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Neue Musik-Doku "Wagner, Bayreuth und der Rest der Welt"

Wagner ist mehr als Musik. Wagner ist ein gesellschaftliches Phänomen – und eine Glaubensfrage. Der Pilgerort dafür ist das Bayreuther Festspielhaus. Dorthin und an andere Wagner-Stätten blickt die Filmdokumentation „Wagner, Bayreuth und der Rest der Welt“ von Axel Brüggemann, mitfinanziert vom BR. Wie konnte ausgerechnet so ein Ort wie Bayreuth zum Wagner-Mekka werden? Und wieso wird die Musik dieses hoch umstrittenen Künstlers religions- und länderübergreifend so verehrt? Eine Film-Doku mit viel Sinn für feine Ironie und dem richtigen Riecher für Protagonisten.

Wagner, Bayreuth und der Rest der Welt | Bildquelle: FILMWELT Verleihagentur

Bildquelle: FILMWELT Verleihagentur

Kinodokumentation

"Wagner, Bayreuth und der Rest der Welt"

Raunende Musik, schaukelnde Gondeln auf den Kanälen, die Kamera zieht mit uns durch ein trübes, spätherbstliches Venedig, nimmt uns mit hinein in den Palazzo Vendramin, Richard Wagners Sterbeort, streift durch die Räume, die Vitrinen, vorbei an Wagners Hausschuhen und seiner Totenmaske. Der Palazzo beherbergt seit 25 Jahren ein kleines Wagner-Museum. Und seit 25 Jahren organisiert hier Alessandra Althoff-Pugliese ein internationales Wagner-Treffen: "Er hat sich eine Stadt ausgesucht, in der er Ruhe finden konnte. Er hat eigentlich nicht geplant, hier zu sterben. Aber so ist das passiert. Deswegen ist Venedig ein Mekka für die Wagner-Leute."

Wie in einem Vollbad mit Schaum

Plastisch beschreibt es ein Wagner-Fan: "Das ist eine Musik, die mich direkt anspricht, die geht so ganz tief in mich rein. Ich fühl‘ mich da so wohl wie in einem Vollbad mit Schaum." Einfach etwas ganz Besonderes sei es, das man mit Worten nicht beschreiben könne – ein Wohlfühlmoment, den man eben nur bei Wagners Musik erlebe. Sich wohlfühlen mit Wagner – Axel Brüggemann hat ein Händchen für feine Ironie: Die Wagner-Nerds, die ihre Statements abgeben, filmt er von unten, erhöht sie gleichsam, hebt sie auf einen Sockel. Und in einer Szene klopft Placido Domingo an Brünnhildes Garderobentür – ein Schelm, wer Böses dabei denkt …

Um diese Musik zu schreiben, musst du schon ein bisschen irre im Kopf sein.
Bayreuther Metzgerin Ulrike Rauch

Wie ein roter Faden zieht sich Volkes Stimme durch den Film: "Entweder du bist Wagner-Fan oder du bist es nicht", so bringt es die Bayreuther Metzgerin Ulrike Rauch auf den Punkt. Sie und ihr Mann Georg werkeln in ihrem Metzgerladen und philosophieren im Wohnzimmer unverkünstelt und ohne weihevolle Verklärung über ihre jahrzehntelange Wagner-Liebe: "Um diese Musik zu schreiben, musst du schon ein bisschen irre im Kopf sein. Das geht ja sonst gar ned. Aber du bist fasziniert von der Musik."

Die heimlichen Stars: Ein Bayreuther Metzger-Paar

Bayreuther und Wagner-Fans: Metzger-Ehepaar Ulrike und Georg Rauch | Bildquelle: FILMWELT Verleihagentur Metzger-Ehepaar Ulrike und Georg Rauch philosophieren am Esstisch über Wagner | Bildquelle: FILMWELT Verleihagentur Ulrike und Georg Rauch sind die eigentlichen Stars dieser Dokumentation – und ein Beleg dafür, wie sich Bodenständigkeit und Opernwahn in der fränkischen Provinz auf wundersame Weise begegnen. Ein Bild dafür ist die lange Schlange edel gekleideter Festspielgäste in der Pause vor dem Würschtlstand.
Irgendwann in dieser bildgewaltigen und musikgesättigten Dokumentation umschwirrt eine Drohne das Festspielhaus – als würde die Bayreuther Welt nur um sich kreisen. Dazu Katharina Wagner, die derzeitige Chefin am Grünen Hügel: "Das Vergnügen, ein Wagner zu sein, hält sich manchmal tatsächlich in Grenzen, weil es natürlich vorurteils- und klischeebeladen ist."

Man muss immer wieder gegen Vorurteile und Klischees kämpfen.
Katharina Wagner

Unter Katharina Wagners Leitung hat sich einiges getan in diesem früher hermetisch abgeriegelten Kosmos – denn der wollte von Antisemitismus und Hitlernähe nichts wissen. Inzwischen hat der jüdische Regisseur Barrie Kosky bei den Festspielen debütiert – und mit seiner Deutung der "Meistersinger" einen Triumph eingefahren. Wagner sei nicht verantwortlich für das Dritte Reich, für Auschwitz oder für das, was im 20. Jahrhundert mit seiner Musik gemacht wurde, so stellt Barrie Kosky klar. "Aber wenn ein nicht-jüdischer Deutscher mir sagt, dass die Musik nicht antisemitisch ist, dann sage ich: Sie entscheiden nicht, ob ein Stück antisemitisch ist oder nicht. Ich sage als Jude, dass ich das Stück antisemitisch finde."

Grau-braun vermatschter statt Grüner Hügel

Tenor Piotr Beczała beim Selfie mit Angela Merkel | Bildquelle: FILMWELT Verleihagentur Stars und Prominenz in Bayreuth: hyperventilierende Pilgerstätte | Bildquelle: FILMWELT Verleihagentur Filmemacher Brüggemann zeigt in den gut eineinhalb Stunden von "Wagner, Bayreuth und der Rest der Welt" auch den gar nicht grünen, sondern grau-braun vermatschten Hügel im Winter, menschenleer und verlassen – was für ein schönes, entspanntes, unglamouröses Gegenbild zur allsommerlich hyperventilierenden Pilgerstätte. Die Rauchs sehen den Rummel ohnehin gelassen. Diskussionsbedarf haben die zwei nur bei manchen Bühnenbildern in Wagner-Opern: "Es dürfen halt nicht die absolut modernen Bilder sein …" – "Aber, des is halt so." – "Eine moderne Kunst, weiß ich ned, ob des grod des Wahre is …" – "Aber die Musik, die bleibt ja." So das Resümee von Ulrike und Georg Rauch in schönstem fränkischen Zungenschlag.

Sendung: "Allegro" am 13. Oktober 2021 ab 6:05 Uhr auf BR-KLASSIK

Publikumspremiere: 13. Oktober 2021 in München
Filmstart deutschlandweit: 28.Oktober 2021

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