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Mit fulminanter Technik und intuitiver Klugheit Wie Nicolai Gedda zum Startenor wurde

Er war einer der vielseitigsten Sänger des 20. Jahrhunderts: der lyrische Tenor Nicolai Gedda. Er hat nicht nur unglaubliche viele Studioaufnahmen gemacht, sondern auch eine immense Zahl an Opernpartien auf der Bühne verkörpert. Gründe dafür gibt es viele: seine bis ins hohe Alter frische, fast jugendliche Stimme, seine künstlerische Neugier und seine Sprachbegabung.

Tenor Nicolai Gedda | Bildquelle: © Clive Barda / Arena Pal

Bildquelle: © Clive Barda / Arena Pal

Ich habe von Natur aus eine hohe, leichte, nicht sehr große Stimme gehabt.
Nicolai Gedda, Tenor

Nicolai Gedda, der Schwede mit halbrussischem Vater, der bei seiner Tante aufwächst und seine Kindheit in Stockholm und Leipzig verbringt, ist von Noten früher umgeben als von Buchstaben. Der Stiefvater ist Kantor der russisch-orthodoxen Gemeinde. Und Nicolai spitzt von Anfang an die Ohren: "Ich habe als Kind Noten gelesen wie ein Buch. Das ist sehr wichtig, weil in der russischen Kirche a cappella gesungen wird, also ohne Instrument. Das hat auch mein Gehör entwickelt."

Von der Bank auf die Bühne

Dass er professionell singen will, merkt Nicolai Gedda als Bankangestellter mit Mitte 20 in Stockholm. Ein Kunde empfielt ihm den Heldentenor Karl Martin Oehmann als Lehrer. Gedda lernt von ihm alles, was Atemtechnik, Registerwechsel und das richtige Denken der Stimme betrifft. "Wichtig ist, gesund zu bleiben. Ohne Gesundheit geht überhaupt nichts. Und wie bleibt man gesund? Man hat Glück, aber es ist auch sehr wichtig, ein Leben zu führen, das ein Sänger, der seinen Körper und seine Stimme behalten will, führen muss", sagte Nicolai Gedda.

Schwerpunkt: 19. Jahrhundert und Mozart

Tenor Nicolai Gedda an der Scala in Mailand 1953 | Bildquelle: picture alliance / IMAGNO/Votava Bildquelle: picture alliance / IMAGNO/Votava

1952 debütiert Gedda in Stockholm im "Postillion von Lonjumeau". Seine hohen 'd's sind eine Sensation. Und sein Name macht die Runde. Produzent Walter Legge hört ihn bei einem Vorsingen mit Mozart und dem Don José aus Bizets "Carmen" und engagiert ihn vom Fleck weg für die erste nicht-russische Studioaufnahme von Mussorgskys "Boris Godunow".

Für Gedda kein Problem: Russisch ist neben Schwedisch und Deutsch eine seiner Muttersprachen. Mittlerweile kann er akzentfrei auch Englisch, Französisch und Italienisch. Die Opernwelt und die Tenorpartien stehen ihm offen. 1953 das Debüt an der Scala, 1954 Paris und Covent Garden London, 1957 die Met in New York. Hier wird Gedda in den nächsten Jahrzehnten knapp 30 verschiedene Partien singen, darunter die Uraufführung von Samuel Barbers "Vanessa". Sein Hauptrepertoire: das französische, italienische und russische Fach des 19. Jahrhunderts - und immer wieder Mozart.

Fulminante Gesangstechnik

Dass Nicolai Geddas Stimme eine lange und erfolgreiche Karriere fast ohne Verschleiß und in wunderbarer Leichtigkeit durch- und überlebt, liegt an seiner fulminanten Gesangstechnik und der Perfektion der "voix mixte", der Mischung aus Brust- und Kopfstimme, die Registerwechsel zum Kinderspiel werden lässt. Es liegt aber auch an Geddas intuitiver Klugheit. Wagners "Lohengrin" singt er einmal, mit Bravour - und probiert es nie wieder: "Ich habe mit 'Lohengrin' nur einen Versuch gemacht. Und das in dem kleinen Theater in Stockholm. Es ging gut, war ein großer Erfolg, aber ich habe sofort gespürt, dass das nichts für meine Stimme ist. Eine lyrische Stimme soll nicht Wagner singen."

Wem genug zu wenig ist, dem ist nichts genug, sagte Epikur. Nicolai Gedda wusste wie kein Zweiter um seine stimmlichen Möglichkeiten und wurde dafür mit einer Bilderbuchkarriere beschenkt, oder wie Jens Malte Fischer resümiert: Wer für Singen als Kunst etwas übrig hat, der fühlte und fühlt sich bei Gedda immer aufgehoben wie in Abrahams Schoß.

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