BR-KLASSIK

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Sonntag, 05.07.2020

10:00 bis 11:00 Uhr

BR Fernsehen

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Carlos Kleiber | Bildquelle: Bayreuther Festspiele GmbH

Bildquelle: Bayreuther Festspiele GmbH

BR-KLASSIK: Carlos Kleiber

Ich bin der Welt abhanden gekommen

Carlos Kleiber, der exzentrische und öffentlichkeitsscheue Dirigent war ein legendenumwobener Perfektionist, der für seine brillanten Interpretationen wie für seine seltenen Auftritte berühmt war.

Mitwirkende

 
Redaktion Beate Sampson
Der Film beginnt mit einem Probenmitschnitt: Ein dunkles, verwaschenes Schwarz-Weiß-Bild, eingefangen von der Dirigentenkamera bei den Tristan-Proben 1976 in Bayreuth, in dem sich die Quintessenz der Kleiber‘schen Einmaligkeit auf wunderbare Weise verdichtet. Nur wenige Momente dieses Blickes zurück durch ein magisches Zeitfenster genügen, um das Konkrete hinter dem Mythos Kleiber erfahrbar zu machen: Die weitausladenden, fließenden, hochästhetischen Bewegungen des schlaksigen Körpers mit seinen langen muskulösen Armen drücken intuitiv Wagners Musik in ihrer ganzen Tiefe und Schönheit aus – mögen sie auch gegen jede Lehrmeinung verstoßen.

Wann immer man Kleiber vor einem Orchester agieren sieht, spürt man, dass er die Musiker buchstäblich "in der Hand hat". Man muss gar nichts von Dirigiertechnik verstehen, um das beurteilen zu können, man kann es hören und sehen, es fühlen in der Symbiose von Dirigent und Orchester. Der ganze Mensch Kleiber lebt in der Musik, sie durchfließt ihn frei und ungehindert, und er vermag das zu vermitteln, vermag Musik ohne jede Gehemmtheit in Bewegung zu übersetzen, auf eine Art, die nur und ganz die seine ist.

Immer wieder wird in den ersten Filmminuten auf dieses Bayreuth-Dokument geschnitten, das in seiner Ausdrucksstärke von Anfang an Sinn und Perspektive stiftet: Wer derart nach den Sternen zu greifen vermag wie Carlos Kleiber, wer sich derart der Kunst hingibt, wie er es getan hat, der muss vielleicht an Teilaspekten des Lebens scheitern, der kann vielleicht nicht tagein, tagaus seinem Beruf nachgehen und brav im gesellschaftlichen Sinne funktionieren. So ist Carlos Kleiber diesem Aspekt unserer Welt wohl einfach deshalb abhandengekommen, weil er, bei allem Zaudern, Zweifeln und Verzweifeln, stets er selbst geblieben ist.

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