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Salzburger Festspiele 2019 Lernen von der Antike

Bei der Jahrespressekonferenz stellte das Direktorium der Salzburger Festspiele die Pläne für den kommenden Sommer vor. Mit einem Budget von 61,8 Millionen Euro werden neun Opern und über achtzig Konzerte, sowie Schauspiel und Jugendprojekte auf die Beine gestellt. Insgesamt gibt es ab morgen, 15. November 2018, 237.000 Karten zu kaufen.

Eingang zum Haus Mozart und der Felsenreitschule in der Hofstallgasse in Salzburg | Bildquelle: picture alliance/APA/picturedesk.com

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Festspielintendant Marcus Hinterhäuser schaut in seiner dritten Salzburger Saison in den "magischen Spiegel“ - so beschrieb einst der Festspielgründer Hugo von Hofmannsthal die Mythen der Antike. Hinterhäuser nennt die mythischen Geschichten einen "kulturellen Speicher, die Archive der Welterkenntnis“. Aus deren Regalen zieht er - um im Bild zu bleiben - Abgegriffenes, Vernachlässigtes und: Unerwartetes. 

Eröffnungspremiere: Mozarts Idomeneo mit Currentzis und Sellars

Dirigent Teodor Currentzis | Bildquelle: picture-alliance/dpa Bildquelle: picture-alliance/dpa Was 2017 erfolgreich begann, wird in der kommenden Saison fortgesetzt. Mozarts "La clemenza di Tito“ ordneten vor eineinhalb Jahren der amerikanische Regisseur Peter Sellars und der russische Dirigent Teodor Currentzis dem damaligen Motto "Macht“ zu. Nun folgt vom gleichen Team wieder eine Opera Seria, der "Idomeneo“ des 25-jährigen Mozart. Und auch die Hauptrolle bleibt in gleicher Hand, oder besser: Stimme. Der Titus von 2017, Russell Thomas, verkörpert 2019 in der Felsenreitschule den Idomeneo. Eine Abweichung allerdings fällt auf: Currentzis wird nicht sein Permer Orchester musicAeterna dirigieren, sondern - wie es vonseiten der Festspiele heißt - auf eigenen Wunsch das Freiburger Barockorchester. Musikalisch sicher eine spannende und vielversprechende Konstellation. Die Inszenierung wird im Reich von Atlantis spielen, den drohenden Untergang sieht Sellars als gegenwärtigen Zugang zum Mythos: "Wir müssen über die Zukunft sprechen. Die Zeit ist reif für eine ernsthafte Veränderung“ teilte der Regisseur per Videoeinspielung mit.

Der Medea-Mythos in dreifacher Form

Sonya Yoncheva (Poppea), Kate Lindsey (Nero) | Bildquelle: picture-alliance/dpa Bildquelle: picture-alliance/dpa Was für eine Frau! Leidenschaftlich und stark, liebend. Und was wird aus ihr? Medea, die Kindsmörderin. Salzburg-Besucher können sich darauf freuen, die im vergangenen Jahr als Poppea hochgelobte Sonya Yoncheva in dieser Rolle wiederzusehen. Aus den vielen Vertonungen haben sich die Festspiele für eine Neuinszenierung der Oper "Médée“ von Luigi Cherubini entschieden. Regie führt der junge australische Regisseur Simon Stone, der ebenfalls schon 2017 dabei war, damals mit Aribert Reimanns “Lear“. Am Pult der Wiener Philharmoniker steht einer, der zwar schon häufig Konzerte in Salzburg dirigierte, bisher aber selten Opern: Thomas Hengelbrock.

Eine, die bereits 1969 mit Cherubinis "Médée“ Furore machte, war die Sopran-Legende Maria Callas - in ihrem einzigen Film spielt sie diese Rolle. Die Salzburger Festspiele werden diesen Film von Regisseur Pier Paolo Pasolini im kommenden Sommer zeigen.

Die Medea-Texte von Heiner Müller hat auch der 1955 geborene französische Komponist Pascal Dusapin vertont. Aufgeführt werden sie im Rahmen der Ouverture spirituelle. Dusapin ist auch einer der beiden zeitgenössischen Komponisten im Fokus der Festspiele, Motto: "Zeit für Dusapin“.

George Enescu: "Œdipe"

Der andere Komponist im Zentrum der Salzburger Festspiele 2019 ist George Enescu. Seine Oper "Œdipe“ von 1936 inszeniert der Altmeister Achim Freyer, der nicht nur die Regie führt, sondern auch Bühnenbild und Kostüme entwirft. Ingo Metzmacher dirigiert die Wiener Philharmoniker in diesem kaum gespielten Meisterwerk. Nicht nur Daniel Barenboim findet, dass Enescus "Œdipe“ eine der wichtigsten Opern des 20. Jahrhunderts ist, wie Marcus Hinterhäuser erzählte.

In der "Zeit für Enescu“ gibt es dann vor allem Kammermusik zu erleben mit so großartigen Musikern und Musikerinnen wie Maxim Vengerov, Renaud Capuçon, Tabea Zimmermann oder Patricia Kopatchinskaja.

