BR-KLASSIK

Inhalt

Sol-Festival 2017 - Orgelwoche in Beirut "Für den Libanon ist das eine neue Kultur"

Gewalt, Bomben, Flüchtlinge - mit diesen Themen sorgt der Libanon in der Regel für Schlagzeilen. Der krisengeschüttelte Küstenstaat kämpft seit Jahren mehr oder weniger erfolgreich dagegen an, vom Sog des Bürgerkriegs im Nachbarland Syrien erfasst zu werden. Doch das kleine arabische Land am Mittelmeer ist zugleich auch ein kultureller Leuchtturm im Nahen Osten. Zum zweiten Mal fand nun in Beirut und Umgebung die "Libanesische Orgelwoche" statt - in Kooperation mit dem länderübergreifenden Terra Sancta-Orgelfestival der katholischen Kirche.

Bach-Orgel im Liebfrauenmünster Ingolstadt, Innenansitz | Bildquelle: Orgelbau Wegscheider

Bildquelle: Orgelbau Wegscheider

Die Töne kommen aus einer kleinen Sandsteinkirche, direkt gegenüber vom Großen Serail, wo der Premierminister residiert. Vor dem Palast patrouillieren schwerbewaffnete Soldaten. Auf der anderen Straßenseite aber regiert heute leichtfüßige Musik von Mozart. Der Salzburger Organist Bernhard Gfrerer bringt gerade die Orgel der Evangelischen Nationalkirche von Beirut zum Tanzen.

"Meine Familie hat gesagt: Nein, du kannst da nicht hinfahren, das ist doch so gefährlich. Dann habe ich einen Kollegen angerufen, der auch hier gespielt hat, den Domorganisten von Lausanne. Und der hat gesagt: ‚So lange es nicht ärger wird: Ich fahr hin!‘  Na, ein Feigling will ich auch nicht sein, also bin ich halt auch gefahren. Und ich hab nicht gedacht, dass hier überhaupt so eine gute Orgel ist!" Organist Bernhard Gfrerer aus Salzburg

Nur neun Orgeln im Libanon

Das Instrument, gebaut 1998 von der österreichischen Firma Rieger, ist eine von insgesamt nur neun Orgeln im Libanon. Zwar gibt es hier viele Kirchen und eine große christliche Minderheit, aber in den orthodoxen Gemeinden wird unbegleitet gesungen, und andere Konfessionen behelfen sich meist mit einem Keyboard. Pfeifenorgeln haben keine Tradition im Nahen Osten, und der Libanesische Bürgerkrieg hat sein Übriges getan, sagt der Maroniten-Pater Khalil Rahme, Leiter der Musikabteilung an der Universität Louaizé: „Als ich 1993 nach dem Bürgerkrieg in den Libanon zurückgekommen bin, habe ich erstmal alle Pfeifenorgeln gesichtet, die im Krieg zerstört worden waren. Heute, 20 Jahre später, haben wir es geschafft, fünf Instrumente restaurieren zu lassen. Und so hatte ich die Idee, mit diesen Orgeln eine Orgelwoche zu veranstalten. Für den Libanon ist das eine neue Kultur - die Kultur der Orgel.“

Für den Libanon ist das eine neue Kultur - die Kultur der Orgel.
Maroniten-Pater Khalil Rahme

Und diese neue Kultur kommt an. An manchen Abenden strömen 300 Neugierige ins Konzert. Dank einer großen Videoleinwand unten im Altarraum können sie dann beobachten, wie spektakulär der Schweizer Jean-Christophe Geiser oder Crista Miller aus den USA oben auf der Empore in die Pedale treten. Auf Orgeln, die in den 30er oder 50er Jahren gebaut wurden, von Walcker aus Deutschland oder Debierre aus Frankreich. Libanesische Orgelbauer gibt es nicht. Gewartet werden die Instrumente daher heute von dem Italiener Saverio Tamburini: „Ich komme alle zwei bis drei Monate in den Libanon. Ich habe einige Werkzeuge in einer Kirche gelagert und damit praktisch alles, was ich brauche, hier. Und wenn mir doch mal etwas fehlt, bekomme ich es in ein paar Tagen mit dem Flugzeug geliefert.“

Nächstes Ziel: Orgelkonzerte in Aleppo

Die Orgeln sind also da - noch aber fehlt es an einheimischen Organisten. Bruder Riccardo Ceriani von der franziskanischen Kustodie des Heiligen Landes will daher mittelfristig eine Organistenausbildung im Libanon installieren. Momentan kreisen seine Gedanken aber um ein kleines Orgelfestival, das unmittelbar nach der Libanesischen Orgelwoche im benachbarten Syrien stattfindet und am 9. Februar mit einem Konzert in Damaskus beginnt.

"Wir konnten den Namen des Organisten noch nicht veröffentlichen, denn er ist Italiener - und seine Frau weiß noch nichts davon, dass er in Damaskus auftreten wird. Keine Sorge: Die Restaurants in Damaskus sind voll, die Kirchen sind voll und auch unsere Konzerte. Und ich fahre jetzt nach Aleppo und schaue mir an, in welchem Zustand die Orgel dort ist. Also nächstes Jahr sind wir dann mit unserem Terra Sancta-Festival auch in Aleppo." Riccardo Ceriani

www. solfestival.org
www.tsorganfestival.org

    AV-Player