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Konzert von Maurizio Pollini in Hamburg Buhrufe für Flüchtlings-Stimme

Beim Konzert von Maurizio Pollini am Montag in der Hamburger Laeiszhalle kam es zu einer unerwarteten Situation: Ein per Lautsprecher eingespieltes Statement eines afghanischen Flüchtlings zum Thema "Freiheit“ löste Proteste unter den Zuhörern aus.

Maurizio Pollini | Bildquelle: Imago/Leemage

Bildquelle: Imago/Leemage

"Freiheit“, so lautet das Thema des 2. Internationalen Musikfests in Hamburg. In Zusammenarbeit mit der Elbphilharmonie und der Körber-Stiftung entstand dazu das Projekt „Freiheitsstimmen“. In Tonaufnahmen machen sich Flüchtlinge Gedanken zum Thema "Freiheit“.  Die Kulturwissenschaftlerin Dorothee Kalbhenn hat dafür eine Dramaturgie entwickelt, nach der bei jedem der 28 Konzerte ein Statement eines Flüchtlings per Band eingespielt wird.

28 Konzerte, 28 Flüchtlingsstimmen

"Das Konzept der Freiheitsstimmen sieht eigentlich vor, dass die jeweilige Freiheitsstimme erst erklingt, wenn der Künstler die Bühne bereits betreten hat und dann noch einmal innehält", so Kalbhenn. Auf diese Weise sei die maximale Aufmerksamkeit gewährleistet - "und auch die Gewissheit für das Publikum, dass dieser Beitrag gewollt und vollwertiger Teil des Bühnengeschehens ist."

Maurizio Pollini entschied sich kurzfristig um

Maurizio Pollini entschied bei seinem Konzert am Montag kurzfristig, erst nach dem Zuspieler der "Freiheitsstimme" aufzutreten. Diese kam an jenem Abend vom 18-jährigen Mostafa aus Afghanistan. Während der zwei-Minuten Zuspieler eingangs lief, kam es zu Unruhe im Saal, auch zu Buhrufen.

Freiheitstimme von Mostafa:

"Freiheit bedeutet für mich: Ich darf meine Meinung äußern, ich darf leben, wie ich will, ich kann wohnen, wo ich will. Das bedeutet, es ist egal, welche Religion ich habe. In Afghanistan hat man diese Freiheit nicht. Man kann sich nicht frei im Land bewegen. Die Gefahr ist zu groß, auf dem Weg von den Taliban aufgehalten und entweder verhaftet oder ermordet zu werden. Nur weil man der Volksminderheit der Hazaran angehört, die schon seit Jahrhunderten vom Staat und anderen Ethnien diskriminiert wird. Später, im Iran, hatte ich auch keine Freiheit. Zum Beispiel durfte ich nicht zur Schule gehen. Auf die Polizei kann man sich auch nicht verlassen. Sie kümmert sich nicht um die Afghanen. Wegen dieser und noch vieler anderer Umstände mussten meine Familie und ich den Iran wieder verlassen. Aber nur ich konnte nach Europa fliehen. Nun lebe ich in Deutschland, einem freien Land. Niemand sagt mir, welchen Glauben ich vertreten oder welche Sprache ich sprechen darf. Hier kann ich lernen, hier habe ich viele Möglichkeiten. Ich versuche sie immer in allerbester Weise zu nutzen und eine schöne Zukunft aufzubauen, damit ich mich irgendwann dafür revanchieren kann." Mostafa, 18 Jahre, seit 13 Monaten in Deutschland

Beim Abend mit Thomas Hampson gab es Szenenapplaus

Bei den bisherigen rund 15 Freiheitsstimmen habe es keine Probleme gegeben, so Dramaturgin Dorothee Kalbhenn: "Beim Abend mit Thomas Hampson gab es sogar zwei Freiheitsstimmen - und jedes Mal Szenenapplaus." Kalbhenn ist sich sicher, dass die Reaktion des Publikums nicht durch das Flüchtlings-Statetment ausgelöst wurde, sondern durch die für das Publikum unverständliche Dramaturgie - das Publikum habe den Konzertbeginn erwartet, keine Stimme aus dem Lautsprecher.
Mostafa selbst war beim Konzert dabei. Auf die Tumulte im Publikum reagierte er nach Auskunft von Kalbhenn gelassen. Es herrsche eben Meinungsfreiheit in Deutschland, so Mostafa. Maurizio Pollini ging während seines Auftritts nicht auf die Situation ein. Er unterstütze aber das Projekt und die Idee mit den Zuspielern - so die Veranstalter.

Kommentare (1)

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Donnerstag, 12.Mai, 14:55 Uhr

Matthias

Pollini-Konzert mit Freiheits-Stimme

Vielen Dank für die umfassende Information!

Durch Veröffentlichen des Textes
kann man sich einen eigenen Eindruck machen,
durch die Beschreibung der Umstände ebenso.

Schade, dass an diesem Abend der Eindruck entstand,
der Einspieler habe nichts mit dem musikalischen Auftritt zu tun.

Persönlich empfinde ich es als
kreative Form der Auseinandersetzung mit dem wichtigen Thema Freiheit,
bei der es auch auf die genaue zeitliche Abstimmung ankommt.
Beim nächsten Auftritt sollte es wieder stimmen.

Nochmals vielen Dank für die Info.

Vom BR erlebe ich das auf sehr hohem Niveau.

Matthias aus Baden-Württemberg

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