Brechung des Mythos: Offenbachs "Orpheus in der Unterwelt“

Wenig Mainstream, aber auch wenig Überraschendes, das gilt für den Großteil des Salzburger Programms 2019. Eine Inszenierung aber bricht mit alledem - und obendrein auch noch mit dem Thema Mythos: "Orphée aux enfers“ von Jacques Offenbach. Ein Riesenerfolg, eine subversive Umkehrung des Orpheus-Mythos. Operetten seien nicht so seins, gibt Intendant Marcus Hinterhäuser zu, aber wenn er Offenbach schon ins Programm holt, dann nur mit einem, der das Inszenieren dieser Gattung beherrscht: Barrie Kosky. Der derzeitige Intendant der Komischen Oper Berlin sprüht dann auch in einem Einspielfilm voller Vorfreude darauf, dass Eurydike bei Offenbach am Ende froh ist, Orpheus los zu sein und betont: Bei Offenbach muss man lachen können.

Verdis "Simon Boccanegra“

Die Verdi-Oper fällt aus dem Bereich der Mythen-Vertonungen heraus, Intendant Hinterhäuser fängt sie ein, indem er das mit vielen Mythen gemeinsame Thema "Schicksal“ nennt. Dirigieren wird Valery Gergiev, der bekanntermaßen einen prallen Terminkalender hat, in dem für 2019 auch sein Debüt bei den Bayreuther Festspielen mit dem "Tannhäuser“ ansteht. Marcus Hinterhäuser musste den fragenden Journalisten versichern, dass Gergiev ausreichend Probenzeit mitbringt. Auch diese Inszenierung übernimmt ein Bekannter: Andreas Kriegenburg. 2017 führte dieser bereits Regie in Schostakowitschs "Lady Macbeth von Mzensk“. Die Besetzungsliste macht Lust: Luca Salsi singt die Hauptrolle, an seiner Seite stehen Marina Rebeka als Amelia Grimaldi und René Pape als Jacopo Fiesco.

Konzertante Opern mit Netrebko, Domingo und Bezcala

Neben den fünf Neuinszenierungen kommen zwei Opern konzertant auf die Bühne – jeweils mit Starbesetzung. Anna Netrebko singt wie so oft in letzter Zeit an der Seite ihres Ehemanns Yusif Eyvazov, ihren weiblichen Gegenpart in Francesco Cileas "Adriana Lecouvreur“ übernimmt die atemberaubende, spielfreudige Mezzosopranistin Anita Rachvelishvili. In Verdis "Luisa Miller“ treffen zwei Sänger-Größen aufeinander: Plácido Domingo singt den Miller, Piotr Beczala den Rodolfo in der konzertanten Aufführung.

Große Namen – aber keine Frauen am Pult und in der Regie

Im Rahmen der über achtzig Konzerte sind viele Orchester, Solisten und Solistinnen mit Weltruhm zu Gast. Das West-Eastern Divan Orchestra feiert unter Daniel Barenboim und mit Martha Argerich und Anne-Sophie Mutter als Solistinnen sein zwanzigjähriges Bestehen. Das BR-Symphonieorchester spielt zwei Konzerte unter der Leitung von Mariss Jansons und die Berliner Philharmoniker kommen mit ihrem Ende August ganz frischen Chefdirigenten Kirill Petrenko. Eines fällt aber auf: Weder für eine Opernregie noch fürs Orchesterpult wurde eine Frau engagiert. Marcus Hinterhäuser betont, dies drücke keine Haltung der Festspiele aus. Man habe einige angefragt, aber keinen Termin finden können.

Mythos als Abschluss einer Trilogie

Markus Hinterhäuser, Intendant der Salzburger Festspiele | Bildquelle: picture alliance / Robert Newald / picturedesk.com Bildquelle: picture alliance / Robert Newald / picturedesk.com 2019 wird die dritte Saison unter Markus Hinterhäuser sein. Das Profil der Salzburger Festspiele hat sich unter seiner Intendanz geschärft. Das Programm für das kommende Jahr ist nicht übermäßig mutig, aber bei weitem nicht belanglos. Hinterhäuser möchte sein Publikum fordern: "Es geht um etwas, wenn wir uns mit Kunst beschäftigen, nicht nur Mozart, Beethoven, Mahler – es geht um alles!“ Seine Themen ziehen sich durch die Veranstaltungen und ergeben ein stimmiges Konzept. Das Publikum soll zur Reflexion angeregt werden. Mit dem Thema Mythos soll dann eine Trilogie abgeschlossen werden, sagte Hinterhäuser auf der Jahrespressekonferenz. Die Frage nach dem Mythos sei auch eine abschließende Frage nach der "Urzelle des Theaters“, eine Frage danach, was aus dieser Urzelle entstanden ist. 2020 beginne etwas Neues, schließlich feiern die Salzburger Festspiele dann ihren hundertsten Geburtstag.

Sendung: "Allegro" am 15.11.2018 ab 06:05 Uhr auf BR-KLASSIK

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