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Das Quatuor Van Kuijk im BR-KLASSIK Studiokonzert "Man spürt, ob das Publikum mitgeht"

"Ein Streichquartett ist wie ein Paar ohne Sex", sagt Sylvain Favre-Bulle vom Quatuor Van Kuijk. Das junge französische Streichquartet spielt am 17. Oktober im BR-KLASSIK-Studiokonzert im Studio 2 des Münchner Funkhauses. Auf dem Programm stehen Werke von Claude Debussy, Maurice Ravel und Leoš Janáček. Wie der holländische Name des Quartetts zustande kam und welche Einflüsse Wettbewerbsgewinne auf die Karriere des Ensembles hatten, das verraten der zweite Geiger Sylvain Favre-Bulle und der Bratschist Emmanuel Francois im Interview mit BR-KLASSIK.

Quatuor Van Kuijk | Bildquelle: © Nikolaj Lund

Bildquelle: © Nikolaj Lund

Das ganze Interview zum Anhören

BR-KLASSIK: Wie sehen Sie beide Ihre Rolle im Quartett, die Mittelstimmen?

Emmanuel Francois: Wir spielen eine wesentliche Rolle im Quartett, vor allem in Bezug auf Harmonie und Rhythmus.

Sylvain Favre-Bulle: Oft hört man unsere Stimmen nicht explizit. Aber wir haben eine sehr wichtige Aufgabe, weil wir die Verbindung zwischen der tiefen Stimme und der luftigen Höhe darstellen. Wir bilden sozusagen die goldene Mitte und versuchen, dem Klang genug Raum zu geben. Die Melodie soll sich frei entfalten können, während wir den Klang aus dem Inneren heraus verdichten. In manchen Quartetten lassen die Mittelstimmen dem Bass und der Melodie zu viel Raum.  Wir sind also auch für die Balance zuständig.

BR-KLASSIK: Sie kommen aus Frankreich. Der Name des Quartetts klingt aber erst einmal gar nicht französisch, sondern holländisch. Wie kommt das? Wie kam es zu diesem Namen?

Sylvain Favre-Bulle: Schuld daran ist unser erster Geiger. Sein Großvater war Holländer. Nicolas ist Franzose, stammt aber von vier verschiedenen Nationalitäten ab: Eine Hälfte ist japanisch, ein Viertel spanisch und das andere Viertel holländisch. Und dieses holländische Viertel hat uns den Namen gegeben. Ein Quartett wird ja traditionell nach dem Primarius benannt, diese Tradition wollten wir fortführen.

Man spürt, ob das Publikum mitgeht oder nicht.
Sylvain Favre-Bulle

BR-KLASSIK: Wie arbeiten Sie heute im Quartett, wie üben Sie? Kommen Sie erst in der Probe zusammen, wenn jeder seine Stimme intensiv geübt hat? Oder wird erst einmal zusammen gelesen und vorab einiges besprochen und festgelegt?

Sylvain Favre-Bulle: In letzter Zeit haben wir uns angewöhnt, ein neues Stück zuerst einmal gemeinsam durchzusehen. Dabei legen wir die grobe Richtung fest, damit jeder von uns weiß, wo es hingehen soll. Dann beginnt die eigentliche Arbeit, jeder versucht seinen Part so gut wie möglich vorzubereiten. Wenn alle soweit sind, treffen wir uns zu viert, um zunächst einmal rein technisch zu arbeiten. Dann geht es um die zentrale musikalische Arbeit, um Interpretation und Phrasierung. Im nächsten Schritt widmen wir uns konkret der Konzertvorbereitung. Denn erst im Konzert stellt sich tatsächlich heraus, ob man mit einem neuen Stück auf dem richtigen Weg ist. Man spürt, ob das Publikum aufmerksam ist, ob es mitgeht oder nicht.

Erfahrungen mit berühmten Lehrern

BR-KLASSIK: Sie hatten die Möglichkeit, mit renommierten Quartetten zu arbeiten, etwa mit Musikern des Alban Berg Quartetts, des Artemis Quartetts und des Hagen Quartetts. Was konnten Sie von den einzelnen Musikern oder Quartetten mitnehmen?

Quatuor Van Kuijk | Bildquelle: Nikolaj Lund Das Quatuor Van Kuijk. | Bildquelle: Nikolaj Lund Sylvain Favre-Bulle: In jedem Falle ist es sehr interessant, dass jedes Quartett eine ganz eigene Persönlichkeit hat. Ich glaube, wir haben von jedem das Beste mitgenommen. Ein guter Lehrer bringt einem die besten Kniffe bei. Vom Alban Berg Quartett und vor allem von Günter Pichler haben wir viel über Qualität gelernt. Über die Qualität des Spielens, des Klangs, und die Qualität des Ausdrucks. Eine Interpretation kann ja nur überzeugen, wenn sie gut durchdacht ist. Der zweite Geiger Gerhard Schulz konzentriert sich wiederum ganz auf die Phrasierung. Eine Phrasierung, die sich an der Stimme orientiert. Er ist selbst übrigens ein hervorragender Sänger. Dann wäre da noch Heime Müller, der früher im Artemis Quartett war. Er hat uns sehr viel über das Zusammenspiel im Quartett beigebracht – also über die Beziehung der einzelnen Instrumente untereinander. Das hat geholfen, Rollen zu finden und immer wieder neu zu hierarchisieren. Rainer Schmidt vom Hagen Quartett dagegen hat sich unglaublich viel Gedanken weit über die Musik hinaus gemacht. Jeder Kurs bei ihm wird zu einer Art spirituellen Reise. Er betrachtet jedes Thema in einem größeren philosophischen, historischen und musikalischen Zusammenhang.

