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Kritik - Sasha Waltzs "Exodos" in Berlin Ausbruch aus der individuellen Vereinsamung

"Exodos" heißt das neue Stück von Sasha Waltz, "Auszug". Oder besser "Ausbruch": Es geht verrätselt los, am Ende aber drunter und drüber. Die Choreografin findet grandiose Bilder für Freiheit und Energie des Körpers - und für das Ende der Einsamkeit. "Exodos" feierte am 23. August im Radialsystem in Berlin Premiere.

Sasha Waltzs "Exodos" | Bildquelle: picture-alliance/dpa/Gregor Fischer

Bildquelle: picture-alliance/dpa/Gregor Fischer

Tänzer antworten mit szenischen Vorschlägen auf Fragen, die Pina Bausch ihnen gestellt hatte: So lief die Probenarbeit von Pina Bausch. In den 70er-Jahren hat sie das Tanztheater neu erfunden. Jetzt hat Sasha Waltz ihr aus 26 Tänzern bestehendes Ensemble gefragt: "Wovor möchtet Ihr fliehen?" und "Was ist für Euch Utopia?" Herausgekommen ist ihr neues Stück "Exodos".

Keine Scheu vor Einfachheit

Sasha Waltzs "Exodos" | Bildquelle: picture-alliance/dpa/Gregor Fischer Szene aus "Exodos" in Berlin | Bildquelle: picture-alliance/dpa/Gregor Fischer

Die Antworten auf die zweite Frage sind bei der Premiere vielleicht sogar leichter zu erkennen. Die Tänzer bilden große Kreise, Ketten, Haufen, Reihen und andere Formationen, in denen Zusammenhalt, Einvernehmen, kindliches Vergnügen am gemeinsamen szenischen Witz, reine Freude an der synchronen Bewegung in ihren Gesichtern abzulesen sind. Schon immer zählt zu den Vorzügen der choreografischen Arbeit von Sasha Waltz, dass sie so direkt, so unumwunden, so schlicht wirken kann. Sie kennt keine Scheu vor Einfachheit. Es ist eine große Stärke, ein Duett an das Ende des zweieinhalbstündigen Abends zu stellen, das einfach Sex zum Thema zu haben scheint, wenn es doch einen Mann und eine Frau in weißen Unterhosen zeigt, die ihre Körper umeinanderwinden, als wären sie allein. In Wirklichkeit sitzen sie in einem badezimmergroßen Plexiglaskasten wie Lurche im Terrarium einer Zoohandlung am Samstagmorgen - nämlich wirklich gut beobachtet.

Enge und Ausgestelltsein

Die vergrößerte und dann mit Menschenkörpern bespielte Ausstellungsvitrine ist ein Bühnenbildelement, das Sasha Waltz um die Jahrtausendwende in ihrer Zeit als Schaubühnentanzdirektorin entdeckte. In ihrem neuen Stück "Exodos" stehen gleich mehrere kleinere Vitrinen und eben jener zimmergroße Glaskasten in einer riesengroßen leeren Halle im Radialsystem, dem Berliner Spielort von Sasha Waltz.

Sasha Waltzs "Exodos" | Bildquelle: picture-alliance/dpa/Gregor Fischer Szene aus "Exodos" in Berlin | Bildquelle: picture-alliance/dpa/Gregor Fischer

Die Halle ist sehr hoch und zu Beginn voller umhereilender und stillstehender Menschen. Tänzer und Zuschauer mischen sich, manchmal muss man auf die Füße gucken, um zu wissen, wen man vor sich hat: Ist er oder sie barfuß, handelt es sich um einen Tänzer? In den kleineren Vitrinen stehen sie einzeln eingeschlossen und schauen wie sinnierend durch die Scheibe, manche malen mit Kreide Tatort-absicherungshafte Kreidestriche um Besucherfüße, andere bieten den Zuschauern das Händewaschen an einem fahrbaren Waschbecken an.

Das Stück entfaltet seine ganze Kraft erst viel später, zunächst einmal muss man sich über die doch etwas verrätselten und surrealistischen Tanzhandlungen hinwegretten, indem man die Zeit einfach nutzt, um die Tänzer anzuschauen. Der schleppende und zu lange museale Anfang geht über in immer aufsehenerregendere Aktionen. Die Tänzer verlassen ihre Vitrinen. Das Ensemble wandert wie auf geheimen Flucht-Pfaden, klettert durch Menschenleiber-Tore, als gelte es, eine Höhle oder ein Versteck im Keller zu verlassen, oder bildet helfende Brücken.

Metamorphosen voller Energie

Sasha Waltzs "Exodos" | Bildquelle: picture-alliance/dpa/Gregor Fischer Szene aus "Exodos" in Berlin | Bildquelle: picture-alliance/dpa/Gregor Fischer

Im mittleren Teil bricht die vollkommene assoziative Freiheit aus. Am Ende dieses Prozesses verwandelt sich die atmosphärische elektronische Musik des "Soundwalk Collective" in einen Rave und die Tänzer laden ihre Zuschauer ein, sich mit ihnen auf der Tanzfläche in der Halle zu mischen. Bis dahin haben sie jede Menge Spaß miteinander, sie kabolzen durch den Raum wie durch eine Turnhalle, und wie das aussieht, scheint ihnen herzlich egal. Sie spielen mit einem großen Tampen Seilspringen. Das erstaunt schon sehr, das geht schon sehr weit im Ausflippen, wenn es auch immer wieder sehr schöne rein tänzerische Passagen gibt. Vielleicht, denkt man, geht es hier wie in Maurice Sendaks Buch von den "Wilden Kerlen" um den erträumten Auszug oder besser Ausbruch, den Exodos in eine erträumte, ganz unkonventionelle Welt. Die Tänzer von Sasha Waltz wollen ganz entschieden ausbrechen aus ihrem Einzelkörperdasein, aus der individuellen Vereinsamung. So werfen sie sich mit voller Energie in die Metamorphosen, sind ein Pferd oder die Kutsche, so fallen sie aus der Rolle, fahren aus der Haut. Charlotte Engelke erzählt, wie es in einem Bienenstock zugeht und singt die Senta aus Wagners "Fliegendem Holländer" - nicht sehr gut.

Am Ende stellt das Paar in Unterhosen guten Sex dar und geht dann zu einem italienischen Schlager mit dem Handy in der Hand ab. In der grandiosen Mitte des Stücks hatte man vergessen sich zu fragen, wer diese Menschen sind und warum sie sich so frei, so ungezwungen bewegen. Aber am Ende sind es die unglaublich guten Tänzer, die machen, dass es einen nicht stört, wenn man den Faden dieser wildesten Tanztheater-Collage aller Zeiten mitunter verliert.

Sendung: "Leporello" am 24. August ab 16:05 Uhr auf BR-KLASSIK

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