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Gustav Kuhn und die Tiroler Festspiele Erl Vorläufiger Rückzug

Die Sommerfestspiele in Erl sind vorbei – die Vorwürfe gegen den Dirigenten und Festivalgründer Gustav Kuhn bleiben. Am Dienstag teilte der Stiftungsvorstand mit, dass Kuhn seine Funktion als Künstlerischer Leiter mit sofortiger Wirkung ruhen lassen wolle.

Tiroler Festspielhaus in Erl - Innenansicht | Bildquelle: picture alliance/APA/picturedesk.com

Bildquelle: picture alliance/APA/picturedesk.com

Geht die Ära Gustav Kuhn in Erl zu Ende? Zumindest lässt der Dirigent und Festivalgründer seine Funktion als Künstlerischer Leiter der Festspiele bis zur vollständigen Klärung der gegen ihn gerichteten Vorwürfe mit sofortiger Wirkung ruhen. Dies teilten die Tiroler Festspiele Erl am Dienstag mit. Vorausgegangen war eine Sitzung des Vorstands der Stiftung Festspiele Erl in Wien.

Kuhn weist Vorwürfe weiterhin zurück

Der Festivalgründer weist die in einem offenen Brief gegen ihn vorgebrachten Anschuldigungen weiterhin zurück. Kuhn wolle mit seiner Entscheidung weiteren Schaden von den Festspielen abwenden, heißt es in der Mitteilung aus Erl - der Vorstand begrüße den Entschluss Kuhns. Als interimistischer Künstlerischer Leiter wird Kuhns bisheriger Stellvertreter, Andreas Leisner, bestellt.

Sexuelle Übergriffe und Machtmißbrauch

Ungehemmte Aggression, anhaltender Machtmissbrauch, Mobbing, Schikane und sexuelle Übergriffe. In einem offenen Brief hatten sich fünf Künstlerinnen, die für die Tiroler Festspiele tätig waren, vergangene Woche an die Öffentlichkeit gewandt. Am Montag bekräftigten zwei von ihnen, die Sängerinnen Julia Oesch und Mona Somm, in Wien ihre Anschuldigungen. Oesch seien 1999 etwa Rollen versprochen worden, für die sie sexuelle Dienste als Gegenleistung hätte erbringen sollen.

Küsse auf die Brust

Von körperlichen Übergriffen spricht auch Mona Somm. Der Sängerin aus der Schweiz sei von Gustav Kuhn vor einer Vorstellung auf die Brust geküsst worden. Es habe "eigentlich fast kein Ausweichen" gegeben, so Somm. Oesch spricht von Scham, die sie empfunden hätte, dass man angreifbar gewesen sei. "Man wollte dem etwas entgegensetzen und vielleicht ist man deswegen dann wiedergekommen, weil man gesagt hat: Nein, ich bin stark, ich halte dem Stand."

"Alles veranlasst, um die Anschuldigungen zu überprüfen"

Mona Somm und Julia Oesch posieren mit dem offenen Brief an die Festspiele Erl | Bildquelle: Andrea Beer / ARD-Studio Wien Mona Somm und Julia Oesch zeigen den offenen Brief, den sie mit geschrieben und unterzeichnet haben. | Bildquelle: Andrea Beer / ARD-Studio Wien Der österreichische Unternehmer und Festspielpräsident Hans Peter Haselsteiner erklärte, die Tiroler Festspiele hätten alles veranlasst, um die Anschuldigungen zu überprüfen. Sobald Ergebnisse vorlägen, würden die Tiroler Festspiele angemessene Konsequenzen ergreifen. Vorab erklärte Festspielpräsident Haselsteiner im Auftrag von Gustav Kuhn, zumindest was die fünf Unterzeichnerinnen des offenen Briefes betreffe, könne er jeden wie immer gearteten sexuellen oder erotischen Kontakt mit Kuhn ausschließen.

Die Stiftung hat vor einigen Wochen eine Ombudsfrau eingesetzt, an die sich Betroffene wenden können. Mona Somm und Julia Oesch genügt das nicht. Sie fordern politische Verantwortung, Aufklärung, einen personellen Neuanfang in Erl und darüber hinaus bessere Bedingungen für freischaffende Künstler. Mit dem offenen Brief hätten sie jetzt eine Lobby für die Betroffenen geschaffen, so Mona Somm, auch wenn sie lange mit sich gerungen hätten, an die Öffentlichkeit zu gehen.

Staatsanwaltschaft prüft Vorwürfe

Die Staatsanwaltschaft Innsbruck prüft die Vorwürfe, die gegenüber dem Dirigenten und Tiroler Festspielleiter Gustav Kuhn, erhoben werden. Über seinen Anwalt Michael Krüger ließ er die Vorwürfe erneut entschieden zurückweisen. Krüger sagte am Montag im ORF, sein Mandant habe ihm sehr überzeugend dargestellt, dass er sich keinerlei Versäumnisse oder Verschulden zurechnen lassen müsse.

Tiroler Festspiele Erl

Gustav Kuhn gründete die Festspiele 1997, die seit 20 Jahren jedes Jahr im Juli veranstaltet werden. Seit 2005 werden die Festspiele als GmbH geführt, hinter der wiederrum die gemeinnützige Privatstiftung "Tiroler Festspiele Erl" steht. Zum Stiftungsvorstand gehören der Großunternehmer und Stiftungsinhaber Hans Peter Haselsteiner, Kulturlandesrätin Beate Palfrader als Vertreterin des Landes Tirol sowie Jürger Meindl, Leiter der Kunst- und Kultursektion im österreichischem Bundeskanzleramt.

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