur Nicolas Stemann ist erfahren im Umgang mit den anspielungsreichen Textmassen von Elfriede Jelinek. Er weiß zu kürzen, zu streichen, zu verdichten, zu ergänzen, zu ironisieren, und die Literatur-Nobelpreisträgerin selbst weiß das sehr zu schätzen, ist sie doch bekannt dafür, Regisseuren große Freiheiten einzuräumen. Drei Texte rund um die Kernkraft aus den Jahren 2011, 2012 und 2017 wurden für "Kein Licht" zusammengefasst, der letzte erst vor drei Monaten zu Papier gebracht - nachdem Donald Trump beschlossen hatte, seine eigene Klimapolitik zu machen. Ihm sind die letzten zwanzig Minuten der Oper gewidmet, die damit enden, dass die Welt explodiert und sich die beiden Hauptdarsteller irgendwo hinter dem Jupiter eine neue suchen.

Handpuppe Atomi und der Hund Cheeky

Szenenbild aus "Kein Licht" bei der Ruhrtriennale 2017 | Bildquelle: Caroline Seidel/Ruhrtriennale 2017 Sänger und die Handpuppe Atomi aus "Kein Licht" bei der Ruhrtriennale | Bildquelle: Caroline Seidel/Ruhrtriennale 2017 Bis dahin lassen Stemann und seine Ausstatterin Katrin Nottrodt eine technisch ungemein aufwändige, ja monströse Jelinek-Show ablaufen, die so gescheit wie bildmächtig war. Wenn Denken so viel Spaß macht, dann bitte mehr davon! In Plastiktanks schimmert eine giftig-grüne Plörre, die zur allgemeinen Gaudi irgendwann herausschießt und die ganze Bühne unter Wasser setzt. Elementarteilchen wirbeln durch die Luft, Männer in Schutzanzügen stiefeln emsig herum, tragen Lichtleisten herein und wieder heraus, und der Hund Cheeky hat alle Pfoten voll zu tun. Angeleitet von seiner Tiertrainerin gibt Cheeky jaulend und wimmernd sein Bestes. Niels Bormann und die fernsehbekannte Caroline Peters übernahmen die Sprechtexte, die vier Sänger Christina Daletska, Lionel Peintre, Sarah Sun und Olivia Vermeulen singen nicht nur, sie bewegen die lustig-böse Handpuppe Atomi und bringen die Brennstoff-Moleküle zum Tanzen. Ein Wahnsinn, dieser Abend, und was für einer! Schön, dass er auch an den Münchener Kammerspielen zu sehen sein wird. Sehr freundlicher, wenn auch nicht überschwänglicher Beifall, und ein paar vernehmliche Protestrufe - allerdings nicht für den Hund!

Elfride Jelineks "Kein Licht" bei der Ruhrtriennale 2017

Uraufführung: 25. August 2017
Weitere Aufführungstermine: 26./27. August 2017, 01./02./03. September 2017 in der Bochumer Jahrhunderthalle

Sendung: "Allegro" am 28. August 2017 ab 06.05 Uhr auf BR-KLASSIK

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