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Sir Simon Rattle zu Mahlers Neunten "Hier geht's um die ganze Welt"

Gemeinsam mit dem Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks gibt der designierte Chefdirigent Sir Simon Rattle das traditionelle Benefizkonzert für den SZ-Adventskalender. Auf dem Programm steht eine ganz menschliche Musik: Gustav Mahlers 9. Sinfonie.

Sir Simon Rattle dirigiert das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks. | Bildquelle: BR/Astrid Ackermann

Bildquelle: BR/Astrid Ackermann

BR-KLASSIK: Sir Simon Rattle, die 9. Sinfonie von Gustav Mahler umgibt so eine Art von Mythos. Vor allem nachdem Beethoven "nur" neun Sinfonien geschrieben hat. Für Mahler hat das eine große Rolle gespielt. Er war mit der zehnten Sinfonie schon sehr weit und trotzdem blieb die Neunte seine letzte vollendete. Was er eigentlich verhindern wollte. Spielt das für Sie eine Rolle?

Sir Simon Rattle: Komponist sein nach Beethovens Neunter das ist schon unglaublich hart. Dieses Werk hat schlicht und ergreifend jeden Rahmen gesprengt, so viele Möglichkeiten eröffnet. Diese Sinfonie überschattet einfach alles. Ich muss da an Van Gogh denken, der nicht nur die Leinwand, sondern auch den Rahmen bemalt hat. Und Beethoven, bei dem hast du das Gefühl, krass, der bemalt nicht nur den Rahmen, der schmiert gleich die ganze Wand voll! Und ja – seitdem hält sich die Idee, dass die Neunte was ganz Spezielles sein muss.

Es kann nach tiefschwarzer Depression klingen, aber auch nach Liebe und Sehnsucht.
Sir Simon Rattle

Was bei Mahler besonders ist: Er hat seine letzten Werke nie gespielt gehört. Weder die Zehnte noch die Neunte. Gerade er, der seine Musik nach dem Hören immer wieder verändert, angepasst hat. Also ist auch die Neunte auf eine Weise unvollendet. Wir wissen nicht wie ihre finale Fassung geklungen hätte. Ich finde ja, es steckt viel vom sardonischen, boshaften Mahler in diesem Werk. Mein Lehrer Berthold Goldschmidt hat immer gesagt: Vergiss nicht, der zweite Satz enthält alles, was Mahler am Landleben, an der Provinz gehasst hat. Und der dritte alles, was er am Stadtleben gehasst hat. Was ich darüber hinaus spannend finde: Das ist ein Stück, das wie kein anderes den Charakter der Interpreten sichtbar macht, des Dirigenten und des Orchesters, das da spielt. Es kann nach tiefschwarzer Depression klingen, aber auch nach Liebe und Sehnsucht.

Das Benefizkonzert für den SZ-Adventskalender überträgt BR-KLASSIK live im Radio und im Videostream am 26. November ab 20:00 Uhr

Komponist Gustav Mahler | Bildquelle: wikimedia Bildquelle: wikimedia BR-KLASSIK: Der letzte Satz endet in einer Art Kammermusik. Das Orchester reduziert sich immer mehr. Und über der Partitur steht "ersterbend". Welche Gedanken kommen in Ihnen auf, wenn Sie das dirigieren?

Sir Simon Rattle: Man wird an einen anderen Ort geführt. Es ist kein endgültiger Abschied. Und er ist in keiner Weise sentimental, sondern eher stoisch. Das bedeutet nicht, dass da keine Wut, kein Aufbäumen spürbar wäre. Aber die Reise, von der hier erzählt wird, ist doch getragen von einer großen Akzeptanz, auch wenn das Atmen immer schwerer fällt.

BR-KLASSIK: Sie haben diese ländlichen Motive schon angesprochen, die aber immer auch etwas Bissiges haben.

Sir Simon Rattle: Absolut ja! Es erinnert eher an einen Holzschnitt als an ein Ölgemälde. Das spürt man. Und es sind vor allem die Holzbläser, die da ihr Gift verspritzen, scharfe Konturen zeichnen. Und die zweiten Geigen.

Hier geht's um die ganze Welt
Sir Simon Rattle

BR-KLASSIK: Wenn man sich diese Ironie anschaut, diese Fin de Siècle-Stimmung: Ist das nicht auch ein sehr österreichisches Stück – oder wäre das zu kurz gegriffen?

Sir Simon Rattle: Ich finde, da gibt es Stücke bei Mahler, die noch deutlich mehr mit Österreich zu tun haben. Ich denke da an die Fünfte. Da erinnert jeder Rhythmus ja nicht nur an Österreich, sondern eigentlich an Wien. Hier ist das anders. Hier geht’s um die ganze Welt.

Sendung: "Allegro" am 26. November 2021 ab 6:05 Uhr auf BR-KLASSIK

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