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ARD-Musikwettbewerb 2017 - Fach Violine Durchhalten mit Bach

Sich Solosonaten von Johann Sebastian Bach anhören zu können - auf höchstem Niveau und bei freiem Eintritt: purer Luxus - meint BR-KLASSIK-Autor Ulrich Möller-Arnsberg und beschreibt seine Eindrücke vom Beginn des ARD-Wettbewerbs 2017 im Fach Geige.

Eine Violinistin und ihre Violine während des ARD Musikwettbewerbs in den Proberäumen der Hochschule für Musik und Theater in München. | Bildquelle: BR/Fabian Stoffers

Bildquelle: BR/Fabian Stoffers

Wie robust die große Musik des alten Johann Sebastian ist, fällt mir gerade jetzt bei den Wettbewerbsvorspielen im Großen Konzertsaal der Münchner Musikhochschule auf. Sie wirkt wie ein kraftvoll-energetischer Gegenpol zum unruhigen Kommen und Gehen im Auditorium, sobald einer der Geigerinnen und Geiger sein halbstündiges Vorspiel absolviert hat.

Paganini als Erfrischung

Ein Informationsschild in der Eingangshalle der Hochschule für Musik und Theater in München während des ARD Musikwettbewerbs. | Bildquelle: BR/Fabian Stoffers Das Informationsschild in der Eingangshalle der Hochschule für Musik und Theater in München mit dem Hinweispfeil zum Durchführungsort. | Bildquelle: BR/Fabian Stoffers Yu Kurokawa, der junge japanische Geiger fasziniert mich. Er ist als zweiter Kandidat an der Reihe und muss besonders lange warten, bis im Saal der passende Moment gekommen ist, um anzufangen. Dann setzt er den Akkord zum Auftakt des Grave in Bachs a-Moll-Sonate. Nach Kurokawas Bach-Interpretation folgen im Laufe des ersten Wettbewerbsdurchgangs 34 weitere. Ich spüre, welche mich mehr, welche mich weniger berührt. Die Paganini-Capricen, die jeder als Pflichtstück spielen muss, um seine Brillanz zu zeigen, wirken für mich jeweils wie eine kleine, erfrischende Brause zwischendurch.

Mit dem richtigen Instrument ins Rennen gehen

In den Biografien der Kandidaten habe ich gelesen, dass mit ihnen viele der alten italienischen und französischen Geigenbauer ins Rennen gehen: Antonio Stradivari ist mit einer Geige aus dem Jahr 1706 vertreten, Carlo Tononi mit einer von 1727, Tomaso Balestrieri mit einer von 1760 und der Franzose Nicolas Lupot mit einer von 1790. Auf Lupots Instrument spielt die Amerikanerin Mimi Jung, die den Wettbewerb im Fach Geige eröffnet hat. Von wem eine Geige ist, sei gar nicht so wichtig, sagt sie. "Die Geige muss zu dir passen!", meint sie und lacht. Es gibt auch Teilnehmer mit modernen Instrumenten: Friederike Starkloff spielt eine Geige von Julia Maria Pasch aus dem Jahr 2014: Natürlich verfolge sie den Wettbewerb ganz genau mit, erzählt die Geigenbaumeisterin am Telefon.

Du musst weiterproben und so tun, als würdest du drankommen.
Sarah Christian, Teilnehmerin beim ARD-Musikwettbewerb 2017 im Fach Geige

Es gibt die jungen solistischen Talente, die noch nicht volljährig sind, wie die beiden 17-Jährigen Louis Vandory und Sophie Wang. Es gibt die, die noch studieren. Wie die Amerikanerin Mimi Jung, die in Maastricht ihren Master macht. Und dann sind da noch die, die schon seit ein paar Jahren im Orchester spielen und nebenbei eine Karriere als Solisten planen. Die jüngeren beeindrucken durch ihr unmittelbares, zupackendes Spiel, die älteren durch reiferen Ausdruck. Zu ihnen zählt die 27-jährige Sarah Christian, Konzertmeisterin bei der Deutschen Kammerphilharmonie Bremen. Anders als die meisten Kandidaten, denen der Wettbewerb einen Korrepititor zur Verfügung stellt, hat Sarah ihre eigene Klavierpartnerin, Lilit Grigoryan, an ihrer Seite.

Ich treffe mich mit Sarah am Tag nach ihrem Vorspiel. Im Münchner Gasteig probt sie mit Lilit Grigoryan das Programm für die zweite Runde. Für alle Fälle. Denn Sarah weiß zu diesem Zeitpunkt noch gar nicht, dass sie eine Runde weiter gekommen ist. Es fühle sich ein bisschen komisch an, so in der Schwebe zu sein, wie es ausgeht, sagt sie. "Aber klar, du musst natürlich weiterproben und so tun, als würdest du drankommen."

Im Wettbewerb als Team

Eine Violinistin während des ARD Musikwettbewerbs in den Proberäumen der Hochschule für Musik und Theater in München. | Bildquelle: BR/Fabian Stoffers Eine Violinistin während des ARD Musikwettbewerbs in den Proberäumen der Hochschule für Musik und Theater in München. | Bildquelle: BR/Fabian Stoffers Vor sechs Jahren haben sich die beiden Musikerinnen in Berlin kennengelernt, als Assistentinnen ihrer Professoren. Der ARD-Musikwettbewerb ist ein Projekt unter vielen in ihrem Kalender. Anfang August war Sarah, die bei Antje Weithaas studiert, mit der Deutschen Kammerphilharmonie bei den "Proms" in London. Lilit hatte ein Engagement in Portugal. Nach dem Wettbewerb geht es für beide weiter mit Terminen in Berlin, Bremen, Rostock und München. Den Wettbewerb nutzen sie auch als Gelegenheit, das gemeinsame Repertoire zu üben und zu vertiefen.

Auf mich wirken die beiden wie gute Freundinnen mit viel Temperament und Lebensfreude. Dunkler Lockenschopf, neben ihr liegt eine Zigarettenschachtel: Sarah entspricht nicht dem Klischee "klassische Geigerin". Ich sage es ihr, und sie nimmt es lachend als Kompliment. Zur Selbstüberschätzung neigen die beiden Musikerinnen nicht. Ob die Musik, die sie im Wettbewerb spielen, am Ende ideal klingt und so vielleicht auch die Jury überzeugen kann, das habe viel mit der Tagesform zu tun, meinen die beiden, - und mit Glück.    

    

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