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Interview - Pauker Christian Obermaier Dem Lampenfieber auf der Spur

Musiker müssen auf der Bühne stets Höchstleistungen bringen und mit großem Druck umgehen können. Stress und Lampenfieber sind daher weit verbreitet. Um dem entgegenzuwirken hat Christian Obermaier, Pauker im Münchner Rundfunkorchester, ein spezielles Mentaltraining für Musiker entwickelt und bietet entsprechende Workshops an. Was es damit auf sich hat, verrät er im Interview mit BR-KLASSIK.

Christian Obermaier | Bildquelle: (c) Frank Bloedhorn

Bildquelle: (c) Frank Bloedhorn

Das Interview zum Anhören

BR-KLASSIK: Sie sind Solo-Pauker beim Münchner Rundfunkorchester. Die Pauker - das sind die, die ewig lange warten. Dann machen sie einen lauten Rumms, und wenn sie den an der falschen Stelle machen, kriegt es wirklich jeder im Konzertsaal mit. Das ist also gewissermaßen ein Job auf Messers Schneide. Muss man da besonders cool und gelassen sein? Oder muss man, genau umgekehrt, vielleicht der Typ sein, der total fokussiert ist auf diesen Moment?

Christian Obermaier: Also ideal ist die Kombination aus beidem, dass man wirklich fokussiert ist auf das, was jetzt dran ist und auch cool und gelassen bleiben, um diesen Fokus herzustellen und zu behalten. Ich nenne den Menschen immer "System". Wenn Nervosität im System ist, richten wir ja ganz instinktiv unseren Fokus auf diese Nervosität, und dann kriegt es unglaublich viel Kraft. Ein SOS-Werkzeug ist, den Fokus auf den Atem zu lenken und damit weg von dieser Nervosität zu kommen. Gestützt auf ein Training, das vorher gemacht wurde, ruft der Körper sofort einen anderen Zustand ab.

Je bekannter das Orchester ist, desto mehr Betablocker werden genommen.
Christian Obermaier

BR-KLASSIK: Was man immer wieder hört und mitkriegt: Speziell Musiker bringen immer Höchstleistungen in den Spitzenorchestern, Sänger auf den großen Bühnen natürlich genauso. Wir nehmen das im Publikum oft als selbstverständlich, was es aber nicht ist. Da gibt es nun Hilfsmittel der fragwürdigen Art, wie zum Beispiel Betablocker. War das für Sie auch ein Auslöser, überhaupt diese Trainings anzubieten?

Christian Obermaier: Ich habe diese Hilfsmittel nie verwendet. Ich weiß von meinen Klienten, dass sie sehr verbreitet sind. Je bekannter das Orchester ist, desto mehr Betablocker werden genommen, es ist leider so. Je mehr Stress im Orchester oder durch die Umstände existiert, desto mehr wird nach Hilfsmitteln gesucht. Mein Anlass war ein ganz anderer, weil ich durch einen eigenen Lebensweg zu mentalen Techniken gekommen bin, die mich selber vorwärts gebracht haben. Kollegen haben mich dann gefragt: Was machst du denn da? Hast du mal Zeit? Und so haben sich die ersten Coachings und daraus ein Training entwickelt, das ich speziell für Musiker zusammengestellt habe.

Erkennen, wie der Mensch funktioniert

BR-KLASSIK: Stellen Sie schon fest, dass sie helfen konnten?

Christian Obermaier: Das habe ich relativ schnell festgestellt, und auch, dass zuerst die Aufklärung wichtig ist. Man muss erstmal erkennen: Wie funktioniert der Mensch? Wie funktioniert der Geist? Woher kommt dieses Lampenfieber? Dann kann man diese Werkzeuge einsetzen und wunderbar helfen.

Vom Lampenfieber zur Spielfreude

Musiker Mentaltraining mit Christian Obermaier
Der nächste Workshop findet am 22. April von 10:00 - 17:30 Uhr im Funkhaus des Bayerischen Rundfunks (Proberaum 6) statt.

BR-KLASSIK: Ich kann mich an ein Gespräch mit der großen Mezzosopranistin Waltraud Meier erinnern, die erzählt hat, dass sie am Anfang ihrer Karriere mit Lampenfieber nie Probleme hatte. Je länger die Karriere gedauert hat, desto mehr ist es gekommen. Zu einem Zeitpunkt also, als sie schon berühmt war, hat sie das sehr irritiert. Und dann hat sie irgendwann gesagt: "Na gut, ich muss es akzeptieren, es ist so. Jetzt bist du heute wieder da, dann gehe ich eben mit dir auf die Bühne, Lampenfieber." Ist das auch ein Weg, eine Methode?

Christian Obermaier: Akzeptanz ist der erste Schritt. Sich dagegen zu stellen, macht es nur schlimmer. Akzeptanz ist aber nur der erste Schritt, da sollte natürlich etwas folgen. Und ich würde liebend gerne Waltraud Maier hier den zweiten Schritt verraten. Ich vergleiche es mal mit einer Zwiebel. Frau Maier hatte ja anfangs relativ wenig oder überhaupt kein Lampenfieber. Und dann bauen sich wie bei einer Zwiebel Schichten auf, die aus Erwartungen bestehen. Das können eigene Erwartungen sein, Erwartungen von draußen, vom Management, oder wie bei mir vom Orchester: Ich bin jetzt im Rundfunkorchester und das ist ein gewisser Status, da bauen sich Zwiebelschichten auf und erzeugen Druck. Und wenn dann noch ein größerer Fehler passiert, dann heftet der sich an diese Zwiebelschale außen dran. Dann kommt noch ein blöder Kommentar von einem Kollegen. Dann kommt das eigentliche Perfektionsdenken und dann habe ich zehn, fünfzehn, zwanzig Zwiebelschichten. Das nennt sich dann Nervosität.

Sendung: "Leporello" am 17. April 2018, 16:05 Uhr auf BR-KLASSIK

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