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Christian Gerhaher über Söders Abkehr vom Münchner Konzerthaus "Eine andere Situation als vor zehn Jahren"

"Wir können nicht alles unendlich finanzieren." Das sagte Bayerns Ministerpräsident Söder am Freitag der Süddeutschen Zeitung. Und was meinte er damit? Die Finanzierung des schon lange geplanten Münchner Konzerthauses. Das sollte vor allem das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks nutzen, das im Vergleich zu den anderen Weltklasse-Orchestern in der Stadt keine feste Spielstätte besitzt. Die Münchner Philharmoniker haben ihren Gasteig bzw. aktuell die Isarphilarmonie, das Bayerische Staatsorchester die Staatsoper. Ist das jetzt der Anfang vom Ende für das Münchner Konzerthaus?

Konzerthaus München | Bildquelle: bloomimages für cukrowicz nachbaur architekten zt gmbh

Bildquelle: bloomimages für cukrowicz nachbaur architekten zt gmbh

Eine Denkpause fordert er, Bayerns Ministerpräsident Markus Söder. Um über die Frage nachzudenken: Kann sich der Freistaat in Zeiten wie diesen noch ein neues Konzerthaus in München leisten? Corona-Krise, Ukraine-Krieg – in den vergangenen zwei Jahren habe sich viel verändert, so Söder am Freitag in der Süddeutschen Zeitung. Der Staat sei finanziell massiv gefordert.

Anne-Sophie Mutter: "Wie die Luft zum Leben"

Die Kritik der Kulturschaffenden ließ nicht lange auf sich warten. "Wir brauchen dieses Wohnzimmer der kreativen Höhenflüge wie die Luft zum Leben", sagt die Geigerin Anne-Sophie Mutter. Es sei eine "Katastrophe" und "ein schlechtes Signal für München als Kulturstadt", findet der Konzertveranstalter und MünchenMusik-Chef Andreas Schessl. Einen weiterhin dringenden Bedarf für eine eigene Spielstätte sieht BR-Intendantin Katja Wildermuth. Sie hofft, dass München einen Spitzenbau für das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks bekomme. Das hat in der Stadt nach wie vor keine eigene Spielstätte.

Wir wollen die Musikstadt München und Leuchtkraft Bayerns mit unserem Weltklasse-Ensemble und den dortigen Möglichkeiten im Bereich Digitalisierung, Education und Crossover-Projekten inspirieren und bereichern.
BR-Intendantin Katja Wildermuth über das geplante neue Konzerthaus in München

Auch Christian Gerhaher wünscht sich weiterhin einen neuen Saal. Auch, wenn es jetzt die Isarphilharmonie als provisorischen Konzertsaal gibt, so der Sänger am Dienstag im Gespräch mit BR-KLASSIK: "Aber es kann ja sein, dass sich dieser Saal ganz gut erhalten lässt. Insofern ist die Situation eine andere als vor fünf oder zehn Jahren, als wir darauf gedrängt haben, einen neuen Saal zu bekommen."

Eine Milliarde Baukosten – für Christian Gerhaher "obszön"

Der Bariton Christian Gerhaher | Bildquelle: Gregor Hohenberg / Sony Classical Der Sänger Christian Gerhaher | Bildquelle: Gregor Hohenberg / Sony Classical Eine andere Situation – damit meint Christian Gerhaher vor allem die gestiegenen Baukosten für das neue Konzerthaus, in dem neben dem Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks auch die Münchner Musikhochschule unterkommen soll. Von mittlerweile einer Milliarde Euro für den Bau ist aktuell die Rede. Von 400 Millionen waren die Planer anfangs ausgegangen. Eine Milliarde Euro. "Obzön" nennt Christian Gerhaher diese Zahl gerade in Zeiten wie diesen und verweist auf den neuen Konzertsaal in Dortmund, der 40 Millionen Euro gekostet habe. "Natürlich ist der wesentlich kleiner und hat keinen Kammermusiksaal", so Gerhaher. "Dieses Verhältnis aber von 40 Millionen zu einer Milliarde. Das ist etwas, das uns zu denken geben muss."

Ex-Kunstminister Heubisch: "dramatische Entwicklung"

Andere, wie Bayerns ehemaliger Kunstminister Wolfgang Heubisch von der FDP, halten dagegen. Er spricht von einer "dramatischen Entwicklung" und wirft Söder jetzt mangelnde Verlässlichkeit vor. Diese Entscheidung unterstreiche einmal mehr den geringen Stellenwert von Kunst und Kultur für die Bayerischen Staatsregierung, so Heubisch.

Christian Gerhaher gibt sich da zurückhaltender. Zumindest sei das immer seine Haltung gewesen, betont der Sänger, bescheiden zu sein. Ein Konzerthaus ja, aber dann bitte nur mit einem Saal – statt mit drei Konzertsälen: "Ich finde, wenn's schön ist, ist es schön. Aber es kann auch schön sein, ohne dass es das Teuerste und das Luxuriöseste ist."

Sendung: Leporello am 28. März 2022, ab 16:05 Uhr auf BR-KLASSIK

Kommentare (1)

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Montag, 28.März, 21:42 Uhr

Wilfried Schneider

EINE ANDERE SITUATION ALS VOR ZEHN JAHREN

Der Herr Heubisch sollte besser schweigen! Während seiner Amtszeit hatte er es in der Hand, das neue Konzerthaus zu einem vernünftigen Preis am (nicht im!) Finanzgarten zu verwirklichen. Aber nein, er musste sich unsinnigerweise stur auf das Deutsche Museum kaprizieren, offenbar verstand er die strikte Ablehnung der Verantwortlichen des Deutschen Museums nicht. Sturheit ist eben etwas, was nicht nur die Verantwortlichen in der CSU, sondern auch die Verantwortlichen in der FDP auszeichnet. Na ja, nun zahlt mal schön die Erbpacht für NICHTS im Werksviertel! Solange der Kulturfeind Söder das Sagen hat, ist das Konzerthaus für das BRSO tot und das einzige Münchner Orchester von Weltgeltung wird sich bei den Belegungsrechten weiterhin brav hinter den zweitklassigen Münchner Philharmonikern anstellen müssen, für die der Begriff "Kollegialität" ein Fremdwort ist.

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