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Singen gegen Demenz Das "resonare"-Projekt der Komischen Oper Berlin

Gemeinsam Musik erleben trotz Demenz, das ist für Betroffene und ihre Angehörigen extrem schwierig. Die Komische Oper Berlin lädt sie deshalb einmal die Woche zum Singen ins Foyer, ein Projekt in Zusammenarbeit mit der Charité. Zum Welt-Alzheimertag am 21. September machen weltweit Aktionen auf die Situation von Menschen aufmerksam, die mit Alzheimer oder einer anderen Form von Demenz leben müssen.

Das resonare-Projekt der Komischen Oper Berlin | Bildquelle: Aurelio Schrey

Bildquelle: Aurelio Schrey

"Resonare" ist lateinisch und heißt soviel wie wieder ertönen oder mit Schall erfüllen. Resonare heißt auch ein Projekt, das die Komische Oper Berlin zusammen mit der Berliner Universitätsklinik Charité entwickelt hat. Einmal in der Woche treffen sich Demenzkranke und ihre Angehörigen zum Singen im Foyer des Opernhauses. Es gibt gemeinsame Vorstellungsbesuche und manchmal kommen sogar Mitglieder des Ensembles vorbei und geben eine Kostprobe.

Angehörigen von Demenzkranken wird Kultur ermöglicht

Das resonare-Projekt der Komischen Oper Berlin | Bildquelle: Aurelio Schrey Lauschen der Musik: Die Teilnehmer*innen des Projekts resonare in der Komischen Oper Berlin | Bildquelle: Aurelio Schrey Geleitet wird das Projekt von Anne-Kathrin Ostrop. Sie ist Musiktheaterpädagogin an der Komischen Oper und kennt die Schwierigkeiten, mit denen die Angehörigen von Demenzkranken zu kämpfen haben. Vor allem die Einsamkeit sei ein großes Problem, so Ostrop. "Sie sind auf der einen Seite nie allein, weil sie immer im Standby-Modus sind für die Erkrankten, und auf der anderen Seite häufig doch sehr alleine, weil sie die erkrankte Person immer bei sich haben und dann viele Veranstaltungen aus dem normalen Leben rausfallen." Mit resonare sei eine ganz wunderbare Schnittstelle geschaffen worden, so Ostrop, wo ein Miteinander und die Teilhabe am kulturellen Leben ermöglicht werde.

"resonare"-Projekt sollte zuerst in der Charité stattfinden

Ursprünglich sollte das Ganze in den Räumlichkeiten der Charité stattfinden. Die Idee war, den Betroffenen Musiktherapie anzubieten und parallel dazu den Angehörigen die Möglichkeit, sich mit Expertinnen und Experten der Charité über ihre Sorgen und Probleme auszutauschen. Die Corona-Pandemie hat diese Pläne durchkreuzt, an Veranstaltungen in der Klinik war wegen der Hygienevorschriften nicht zu denken. So kommen sie nun beide, die Demenzerkrankten und ihre Angehörigen, in die Komische Oper, um gemeinsam Musik zu erleben. Erlaubt ist, was Spaß macht. Wanderlieder, bekannte Opernmelodien, Pop-Songs, Musical-Nummern. Zwischendurch bleibt viel Raum, um Erinnerungen aufleben zu lassen, Zeit zum Reden, Erzählen, Lachen.

Eine Stunde der Entspannung

Eine Teilnehmerin ist Helga Weber. Sie begleitet an diesem Tag ihren an Alzheimer erkrankten Mann in die Komische Oper. Auch für sie sei dies eine Stunde der Entspannung, wie sie sagt, weil alle Beteiligten wüßten, woran sie sind. "Keiner braucht sich irgendwie zurückzunehmen, keiner braucht irgendwie eine Scheu zu haben, weder der Patient noch der Angehörige", so Helga Weber.

Wissenschaftliche Begleitung durch die Charité

Das resonare-Projekt der Komischen Oper Berlin | Bildquelle: Aurelio Schrey resonare ist ein musikalisches Projekt für Alzheimererkrankte in deren Angehörige | Bildquelle: Aurelio Schrey Das Projekt "resonare" wird begleitet von einer wissenschaftlichen Studie der Berliner Charité. Oliver Peters ist dort Oberarzt in der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie und Leiter des Bereichs Altersmedizin. Seit 20 Jahren beschäftigt er sich mit Demenzerkrankungen. "Gerade diese Verknüpfung mit den Emotionen und den positiven Erlebnissen, das ist etwas, was sehr robust ist gegenüber dieser zerstörerischen Kraft, die die neurodegenerative Demenzerkrankung hat."

Wir wollen möglichst genau wissen, was eigentlich hilft.
Oliver Peters von der Charité

Die Studie der Charité untersucht die Auswirkung des Projekts auf Lebensqualität und Befinden der Demenzerkrankten, aber auch ihrer Angehörigen. "Wir wollen möglichst genau wissen, was eigentlich hilft. Ist es die musikalische Erfahrung, die Gruppenerfahrung, die Wertschätzung? Ist es die Tatsache, dass der Mensch mit Demenz eine Aktivität außerhalb des häuslichen Rahmens mit dem Angehörigen unternimmt? Also was ist es genau, was da eigentlich wirkt."

Ziel ist ein fundiertes Konzept

Ein Ziel dabei: Das Angebot passgenau zu gestalten und ein wissenschaftlich fundiertes Konzept zu entwickeln, das auch an anderen Orten umgesetzt werden kann. Teilnehmerin Helga Weber findet, man solle viel mehr in die Forschung und in solche Projekte stecken. Und sie fragt sich, auch im Hinblick auf ihre eigene Situation:

Wie kann man diesen Menschen noch helfen, ein angenehmes und für sie auch erfüllendes Leben zu führen?
Teilnehmerin Helga Weber

Sendungen: "Allegro" am 21. September 2022, um 6:05 Uhr auf BR-KLASSIK sowie "Das Musikfeature" am 4. November 2022 und am 5. November 2022 auf BR-KLASSIK

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