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Kritik: Verdis "Il trovatore" in Nürnberg Peter Konwitschny inszeniert Seelenstürme, Krieg und Puppentheater

Der Starregisseur Peter Konwitschny ist für das Staatstheater Nürnberg ein bekanntes Gesicht. Bereits dreimal hat er dort schon inszeniert, zuletzt Bernd Alois Zimmermanns "Soldaten". Nun folgt mit dem "Troubadour" von Verdi ein echter Psychothriller, bei dessen Inszenierung Puppen eine große Rolle spielen.

Sangmin Lee als Graf Luna im Puppentheater in der Inszenierung von Peter Konwitschny | Bildquelle: Bettina Stoess

Bildquelle: Bettina Stoess

Da sitzt er nun, in karger Landschaft, alleine mit sich und seinem Wahnsinn. Graf Luna hat soeben erfahren, dass er seinen Bruder getötet hat: Manrico – von Beruf Troubadour und ebenso in Leonora verliebt wie Luna. Die alte Zigeunerin Azucena hat es ihm verraten. Sie wollte sich rächen, weil der Vater des Grafen ihre Mutter verbrannte und sie eigentlich sein Kind töten wollte, aber dann war es ihr eigenes. Alles klar? Wenn nicht, auch kein Problem, denn das Entscheidende bei Verdis beliebter Oper "Il trovatore" ist die Musik. Vokale Gassenhauer folgen auf großflächige Chortableaus. Dazu bewegt sich ein vorwiegend dunkler Orchesterstrom erbarmungslos bis zum blutigen Finale. Als Kontrast gibt es muntere Zwischenspiele, zu denen man gut das Tanzbein schwingen könnte, wäre die Handlung nicht so trist.

Stimmlich alles dabei: Von Schwieirgkeiten bis "messerscharf"

In Nürnberg gibt man den "Troubadour" ohne Pause. Unter der Leitung von Lutz de Veer entsteht ein zweistündiger, sehr lauter und schroffer, aber gerade dadurch auch homogener Orchesterklang, mit dem Emily Newton als allseits begehrte Leonora anfangs arge Schwierigkeiten hat. Sie wird im Laufe des Abends immer besser, präziser, klarer. Wie auch Sangmin Lee, der im Finale einen sensationellen Grafen gibt, mit messerscharfen Spitzentönen.

Emily Newton als Leonora in "Il trovatore" am Nürnberger Staatstheater | Bildquelle: Bettina Stoess Emily Newton als Leonora | Bildquelle: Bettina Stoess Und dann ist da die Titelfigur, eine Paradepartie für jeden Tenor. Angelos Samartzis wurde zwar vor der Vorstellung vom Intendanten Jens-Daniel Herzog als indisponiert angekündigt, davon merkte man jedoch wenig, im Gegenteil. Eine kräftige, markant eigensinnige, auch schöne Stimme hat er. Dalia Schaechters Azucena wiederum wuchtet sich nicht immer ganz sauber, aber dafür umso expressiver durch die fordernde Partie. Im Jahr 2021 würden wir Azucena natürlich nicht als Zigeunerin bezeichnen, im Stück ist sie es aber nunmal und auch die oft recht flapsigen Übertitel scheuen nicht vor diesem Begriff zurück.

Was Peter Konwitschny aus dem Psychothriller macht

Aber was macht nun Peter Konwitschny aus diesem Psychothriller, dessen Kernaussage darin besteht, dass sich alle Hauptpersonen irgendwie und meist tödlich verstricken? Der Regisseur war weder beim Schlussapplaus noch bei den Endproben anwesend, daher lässt sich also nicht so ganz beurteilen, ob das eine wirkliche Konwitschny-Inszenierung ist. Wie auch immer, wir sehen in Nürnberg ein Schlachtfeld mit zotig ordinär agierender Soldateska – Krieg spielt im Stück auch eine Rolle –, eine "Kollegin" Azucenas wird kunstvoll auf einem Scheiterhaufen verbrannt.

Es gibt so manche Vor- und Rückblende – und zwar als Puppenspiel, denn auf der mit Asche und vielleicht welkem Laub verdüsterten Bühne steht ein Puppentheater. Die "echten" Charaktere schnappen sich immer wieder entzückend gestaltete Doubles und (inter)agieren ein wenig mit der aktuellen Handlung. Kann man machen, wirkt mal albern, mal horizonterweiternd. Am Ende ist das kleine Theater genauso zerstört wie die Protagonisten... Extrem aufregend wirkt das Ganze nicht, aber doch einigermaßen anregend. Überflüssig wirken freilich ein paar Konwitschny-Marotten wie das Anschalten des Saallichts, damit sich dann wirklich auch jede(r) gemeint fühlt. Alles in allem: eine solide Sache.

Sendung: "Leporello" am 15. November 2021 ab 16:05 Uhr auf BR-KLASSIK

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