Ein guter Lehrer bringt einem die besten Kniffe bei.
Sylvain Favre-Bulle

BR-KLASSIK: Was heißt das für Sie, zusammen Musik zu machen, miteinander zu reisen, konzertieren und üben, kurz: miteinander leben im Quartett? Inwieweit kamen Sie da auch an Grenzen?

Emmanuel Francois: Für mich hat sich mit meinem Eintritt in das Quartett sehr viel verändert. Davor bin ich fast immer allein gereist oder mit ständig wechselnden Musikern. Jetzt ist das ganz anders, weil ich enorm viel Zeit mit denselben drei Menschen verbringe. Glücklicherweise verstehen wir uns alle so gut. Mir kommt es so vor, als hätte ich nun drei neue Brüder, mit denen ich eine wunderbare Zeit verbringe, sowohl musikalisch wie menschlich.

Sylvain Favre-Bulle: Abgesehen von der eigenen Familie kommt man sich in einem Quartett bestimmt am nächsten. Ich sage immer, ein Streichquartett ist wie ein Paar ohne Sex. Inzwischen sind wir nicht nur Freunde, sondern eher wie Geschwister. Wir kennen uns durch und durch, jede positive und auch jede negative Eigenschaft der anderen. Wir haben ein großes gegenseitiges Vertrauen und sind vollkommen ehrlich miteinander. Man durchläuft wirklich eine menschliche Entwicklung im Streichquartett.

Wettbewerbserfolge als Karriere-Push

BR-KLASSIK: Sie haben als Quartett schnell Preise gewonnen: etwa 2015 den 1. Preis beim Internationalen Streichquartettwettbewerb der Wigmore Hall London und den 1. Preis beim Internationalen Kammermusikwettbewerb im norwegischen Trondheim. Rückblickend: Was haben Ihnen diese Preise als Quartett gebracht?

Sylvain Favre-Bulle: Für unsere Karriere waren sie sehr positiv. Der Preis in Trondheim war vielleicht nicht ganz so bedeutend wie derjenige in London. Aber jeder Preis kam gerade zum richtigen Zeitpunkt in unserer Laufbahn. Konzerteinladungen zu bekommen ist für ein neu gegründetes Streichquartett sehr schwer. In der Regel muss man erst einmal Geld in die Hand nehmen, um sich der Öffentlichkeit vorstellen zu können. Wenn man einen Wettbewerb gewinnt, garantiert das meist zehn oder zwanzig Konzerte. So kann man sich ein Netzwerk aufbauen. Nach dem renommierten Preis von London wurde das sehr viel einfacher. Seit ungefähr drei Jahren spielen wir nun 80 bis 100 Konzerte pro Saison. Das war für uns alle zunächst eine Umstellung. Davor hatten wir immer sehr viel Zeit, um zu proben, nachzudenken, Repertoire zu erarbeiten. Jetzt bleibt dafür sehr viel weniger Luft, weil wir ständig Termine haben. Unsere Karriere wurde durch die Wettbewerbserfolge also sehr gepusht.

Diese Musik ist aus vollem Herzen geschrieben worden, teilweise in einer Art Wahn.
Sylvain Favre-Bulle über Leoš Janáčeks Streichquartett Nr. 1

BR-KLASSIK: Im Studiokonzert kombinieren Sie die Streichquartette von Debussy und Ravel mit Janáčeks "Kreutzersonate", seinem 1. Streichquartett. Was liegt Ihnen an dieser Dramaturgie?

Sylvain Favre-Bulle: Die französische Musik von Ravel und Debussy liegt uns persönlich sehr am Herzen. Wir haben sie von Beginn an gespielt. Gerade haben wir diese Quartette auch aufgenommen, die CD ist am 20. September erschienen. Hier spiegeln sich all unsere Gedanken und die stilistische Beschäftigung wieder. Janáček haben wir dann während unserer Arbeit an seinem 2. Streichquartett "Intime Briefe" schätzen gelernt. Da wollten wir dann auch sein 1. Quartett einstudieren. Das ist außergewöhnliche Musik, völlig anders und eigenständig. Sie ist nicht sehr angenehm für Streichquartett notiert. Man muss sich die Noten gewissermaßen erst selbst einrichten, die Nuancen, die Dynamik, manchmal sogar die Noten selbst präparieren, um diese Musik zum Klingen zu bringen. Sie ist aus vollem Herzen niedergeschrieben worden, teilweise in einer Art Wahn. Das hat mich schon immer fasziniert. Es ist unglaubliche Musik, wenn sie gut gespielt wird. Zudem ist die "Kreutzersonate" äußerst poetisch. Für mich sollte Musik immer eine Geschichte erzählen. Daher mag ich es sehr, wenn wir mit einem solchen Werk dem Publikum das Gefühl vermitteln können, uns auf einer Reise zu begleiten.

Sendung: "Leporello" am 16. Oktober 2017, ab 16.05 Uhr auf BR-KLASSIK

BR-KLASSIK-Studiokonzert mit dem Quatuor Van Kuijk

Dienstag, 17. Oktober 2017, im Studio 2 des Münchner Funkhauses
Beginn: 20.00 Uhr

Programm:
Claude Debussy - Streichquartett g-Moll, op. 10
Leoš Janáček - Streichquartett Nr. 1 "Kreutzersonate"
Maurice Ravel - Streichquartett F-Dur

BRticket: Telefon 089 / 5900 - 10 880
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